„Kaspar“ – „Sätze gegen Sätze“ und der Einfluss von Sprache


Nacheinander schreiten die „Einsager“ langsam auf die Bühne, bleiben auf ihrer festgelegten Position stehen und blicken einem schon fast statuenhaft entgegen. Und dann kommt Kaspar durch den Vorhang auf die Bühne, taumelnd, mit dem Hemd aus der Hose hängend und offenem Schuh. Er wiederholt immer wieder seinen eigenen ganz speziellen Satz, fällt dabei jedoch über die ganze Bühne sogar hinter den Vorhang, scheinbar orientierungslos und nicht Herr seiner Gliedmaßen. Bis die anderen anfangen auf ihn einzureden und seine Sprechweise an ihre eigenen Vorstellungen anzupassen.

In der Mulde des Ludwig Forums für Internationale Kunst steht die Bühne auf der sich „Kaspar“, aufgeführt vom Theater K, unter der Regie von Guido Rademachers, abspielt. Das 70 Minuten lange Schauspiel passt mit seiner Thematik sehr gut in die Ausstellung „Flashes of the Future. Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen“. Für Peter Handke, den Autor des Stückes, sind entscheidende Inhalte von „Kaspar“ Sprache, Aufbruch und Rebellion, in diesem Falle gerichtet gegen die Domestizierung des Menschen in der Gesellschaft durch Sprache.
Mag das Schauspiel auch 50 Jahre alt sein, hat es trotz allem nicht an Aktualität verloren, denn auch in unserer heutigen Zeit ist Sprache ein entscheidendes Werkzeug der Manipulation im Gesellschaftssystem. Schon damals bei der Uraufführung wurde das Stück von Zeitkritikern als „ein politisches Stück das unsere Situation genau trifft, (…) das zunehmende Diktat von Leitbegriffen und Leitworten, die den einzelnen seinen Geschmack, seine Gedanken über Zusammenleben und Zukunft vorzuschreiben versuch(t)“ betitelt und in gleichem Maße findet man sich auch selber 50 Jahre später immer noch thematisch wieder. Ordnung, Arbeit, Effizienz und Konsumkritik werden einem an kuriosen und verstörenden Momenten veranschaulicht, mit Sätzen, die sich einer Folterung gleichend, immer wieder zu wiederholen scheinen. Mit Wortwahl, -betonungen und Satzbau wird bereits zu Beginn in dem in Phasen unterteiltem Theaterstück kunstvoll der Unterschied zwischen Kaspar und den anderen Charakteren deutlich, denn immer wieder muss er versuchen, sich gegen die Sätze der Anderen zu behaupten.


Am Anfang noch über die Bühne taumelnd und chaotisch, umringen ihn die „Einsager“ und versuchen, ihn mit ihren Sätzen eindringlich an ihre Vorstellung der Gesellschaft und Sprechweise anzupassen. Nicht nur die sehr eindrucksvolle Darstellung Kaspers durch Annette Schmidt, die mit vollem Körpereinsatz und ausdrucksvoller Mimik über die Bühne taumelt, unterstützt die Aussagekraft des Schauspiels. Auch das minimalistische Bühnenbild begünstigt dabei die ganze Szenerie, da das Augenmerk auf der Sprache liegt, die bis zum Ende hin immer extremer auf Kaspar und die Zuschauer einwirkt. In spannender Weise und mit überraschenden Wendungen entwickelt sich Kaspar und das spezielle Schauspiel bis zum Ende hin weiter und in gleicher Weise wird auch die Kritik an der Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse immer lauter und chaotischer, wo eigentlich Ordnung herrschen sollte.

Damals wie heute regt „Kaspar“ eindrücklich zum Nachdenken über den Umgang mit unserer Sprache an, in welcher Weise durch sie versucht wird Menschen anzugleichen und lässt einen auch lange nach dem Schluss in Gedanken versunken zurück.

Text & Fotos: Vanessa Chodak

Eintritt: 18 Euro, oder 13 Euro ermäßigt, mit dem Aachen Pass sogar nur 6,50 Euro
Tickets gibt es im Zeitungsverlag Aachen Kundenservice Medienhaus im Elisenbrunnen, KlenkesTicket im Kapuzinerkarree, Frankenberger Buchladen, oder per Telefon 0241 151155 und Email theater-k@arcor.de
Infos: theater-k.de/kaspar_index.htm

Spieltermine:
09.06. 2018
16.06. 2018
24.06. 2018
30.06. 2018
01.07. 2018
05.07. 2018
07.07. 2018
08.07. 2018
12.07. 2018

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