Im Gespräch mit Tim Berresheim stellt sich schon nach wenigen Sätzen das Hochgefühl ein, das man hat, wenn man auf die Überholspur wechselt, um dann leicht euphorisiert und mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit über die Piste zu jagen.* Es könnte sein, dass mich ein kräftiger Arschtritt von Berresheim dorthin befördert hat, aber ich sehe das sportlich und genieße einstweilen die Fahrt.

Die Moderne ist so tot wie Disco. Neue Sachen auf den Tisch

Wann genau die Moderne (für Berresheim) den Geist aufgegeben hat, ist nicht so ganz klar, bzw. ich war zu beschäftigt damit, ihm geistig zu folgen, als dass ich mir das alles hätte akribisch notieren können. Man möge mir das nachsehen. Jedenfalls ist nach Berresheim schon seit geraumer Zeit und speziell in den letzten Jahrzehnten nichts umwerfend Neues mehr passiert, was ihn entschieden langweilt. Wir befinden uns gerade in einer Übergangsphase, sagt er. Die Moderne ist so tot wie Disco und „die Resteverwalter und Bestandsschützer lügen“, um das tote Pferd noch möglichst lange und möglichst profitabel zu reiten. Ich bin geneigt, dem zuzustimmen. Nicht von ungefähr hat sich der Kunstmarkt, auch was die zeitgenössische Kunst angeht, mittlerweile praktisch verselbstständigt und entbehrt der Anbindung an die Lebensrealität vieler Menschen. Woraus man dem Kunstmarkt keinen Vorwurf machen kann. Handlungsbedarf besteht seitens der Kunst, wenn sie in Zukunft ein Publikum erreichen möchte.

Aus einer gewissen unverhohlenen Verachtung für eine tradierte und korrumpierte Kunstproduktion heraus hat Berresheim seinen eigenen Kodex (mein Begriff) für eine zeitgemäßere Kunst entwickelt. Hier kommt der Plan.

Die acht Stufen des neuen Deals. Ein Kreuzweg?

Die „Produktionskette“ nach Tim Berresheim umfasst acht Positionen. Man braucht das alles nicht zu wissen, um seine Bilder spannend zu finden. Aber man vergibt sich etwas, wenn man es sich nicht wenigstens einmal reingezogen hat. Er verhandelt diese acht Positionen nämlich in unterschiedlichen Medien und sie tauchen in unterschiedlichsten Zusammenhängen auf. So beispielsweise auf einer Langspielplatte seiner Band The Weight Watchers, die zur Eröffnung vorliegen wird. Die Trackliste, die genau den acht besagten Punkten entspricht, liest sich wie folgt: 1. Fundus, 2. Signum, 3. Delectus, 4. Haruspex, 5. Admodulari, 6. Subortus, 7. Excolo, 8. Paktum. Symbole für die Positionen tauchen unter anderem auch in den Bildern auf (bei denen es sich in der Regel um Digitalprints oder Siebdrucke handelt). In der Ausstellung im NAK geht es explizit um Position 4 (Haruspex, „das erwartungsfrohe Sich-Einlassen auf unbekanntes Terrain im Allgemeinen und neue Optionen der digitalen Bildherstellung im Besonderen“).

An dieser Stelle bietet sich ein Exkurs zur Bildfindung und zur Verwendung digitaler Techniken bei Berresheim an. Ein Beispiel, das im Gespräch bei mir kleben blieb, stellt sich wie folgt dar. Man stelle sich vor: einen virtuellen, dreidimensionalen Raum. Ein deformiertes Objekt, das entfernt an eine vereiste Dachrinne erinnert. Das Objekt wird mit Dampf beschickt, der wiederum entfernt an Flüssigstickstoff erinnert. Das sieht super aus, taugt aber nicht als Datenmodell, welches sich künstlerisch weiterverwerten lässt. Berresheim schreibt ein Programm, das an den Dampf kleine grüne Kügelchen heftet, deren Bewegungen getrackt werden. Je nach Verhalten (Geschwindigkeit, Abstand zur nächsten benachbarten Kugel und so weiter) ändern die einzelnen Kugeln ihre Farbe und hinterlassen Bewegungsspuren, wo immer sie der Dampf hinträgt. Das Ganze lässt sich beliebig drehen und wenden. Genügt das Ergebnis den formalen Ansprüchen des Künstlers, wird es gerendert und ausgedruckt. Theoretisch (und auch praktisch) kann der Betrachter aber auch mit dem 3D-Objekt interagieren. Besucher von Berresheims Ausstellung im Ludwig Forum (2015) kamen durch die Zusammenarbeit mit der aixCAVE an der RWTH Aachen (weltweit größte Virtual-Reality-Installation zur Darstellung immersiver, virtueller Umgebungen) in diesen recht exklusiven Genuss. Eine weitere Variante ist, dass zu einem gerenderten und gedruckten Bild (oder einer Reproduktion davon, beispielsweise in einem Katalog) mittels einer Augmented-Reality-App animierte, dreidimensionale Objekte hinzugefügt werden.

Die mathematisch-technischen Verfahren, die Berresheim anwendet, sind weder Selbstzweck noch Spielerei, sondern ein Mittel, um zu Bildern (oder vielen Instanzen von Bildern) zu gelangen, die weder gegenständlich noch abstrakt, sondern ganz einfach etwas anderes und von diesen Kategorien Befreites sind. Das alles hat eindeutig etwas Visionäres, dem man sich nur schwer entziehen kann. Man hat tatsächlich das Gefühl, einem Schöpfungsakt beizuwohnen. Vielleicht landen wir deshalb im Gespräch irgendwann bei religiösen Implikationen. Ich bemühe an dieser Stelle stattdessen lieber den Begriff „Privatmythologie“, den ich dem Pressetext zur Ausstellung entnehme und der wahrscheinlich zutreffender ist.

Ich denke, es wird deutlich, dass es keineswegs um die Simulation (realer Stoffe und Formen) geht, sondern um das, was Berresheim die Erschaffung ungesehener Bilder nennt. Es gibt für die Annäherung an seine Arbeiten keine bessere Empfehlung als die, sich von bisherigen Sehgewohnheiten und Deutungsmustern zu lösen. Auch dass es nur eine einzige gültige Ansicht von etwas (in diesem Fall einem Kunstwerk) geben kann/muss, sollte man vergessen und sich mit Hingabe dem Sehen und Glauben hingeben. Die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit (Suspension of Disbelief) ist nach den Ausführungen des Philosophen Samuel Taylor Coleridge in seiner „Biographia Literaria“ von 1817 die Bereitschaft eines Betrachters (oder Lesers), die Vorgaben eines Werkes der Fiktion vorübergehend zu akzeptieren, selbst wenn sie fantastisch oder physikalisch (noch) unmöglich sind. Man denke beispielsweise an die Rezeption von Science-Fiction-Filmen, die ohne diese Bereitschaft zur Aussetzung der Ungläubigkeit gar nicht funktionieren würde. Berresheim bezieht sich hier mit dem Titel explizit auf Coleridge.

New Amerika. Zu neuen Ufern

Tim Berresheim hat mittlerweile ein Unternehmen gegründet. Es heißt Studios New Amerika. Die Konstruktion dient unter anderem dazu, die Mittel zu akquirieren, die die MS Berresheim auf Fahrt halten, und immer wieder neue Landmarken zu setzen. Ausstellungen wollen organisiert und aufgebaut werden. Es geht um Kooperationen mit Unternehmen wie beispielsweise dem Modelabel Carhartt. Und es muss fortlaufend in Technologie investiert werden. Raumscanner. Großformatdrucker. Die Entwicklung von Augmented-Reality-Apps. Daneben ist Studios New Amerika auch so etwas wie eine Agentur in eigener Sache, die für die Kontextualisierung jener neuen Ideen sorgt, für die noch niemand wirklich eine Sprache entwickelt hat. Es geht, wie schon erwähnt, um die Entdeckung und Urbarmachung von Neuland. Und Berresheim hat beschlossen, dabei nach Möglichkeit alle Fäden in eigener Hand zu halten. Der Künstler als Unternehmer. Das allerdings ist nicht unbedingt neu.

NAK. Was man sehen wird, wird man dann sehen

Über die zu erwartenden Arbeiten war zu erfahren: Unter anderem wird der Ausstellungsort selbst zum Bildgegenstand. Man munkelt von einer 3D-Tapete, wie sie aktuell in der Ausstellung in Stuttgart zu sehen ist. Auf die finale Inszenierung darf man mehr als gespannt sein. Der Maler Dominik Halmer komplettiert die Ausstellung als Gast.

Es ist (für mich) immer ein gutes Zeichen, wenn ich aus einem Gespräch mit mehr Fragen als Antworten herausgehe. Deshalb erst in einer der kommenden Ausgaben: Was wirklich im NAK passierte. Worüber noch(mal) zu reden sein wird, wenn ich diesen Trip verkraftet habe (Expansion der Realität statt Expansion des Kunstbegriffs? Eskapismus. Kontrolle. Overachievement. Maximalismus. Achtspurige Autobahnen. Ikigai). Was Studios New Amerika in Zukunft alles sein will und sein wird (ein Raum für Ausstellungen beispielsweise).
Tim Berresheim, Dominik Halmer: Suspension of Disbelief
10.06.-29.07.2018
Neuer Aachener Kunstverein
Eröffnung: Sa, 09.06.2018, 19:00 Uhr

* Ich bin zwar nicht im Besitz eines Führerscheins, Überholspuren und das Phänomen der Beschleunigung sind mir aber dennoch nicht unbekannt.

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