Gaukler, Feuerspucker oder Magier ziehen Betrachter bereits auf den Marktplätzen und Basaren des Mittelalters in ihren Bann. Im frühen 20. Jahrhundert haben in Deutschland Darstellungsformen wie die des Straßentheaters dann immer mehr die Aufgabe, wichtige Botschaften meist politischer Natur, beispielsweise in Form von Wahlwerbung, zu überbringen. Es entwickelt sich das Arbeitertheater, das direkt bei den Fabriken stattfindet; eine „Kultur von unten“, die in erster Linie unprätentiös ist und durch Volksnähe besticht. Mitte der 60er-Jahre im Zuge der Studentenunruhen und der 68er-Bewegung überträgt sich die allgemeine Lust nach Umbruch und Neuerung natürlich auf sämtliche Kunstformen und so auch auf die Straßenkunst: Neuartige Happenings sollen die Grenze zwischen Performance und Publikum einreißen, um den Menschen ihre Botschaften möglichst nahezubringen. Im Grunde gibt es keine Grenzen, weder räumlich noch inhaltlich, und der Improvisationsspielraum ist enorm. Dabei müssen Straßenkünstler viel Aufmerksamkeit erzeugen, denn vor allem bis ins späte 20. Jahrhundert treten sie oft ohne feste Gage auf. Sie sind selbst dafür verantwortlich, ihr Publikum bestmöglich in den Bann zu ziehen und großzügig zu stimmen.

Greta Arntz hat sich für uns mit Chantal Heck unterhalten, um einen Einblick in die heutige Arbeit des Straßentheaters zu erhalten. Chantal Heck arbeitet seit über 16 Jahren für den Kulturveranstalter Chudoscnik Sunergia in Eupen in den Bereichen Programmgestaltung, Booking und Veranstaltungsorganisation für Theater, Tanz, zeitgenössischen Zirkus sowie Literatur. Chudoscnik Sunergia ist seit 1991 Kulturveranstalter in Eupen. Unter anderem werden der Eupen Musik Marathon und das Straßentheaterfestival HAASte-Töne?! ausgerichtet.

Was macht Straßentheater aus? Woher rührt deine Begeisterung dafür?
Der Begriff „Straßentheater“ ist in Belgien und auf internationaler Gesprächsebene eigentlich fast schon veraltet. Man spricht eher von les arts de la rue, also Straßenkunst, oder auch vom neuen oder zeitgenössischen Zirkus.
Mich begeistert mit am meisten die Nähe zum Publikum. Es ist ja die populärste Kunstform, weil die Leute nicht die Hürde nehmen müssen, in ein Theater zu gehen. Es ist zugleich populär und anspruchsvoll; Straßenkünstler sind auch sehr kreativ, weil sie wahnsinnig offen und neugierig für Neues sind. Mich fasziniert das Element der Überraschung. Die Straßenkünstler arbeiten viel mit Improvisation und Interaktion. Daher kommt das Ganze ja schließlich – es ging immer darum, dem Volk nahe zu sein, die Menschen zu begeistern und zu überraschen.

Hat sich das Straßentheater oder die Straßenkunst in den letzten 20 Jahren verändert?
Ja, das hat es schon sehr. Es gibt eine starke Tendenz zu größeren Kompanien und aufwendiger und komplexer inszenierten Stücken. Die Entwicklung geht ein bisschen weg von den klassischen One-Man-Shows, die oft sehr humoristisch sind und ähnlich wie Clowns mit Slapstick-Elementen arbeiten. Ich glaube, das hat auch viel mit der Ausbildung zu tun. Die sogenannten Zirkusschulen, die Straßenkünstler und Akrobaten ausbilden, haben sich sehr weiterentwickelt. Es gibt staatliche Förderungen für diese Ausbildungen und somit professionalisiert sich alles enorm. Es handelt sich nicht mehr in erster Linie um Menschen, die auf die milden Gaben im Hut angewiesen sind, sondern um ausgebildete Künstler und Akrobaten, die für feste Gagen gebucht werden. Auch die Festivalszene hat sich in den letzten Jahren enorm verdichtet, es sind überall etliche neue Festivals aus dem Boden gesprossen.

Kann man absehen, wie weitergehen wird?
Ich war kürzlich noch in Brüssel bei einem internationalen Kolloquium für Künstler, Programmgestalter und Organisatoren namens Fresh Circus. Es ging um die Entwicklung des zeitgenössischen Zirkus: Welche Assoziationen gibt es, wohin entwickelt er sich? Im Zuge der Diskussion wurden Fragen aufgeworfen wie zum Beispiel: Wie kann Kunst das Stadtbild (dauerhaft) verändern? Wie sieht in Zukunft die Förderung aus? Das ist sowieso eine wichtige Frage, denn es gibt die internationale Tendenz, dass die Kunst- und Kulturförderungen derzeit eher sinken als steigen. Das ist sofort spürbar: Die Kompanien ziehen etwas kleinere, bezahlbare Produktionen den aufwendigeren und teureren vor und überlegen sich eher zweimal, ob sie das Stück nun wirklich mit acht oder doch lieber nur mit vier Leuten inszenieren. Die Künstler müssen sehr hart wirtschaften und mit ihrem Geld haushalten. Sie werden sich auch bewusster, dass eben nicht alles möglich ist, dass nicht jeder Veranstalter dieselben unbegrenzten Möglichkeiten bietet. Somit müssen sie sich anpassen und in gewisser Weise allgemeingültig werden, um möglichst vielen Veranstaltern gerecht werden zu können. Das erreichen sie beispielsweise durch verschiedene Versionen der Stücke (für drinnen oder draußen) oder durch technische Flexibilität. Aber Straßenkünstler sind sowieso die flexibelsten (lacht).

Welchen Stellenwert hat Straßenkunst in der Kulturszene?
Da ist interessant zu sehen, dass sehr viele Künstler keineswegs ausschließlich auf der Straße arbeiten. Sie sind parallel dazu oft auf der Bühne im Saal zu finden, dann beispielsweise auch oft in verschiedenen Versionen einer Produktion. Frühjahr bis Herbst draußen auf der Straße und dann im Winter auf der Bühne.
Das war auch eines der Themen dieses Kolloquiums – bislang war der Begriff der Straßenkunst eigentlich eher abwertend konnotiert, wurde belächelt. Man assoziierte Clowns, Slapstick, Gaukler. Das hat sich aber total verändert! Die Szene ist um ein Vielfaches professioneller geworden, die Künstler durchlaufen sehr anspruchsvolle Ausbildungen und die Produktionen sind auf vielen Ebenen aufwendig. Bezüglich der Ausbildung sei nur gesagt: Die Zirkusschule ESAC in Brüssel verfügt über ein ganz neues großes Gebäude, alles auf dem neuesten Stand und hochmodern. Dort werden lediglich 55 Schüler für alle Jahrgänge aufgenommen. Das zeigt, was es für ein Privileg ist, diese hochwertige Ausbildung zu genießen.
Was den Stellenwert angeht: Zeitgenössischer Zirkus verbindet letztlich alle anderen Künste. Er hat keine Angst davor, etwas Neues zu versuchen, verschiedenste Kunstformen miteinander zu verbinden. Tanz und Theater sind da oft sehr eingefahren und etwas eindimensional, was Innovation angeht. Straßen- und Zirkuskünstler gelten als sehr offen und flexibel, lassen sich gern auf Neues ein, arbeiten sehr kreativ und open-minded.

Auf internationaler Ebene: Wo sind die Hochburgen des Straßentheaters, des zeitgenössischen Zirkus zu finden?
Ich habe in Bezug auf das Booking in erster Linie Europa im Blick. Mir fällt da natürlich Belgien ein: Hier gibt es sehr viele Festivals und Brüssel ist eine Art Mekka der Szene – gerade wegen der genannten Zirkusschule. Dann sind da auch die Niederlande, Frankreich, Italien, Spanien und auch die skandinavischen Länder (Schweden zum Beispiel). Außerdem gibt es viele originelle Gruppen aus Großbritannien und natürlich spielt auch Kanada eine Rolle – allein wegen des weltberühmten Cirque du Soleil. In vielen Ländern in Südamerika ist Straßenkunst auch sehr präsent, aber eher in einer etwas ursprünglicheren Form, wie sie bei uns früher noch gebräuchlicher war. Bei dem Kolloquium in Brüssel fiel mir außerdem auf, dass einige Kollegen aus Japan anwesend waren, das Thema scheint also auch dort eine Rolle zu spielen.

Deutschland fehlt in der Aufzählung. Wie kommt das?
Ja, gute Frage. Es gibt schon einige gute Festivals in Deutschland. Aber zum einen gibt es wenig hier in der Grenzregion und zum anderen hat man allgemein schon das Gefühl, dass die Gruppen und die Produktionen eine andere Qualität haben. Das könnte an der Ausbildung oder anderen Finanzierungsangeboten liegen. Ich habe zudem den Eindruck, dass viele deutsche Gruppen auch eher an humorlastigen Stücken festhalten, die sich eher am Slapstick orientieren. Das ist nicht immer schlecht, es gibt beispielsweise ein sehr gutes Duo aus Aachen, das Wall Street Theatre. Aber insgesamt ist der Markt dadurch weniger abwechslungsreich. Es gibt wenig große Kompanien und die Künstler arbeiten oft eher als Einzelkünstler und werden über große Agenturen für Galas, Fernsehshows oder Businessfeiern gebucht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Chantal Heck empfiehlt Festivals in der Region

HAASte Töne?!
Das Festival wird dieses Jahr am 18. und 19. August zum 24. Mal stattfinden. Eine Besonderheit ist, dass es am Vorabend, am 17. August, das Weltmusikfest gibt, dort präsentieren Musikgruppen aus allen Teilen der Welt ihre Musik im stimmungsvollen Temsepark. HAASte Töne?! deckt sämtliche Bereiche der Straßenkunst ab: Von Straßenmusik und Walking Acts, die sich durchs Publikum bewegen, über kleinere One-Man-Shows bis zu den aufwendigeren Produktionen mit Akrobatik, Feuer und größeren Bühnenkonstruktionen.
Trotzdem ist die Atmosphäre familiär und es ist alles innerhalb von fünf Minuten fußläufig gut zu erreichen. Es gibt seit ein paar Jahren auch ein schönes, großes Zirkuszelt, dort finden im Regenfall dann auch Stücke statt. Als Highlight ist dieses Jahr mit der belgischen Compagnie des Chaussons Rouges und ihrem Stück „Hircus“ ein wunderschöner Seiltanzact im Programm. Außerdem eine visuell spannende One-Man-Show, irgendwo zwischen Jonglage, Magie und Illusion: Compagnie Longshow aus Frankreich. Etwas weniger bedächtig und eher lustig wird es beim Walkin-Act-Stück „Les Tonys“ zugehen, bei dem die beiden Artisten als Bodyguards verkleidet Passanten beschützen – ob sie wollen oder nicht. Und dann gibt es noch beeindruckende Jonglage mit der Compagnie Scratch und sogar AcroYoga für Familien.
sunergia.be/haaste-tone-3

Les Tchafornis
In Engis bei Lüttich gibt es am 30. Juni und 1. Juli ein zwar kleines, aber wirklich schönes Festival mitten im Grünen, das „Les Tchafornis“. Dort ist es auch sehr familiär, aber mit einem guten Programm.
ccengis.be

Alle zwei Jahre (und auch in diesem) findet im flämischen Hasselt das „Theater op de Markt“ statt. Da ist das Programm sehr stark und wir haben schon viele sehr gute Produktionen dort gesehen.
theateropdemarkt.be

Des Weiteren gibt es ein sehr schönes Festival in Herve, das „Rue du Bocage“. Das findet am 26. und 27. August im Herzen des Ortes statt. Klein, aber sehr fein, gut erreichbar und eine wirklich tolle Atmosphäre.
ruedubocage.be

Auch ein sehr spannendes Projekt ist das „Cultura Nova“ in Heerlen. Das ist kein reines Straßenkunstfestival, aber dort findet man auch oft viel zeitgenössischen Zirkus. In diesem Jahr findet es vom 29. August bis 7. September statt.
cultura-nova.nl

Zu guter Letzt fällt mir noch das „Les unes fois d’un soir“ ein, das am 23. September in Huy stattfindet.
1x1soir.be

Fotos: Torsten Giesen (oben)
Griotte (unten)

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