War das Angebot an Unterhaltung für die breite Masse in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten noch recht rudimentär und brachial (Brot und Spiele), so kann man sich im Jahre 2018 nicht über einen Mangel an professionellen Freizeitgestaltungsangeboten beklagen. Die darbende Musikindustrie versucht, ihre fast schon nicht mehr vorhandenen Tonträgerverkäufe durch aufwendige Live-Konzerte zu kompensieren, und schreckt dabei auch nicht davor zurück, Bands, die das Renteneintrittsalter schon seit Jahren hinter sich gelassen haben, auf die Bühne zu schicken. Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime oder Sky überbieten sich mit neu konzipierten Serien, Fußball gibt es eigentlich auch schon fast 24/7 live (und die WM fängt erst diesen Monat an), Comedy-Formate schießen wie Pilze aus dem Boden und jedes Kaff, das wenigstens über ein gutes Dutzend Einwohner verfügt, organisiert im Sommer ein fettes Open-Air-Event. Was gab und gibt es noch to entertain? Wir haben ein paar Zahlen und Fakten recherchiert.

Straßenfeger

Die Ära der großen TV-Unterhaltungsshows am Samstagabend (auch schon mal am Donnerstag), von den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ausgestrahlt, reicht von den Anfängen in den 1960er Jahren mit der Hochzeit in den 1970ern und 1980ern bis in die 2000er. Ein früher Klassiker, „Einer wird gewinnen (EWG)“ mit Hans-Joachim Kulenkampff, ging 89 Mal über den Äther (mit diversen Unterbrechungen von 1964 bis 1987), „Dalli Dalli“ mit Moderator Hans Rosenthal lief von 1971 bis 1986 mit 153 Sendungen.
Als ungekrönte Königin der gepflegten Wochenendunterhaltung gilt nach wie vor „Wetten, dass …?“, zuerst mit Frank Elsner, dann mit Thomas Gottschalk, eine Show, die es zwischen 1981 und 2014 auf 215 verspätet beginnende Aktuelle Sportstudios im ZDF brachte. Das Wissensquiz „Der große Preis“, von Wim Thoelke präsentiert und von 1971 bis 1992 gesendet, schaffte allerdings vier Folgen mehr, nämlich 219. Absoluter Spitzenreiter ist aber nach wie vor das heitere Beruferaten mit Robert Lembke „Was bin ich?“, bei dem von 1955 bis 1989 sage und schreibe 337 Mal das vierköpfige Rateteam die Augenbinde beim Prominentenraten anlegen musste. Welches Schweinderl hätten S’ denn gern?

Uploadmonster

Was Reichweite und Masse anbetrifft, kann da gerade jemand allerdings nur müde lächeln. Denn mittlerweile sind nicht mehr ARD oder ZDF, BBC oder ABC das Maß aller Dinge, sondern natürlich YouTube. Die Google-Tochter konnte im vergangenen Jahr rund 500 Stunden an hochgeladenem Video-Material vermelden – pro Minute. Das sind 30.000 Tage pro Tag. Eine Milliarde Stunden Video werden auf YouTube pro Tag angeschaut – der prozentuale Anteil von Katzenvideos ist dabei leider nicht explizit aufgeschlüsselt.

Coulrophobiker

OK, ein paar Phobien kennen wir: Arachnophobie ist die Angst vor Spinnen, Klaustrophobie die Angst vor engen Räumen, Aviophobie die Angst vor dem Fliegen. Aber Coulrophobie? Das ist die Angst vor Clowns, die vermutlich auch, aber höchstwahrscheinlich nicht ursprünglich durch Stephen Kings Roman „Es“ ausgelöst wurde. Auch nicht durch den Joker bei Batman. Sie tritt beileibe nicht nur bei Kindern auf, die den Clown in freier Wildbahn sowieso eher selten antreffen (auch Zirkusse verlegen sich mittlerweile auf Action-Stunts und Bigband-Gigs), sondern auch bei gestandenen Frauen und Männern. But why? Eine etwas ausladende Theorie liefert der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss in seinem Buch „Der Weg der Masken“. Die These: Mit einer Maske – dazu zählt in letzter Instanz auch ein geschminktes Clownsgesicht – sind gesellschaftliche Konventionen nicht mehr relevant, weil die eigene Identität verdeckt ist. Persönlich schienen Lévi-Strauss die Coulrophobie (die als Begriff erst in den späten 80ern auftauchte) und andere Phobien eher wenig tangiert zu haben, er wurde 100 Jahre alt.

Schausteller

Akrophobie, die Angst vor großen Höhen, oder Vertigo, Schwindel, sollten zumindest diejenigen nicht im Übermaß besitzen, die sich auf das Riesenrad (oder andere weitaus bizarrere Vergnügnungen auf dem Aachener Bend begeben. Die tradionsreiche Kirmes, die zweimal jährlich auf dem 40.000 m² großen Platz an der Süsterfeldstraße stattfindet, ist seit 1927 an genau diesem Ort, die Ursprünge reichen jedoch bis ins Jahr 1413 zurück. Autoscooter und Riesenraupe, Achterbahn, Geisterbahn und Karussell – wer es sich mit seinem Magen verscherzen und ihn verderben will, dem stehen unzählige rasante Optionen bis zum Abwinken oder genauer gesagt bis zum Abschlussfeuerwerk am letzten Bend-Montag offen. Was andererseits schade um die leckeren Lebkuchenherzen, kandierten Mandeln und die Zuckerwatte wäre, denn die bekommt man so in dieser Form anderswo nicht. Nicht mal bei Amazon.

Berliner

Der US-amerikanische Komponist mit russischen Wurzeln Irving Berlin (1888–1989) schrieb mehr als 1.000 Songs, obwohl er zuerst weder Noten lesen noch besonders gut Klavier spielen konnte. Die Liste seiner Werke liest sich wie ein Evergreen-Kompendium des 20. Jahrhunderts: „White Christmas“, 1947 von Bing Crosby intoniert, „There’s No Business Like Show Business“ für das Musical „Annie get your gun“, „Puttin’ on the Ritz“ (1929) oder auch die inoffizielle Nationalhymne der Vereinigten Staaten, „God Bless America“. Der Broadway wäre ohne ihn auch nur eine weitere Straße in Manhattan, denn aus seiner Feder stammt die Musik für Shows wie die legendäre Revue „Ziegfeld Follies“, „This Is the Army“ (Bild rechts) oder „Miss Liberty“. Eine Ikone der amerikanischen Unterhaltungsindustrie und Schöpfer zahlreicher Jazzstandards.

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