Was Filme traurig macht, ist nicht selten das Schicksal ihrer Figuren. Und je sympathischer diese sind, desto größer wird der Kloß im Hals. Die Titelfigur in Michael Winterbottoms „Jude“ (1996) kommt aus einer Steinmetz-Familie, träumt aber davon, auf die Universität zu gehen, und bringt dafür auch alle Voraussetzungen mit, doch im 19. Jahrhundert sah es mit der Chancengleichheit noch übler aus. Doch damit nicht genug, muss Jude auch in der Liebe und in der Familie zahlreiche Schicksalsschläge verkraften. Ich sah den Film eher zufällig im Fernsehen, und er enthält wohl eine der unangenehmsten Filmszenen der 90er Jahre, die den Zuschauer knallhart und unvorbereitet trifft. Nicht umsonst hält Hauptdarsteller Christopher Eccleston – hierzulande am ehesten bekannt als Inspektor in „Für alle Fälle Fitz“ – dies für den besten seiner Filme. Den merkwürdigen deutschen Titel „Herzen im Aufruhr“ hielt ich zunächst für ein Cash-in auf den zeitgleichen Erfolg der weiblichen Darstellerin Kate Winslet mit „Titanic“, aber bereits die deutsche Übersetzung von Thomas Hardys Romanvorlage trug diesen Titel. Diese wurde in ihrem Erscheinungsjahr 1895 heftigst kritisiert, der Bischof von Wakefield hat sein Exemplar sogar verbrannt. Als Grund wurde die Obszönität angegeben und ja, es findet Geschlechtsverkehr statt, aber die nicht zu übersehene Kritik an organisierter Religion dürfte hier wohl noch weniger gemundet haben.

Yasuo Furahatas „Poppoya“ („Railroad Man“, 1999) ist ebenfalls eine Literaturverfilmung, und auch hier gesellen sich private Schicksalsschläge zu beruflichen Problemen. Otomatsu Sato ist Stationsvorsteher des Bahnhofs eines kleinen Städtchens in den Bergen von Hokkaido. Seitdem dort die Zeche geschlossen wurde, stirbt der Ort langsam aus, auch die Bahnlinie wird kaum noch frequentiert und soll aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt werden. Er nahm seinen Beruf so ernst, dass er darüber wichtige Momente wie den Tod seiner Tochter und seiner Frau verpasste. Einsam steht er am schneebedeckten Bahnsteig und denkt über sein Leben nach, bis er plötzlich unerwarteten Besuch bekommt. Eine wundervolle Altersrolle für den japanischen Charakterdarsteller Ken Takakura mit prächtigen Landschaftsaufnahmen, und in all der Traurigkeit blinkt dann zuletzt doch noch etwas Hoffnung auf.

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