Abarbeiten am Gefühl des Sommers

Als Picasso sich 1955 an der Côte dʼAzur ansiedelte und dort die Villa La Californie bezog, war der Blick über die Promenade Croisette von Cannes und aufs Mittelmeer noch unverbaut. Als sich 1961 jemand erdreistete, ihm ein Haus vor die Nase zu setzen, brach Picasso beleidigt seine Zelte an der Côte ab und zog ein paar Kilometer weiter nach Mougins. Luxusprobleme. Viele der Bilder, die in der Villa La Californie entstanden, bildeten später den Grundstock der Sammlung des Musée Picasso in Paris.

Nackt im Atelier

Nackte hat Pablo Ruiz Picasso fraglos sehr viele gemalt. Auch dans le studio. Die Liste seiner Bilder von 1955 bis 1961 weist allerdings lediglich eine Nackte unter einer Kiefer (Femme nue couchee sous un pin, 1959) auf. Der Titel der Ausstellung bezieht sich daher vermutlich eher auf das 1955 entstandene Bild „Studio“ das zu den ersten gehörte, die in La Californie entstanden, und das den Blick aus dem Fenster seines Ateliers zeigt. Es sollte nicht das letzte dieser Phase sein, das seine Arbeitsumgebung zeigt. Wie und wo das nackte Modell, der nackte Picasso oder vielleicht der nackte Marijn van Kreij hier ins Spiel kommen, darüber kann man genüsslich spekulieren. Die Aneignung des Raumes und speziell die Auseinandersetzung mit dem Innen und Außen: Das sind die Aspekte, denen sich van Kreij in seinen Zeichnungen explizit und exzessiv widmet. Zunächst einmal „kopiert“ er mantrisch ebenjene „Atelierbilder“. Das wiederholte und sehr schnelle und intuitive Abmalen (als Gouachen, zum Teil auf bedrucktem Alltagsmaterial oder auf Aquarellpapier) soll nach van Kreij dazu führen, nicht mehr über die Qualität jeder einzelnen Zeichnung nachzudenken, nicht die eine mit der anderen zu vergleichen und ästhetisch zu werten. Nicht so einfach, wie man denkt, sei das, sagt er.

Reihungen, Muster, Punk

Das zweite Stilmittel, wenn man es einmal so bezeichnen möchte, das van Kreij zur Anwendung bringt, funktioniert wie folgt: Man greife ein Detail aus einem Gemälde heraus, reproduziere es siebzigmal und füge alle Blätter zu einem großen Ganzen zusammen (Picasso Grid). Das Ergebnis ist frappierend. Sehr viel mehr noch als bei den oben beschriebenen Reihungen tritt hier ein tapetenartiges Muster zutage. Eine ungewöhnliche – und wüsste man es nicht besser –, ziemlich respektlose Aneignung von Picassos Œuvre, die eher an sehr aktuelle Kulturtechniken wie das Sampling erinnert als an klassische Techniken der Malerei. Dazu führt van Kreij aus, dass es ihm mitnichten um die Demonstration von Können gehe. Er hat deshalb auch überhaupt kein Problem damit, wenn Betrachter angesichts seiner Arbeiten anmerken, dass sie das wohl auch könnten. Etwas tun, worin man nicht gut ist, und es trotzdem tun. Van Kreij nennt es schlicht Punk.
Duplizität der Orte
Selten sah man das Marres so nackt wie bei dieser Ausstellung. Während in der Vergangenheit gerade der zum Teil spektakuläre Umgang mit der Raumsituation faszinierte – ich erinnere an die grandiose Ausstellung „The Relativity of Matter“ von Levi van Veluw im Jahr 2015 –, sind aktuell die vollends ausgeräumten, villenartigen Räume des Hauses mit Ausblick auf den mondänen Stadtgarten Teil des Konzepts. Unterstützt durch eine sehr subtile akustische Untermalung (beispielsweise durch Windspiele) fühlt sich der Betrachter in eine mediterrane Stimmung und in die Villa La Californie selbst versetzt.

„Nude in the Studio“ ist für mich DIE Ausstellung dieses Sommers, denn Marijn van Kreijs Reflexion über Picassos Zeit in La Californie ist eine überraschend neue Position zu einem Künstler, zu dem alles gesagt schien, und definitiv ein Statement der eigenen Art!
Zur Ausstellung ist eine zwölfteilige Postkartenedition erschienen.

Marijn van Kreij: Nude in the Studio
noch bis 09.09.2018
Marres, Maastricht

Picknick mit Kunstgenuss

No Ordinary Picnic
Im schönen und romantischen Marres-Garten kann man sich übrigens ein Picknick bestellen (10 Euro pro Person) und dazu gibt es Kunstgenuss. Man kann an zwei Aktivitäten teilnehmen: Aquarellmalen oder einer Geruchs-Challenge im Garten von Marres.
30.06.-09.09.2018

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