Trauerfeier. In diesem Wort treffen sich zwei Gegensätze. Für mich. Andere Kulturen sind da lockerer. Habe ich selbst schon gesehen. Die feiern tagelang im Beisein des Verblichenen, malen ihn albern an, legen ihm Holzschüsseln mit Bananenbrei vor die blassen Füße und wünschen ihm eine gute Reise. Geht also auch. Ich hingegen bin ja mehr die Heulsuse, denke in erster Linie nur an den Verlust und treibe auf einem baufälligen Floß der Erinnerung Richtung Wasserfall. Auch nicht so dolle. In Tokio kann man sich übrigens Trauergäste mieten, wenn der Verstorbene keine Freunde hatte. Facebook mal ausgeklammert. Da könnte ich schon wieder loslegen. Tja. Zu viel weinen kann aber auch hässlich machen. Sollte man sich also einteilen. Nicht alles ist immer so traurig, wie es anfangs scheint. Aber das weiß man ja nicht immer vorher. Ein Teufelskreis. Erst weint man sich hässlich und dann weint man, weil man hässlich ist. Da kann man nur hoffen, dass man Freunde hat, die zur Beerdigung kommen. Gibt immerhin Kuchen. Ich bin allerdings schon oft auf Beerdigungen Leuten begegnet, die ich vorher nie gesehen habe. Und das war nicht in Tokio. Meine Mutter sagte immer: „Man kann nicht Freunde genug haben. Aber gute müssen es sein.“ Sie hat sich allerdings anonym beerdigen lassen. Hätte wahrscheinlich den Rummel nicht verkraftet. War in ihrem Heimatort schon sehr bekannt. Ich habe mir immer vorgestellt, dass sie ein kleines Denkmal auf dem Marktplatz kriegt. In Stein. Die Handtasche fest umklammernd. Auf einem kleinen Messingschildchen hätte nur „Frau Sukrow“ gestanden. In meinem Kopf gibt es das. Meine Form von Trauerarbeit. Hm. Das ist ja auch schon wieder so ein Wort. Allerdings finde ich die Gegensätze hier nicht ganz so unpassend. Denkt man allein nur an Montage. So komme ich auch ein wenig davon weg, bei Trauer nur an Tod zu denken. Es gibt schließlich tausend andere Gründe, um traurig zu sein. Kaputte Lieblingstassen, ein enttäuschtes Herz, ein Stehplatz im Yoga-Zentrum. Aber wem erzähle ich das? Ja, wem erzähle ich das überhaupt? Ich weiß es nicht … Schon traurig.

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