Sandra und Katrin, einst beste Freundinnen, treffen sich nach langer Zeit mit ihren Männern im Schlepptau, um sich auf den neuesten Stand zu bringen und die verflossenen Jahre bei einem gemütlichen Beisammensein zu begießen. Doch nicht nur die Jahre sind verflossen, auch die Gemeinsamkeiten sind Geschichte. Schnell heißt es da: Zur Hölle mit den anderen!

Auf der Suche nach einem modernen Stoff zum Thema Paare und Rollenverständnis sind Dramaturgin Vivica Bocks und Regisseur Stefan Herrmann über die erfolgreiche TV-Komödie gestolpert.

MOVIE: Gab es besondere Herausforderungen bei der Adaption des Drehbuchs?
Vivica Bocks: Die Drehbuchautorin Nicole Armbruster hat eine Bühnenfassung geschrieben, die sich vom ursprünglichen Drehbuch unterscheidet. Theater braucht Abstraktion, und so haben wir in intensiver Zusammenarbeit mit ihr eine zweite Erzählebene eingebaut, die es in dem Film nicht gibt. Es kommt zu einem Wechselspiel zwischen dieser Kommentar- und Erzählebene und den eigentlichen Situationen, das eine enorme Energie freisetzt. An den Dialogen mussten wir nicht viel ändern, sie sind gut gestrickt, haben Witz und man kann sie gut spielen.

„Geschlossene Gesellschaft“ von Sartre und „Gott des Gemetzels“ von Yasmina Reza behandeln ähnliche Themen und tauchen dabei sehr tief in menschliche Abgründe hinein. Wie viel Tiefgang dürfen wir in „Zur Hölle mit den anderen“ erwarten?
Vivica Bocks: In uns allen gibt es die Sehnsucht, unsere Rollenbilder eines Tages zu überwinden. Diese Geschichte zementiert den Status quo: Hier stehen wir gerade, mit einem Fuß sind wir komplett in der Steinzeit und mit dem anderen Fuß ertasten wir gerade unsere eigenen Konstruktionen von Wirklichkeit. Auch wenn reichlich Action auf der Bühne ist, die wirklichen Katastrophen sind emotionaler Art. Die Figuren haben im Laufe der Geschichte die Chance, sich aufzublättern, Seiten zu entwickeln, die man am Anfang nicht vermutet hätte. In der Art und Weise aber, wie sie sich gegenseitig verletzen und demontieren, geht es ziemlich tief ins Gewebe des Schmerzes hinein.
Stefan Herrmann: An einer Kreuzung im Leben falsch abgebogen – das ist ein komplexer Stoff, aus dem man einen schweren Ibsen oder eine Komödie machen kann. Die Vielschichtigkeit der Figuren bietet viel Raum für Komik. Es ist ein knallharter Battle der Lebensentwürfe. Auf der einen Seite haben wir das Paar mit der klassischen Rollenverteilung, sie Mutter und Hausfrau, er der Geldbeschaffer, auf der anderen Seite das genaue Gegenteil, sie erfolgreiche Geschäftsfrau und er in Elternzeit. Nach und nach entdeckt man jedoch, dass diese scheinbar klar definierten Rollenbilder Brüche aufweisen. Im Laufe des Stücks ändert sich die Sichtweise, man merkt, dass diejenigen, die man als konservativ eingeordnet hat, eigentlich ganz cool sind, während die vermeintlich lockeren sich als spießig, steif und humorlos entpuppen.

Geht es also auch um eine erfolgreiche Demontage der eigenen Person?
Vivica Bocks: Absolut! Der eigentliche Witz entsteht dadurch, dass die Figuren mit ihren freiwillig angenommenen Rollen in Konflikt geraten. Sie machen sich die ganze Zeit etwas vor, und das wird in dem Stück wunderbar karikiert: Wie sehr wollen wir das „richtige“ Leben und wie sehr stürzt uns dieses Begehren in Schwierigkeiten? Mit dem Aufbegehren gegen die klassische Rollenverteilung kommt man schnell an die eigenen Grenzen. An dieser Stelle entwickelt der Stoff einen besonderen Tiefgang, der über eine klassische Komödie weit hinausweist.

Stefan Herrmann: Es geht um Reflexion: Bin ich mit meiner Rolle, mit meinem Selbstbild einverstanden? Ab dem Moment, wo eine zweite Stimme in mir sagt: Du solltest aber eigentlich …, ab diesem Moment entstehen Konflikte und je nachdem, wie sich diese innere Spannung äußert, folgen Verletzungen.

Ihr habt bereits bei „Atmen“ und „Kollision – Chronik einer Eskalation“ zusammengearbeitet. Beide Stücke behandeln ähnliche Themen: Intoleranz, Lebenslügen, (Selbst-)Täuschung. Ein besonders reizvolles Thema für euch?
Stefan Herrmann: Theater lebt von Konflikt. Authentizität, innere Konflikte, Träume, die man mal verfolgt, das sind die Themen, die mich immer wieder interessieren. Das, was in einem als inneres Zerwürfnis herrscht und wie sich das anderen Menschen gegenüber äußert.
Vivica Bocks: Bei „Atmen“ gibt es viele Parallelen zu diesem Stück, weil es da auch darum ging, wie sehr man als Paar, als kleine gesellschaftliche Zelle, mit einer Selbstüberforderung versucht, das perfekte Leben zu führen, und sich in ein Burnout treibt. So eine ähnliche Struktur gibt es bei diesen Paaren auch. Nach außen so etwas wie ein richtiges Lebenskonzept zu vertreten, aber sich selbst nicht einzugestehen, dass man das von innen nicht leben kann. Dann fällt es einem schwer zu sagen: Vergiss die Rollenverteilung, ich will jetzt einfach in den Arm genommen werden. Mit diesen Brüchen umzugehen ist sehr schwierig.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Hölle mit den anderen
von Nicole Armbruster, Theater Aachen, Kammer, Inszenierung: Stefan Herrmann, Bühne und Kostüme: Sandra Linde, Dorien Thomsen

 

 

 

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