Alte Fotos und Liebesbriefe, die heimliche Pornosammlung und das Gebiss, das alte Schlafzimmer und in der Küche ein Fleischwolf, ein Porzellankaffeefilter und Berge gefalteter Plastiktüten. Marko Willich* sieht alles, was von einem Haushalt übrigbleibt. Er wird von Angehörigen oder Anwälten gerufen, wenn es darum geht, diesen aufzulösen. Er sichtet die Spuren eines Lebens, sortiert, verteilt, verkauft und entsorgt sie. Was bleibt, ist eine besenreine Stube.

„Ein ganzes Leben, komprimiert in ein paar Räumen“, so beschreibt Marko Willich das, was er zu sehen bekommt, wenn er von einem Anwalt damit beauftragt wird, eine Haushaltsauflösung durchzuführen. Meldet sich ein Anwalt, bedeutet das, es gibt keine Angehörigen, keine Erben, die Entrümpelung zahlt der Vermieter. In diesen Fällen wurde noch nichts aus der Wohnung entfernt. „Das ist am interessantesten“, so Willich. Er sieht seine Aufgabe darin, die Dinge zu sichten und, sofern sie noch verwertbar sind, wieder in den Kreislauf zu bringen. Er bringt Möbel zu gemeinnützigen Einrichtungen oder zum Wertstoffhandel, gute Stücke verkauft er selbst. Anders als bei großen Entrümpelungsfirmen wandert bei ihm nicht alles in den Müll. Seine Kunden schätzen seinen sorgsamen Umgang mit den Dingen, zudem hinterlässt er die Wohnungen und Häuser besenrein.

In weitaus mehr Fällen wird Willich von Angehörigen engagiert – und das kann manchmal dauern. Bis zu 20 Jahre lassen diese sich Zeit, bevor sie sich an den Hausstand der Verwandtschaft wagen. In manchen Haushalten gebe es auch Sammlungen mehrerer Generationen, säuberlich hintereinander verstaut.
Machen sich die Kinder direkt nach dem Versterben der Eltern oder dem Umzug ins Altersheim an deren Wohnung zu schaffen, fehlt oft die emotionale Distanz. „Wenn die Menschen dann bei mir anrufen, sind sie meist völlig verzweifelt“, so Willich. Vorher hätten sie selbst versucht, den Haushalt aufzulösen. Die, die daran scheitern, rufen die Fachfirma an. Sie haben dann bereits hier etwas weggeräumt, dort etwas zusammengepackt. Er habe mit „vorsortierten“ Auflösungen mehr zu tun, als wenn er direkt selbst zur Tat schreite, so der Fachmann.
Bei seinen Kunden erlebe er so gut wie immer die Extreme einer Familiengeschichte. Entweder treffe er auf Angehörige, die nichts mehr mit dem Verstorbenen zu tun haben wollen und es sogar ablehnen, Fotoalben, Liebesbriefe oder die Familienhistorie an sich zu nehmen, oder aber er begegne Menschen, die sich gar nicht trennen können, am liebsten alles behalten wollen und mit Weinkrämpfen zwischen dem Mobiliar zusammenbrechen und ihn argwöhnisch bei jedem Handgriff beobachten. Früher sei es ihm schwergefallen, sich abzugrenzen, heute nimmt er sich zwar immer noch Zeit für Gespräche und tröstende Worte, bittet die Betroffenen dann jedoch höflich, aber bestimmt zu gehen, auch in ihrem eigenen Interesse. Manchmal muss er längere Überzeugungsarbeit leisten, immer wieder kommen Angehörige zurück, um ihm über die Schulter zu schauen und vielleicht doch noch etwas an sich zu nehmen.

„Mutter war eine feine Dame“

Eine Haushaltsauflösung, wie Willich sie anbietet, erfordert Sachkenntnis und Diskretion. Auch deshalb sei es für Angehörige angenehmer, nicht selbst in jeder Ecke zu stöbern. Bei der „feinen Dame“ findet er in der letzten Schublade dann auch wirklich einmal die umfangreiche Dildosammlung mit allen erdenklichen Exemplaren von klein bis riesig über geschwungen bis zum Delfin und beim Herrn Professor die homoerotischen Nude-Camping-Magazine, die dieser seit der Jugendzeit verwahrt hatte.
Auch Dokumente, die Zeugnis ablegen über die Gesinnung im Zweiten Weltkrieg, habe er schon gefunden, aber er sei nicht dazu da, über Tote zu urteilen und die Familien zu konfrontieren. Er sei kein Richter und dies „letztlich nur ein Job“. Und Pietät den Angehörigen gegenüber sei Voraussetzung, gibt er Einblick in seine Tätigkeit.

Pottwalohrmuscheln und Geld im Kissen

Bevor Marko Willich mit der Arbeit beginnt, sichtet er Wohnung oder Haus und handelt eine Bezahlung aus, die sich aus dem geschätzten Wert des Inventars abzüglich Aufwand berechnet. Befinden sich viele wertvolle Dinge in der Wohnung, bezahlt Willich die Hinterbliebenen. Gibt es viel zu tun, aber wenig Verwertbares mitzunehmen, ist es andersherum.

Alles, was sich noch in der Wohnung befindet, gehört nach Vertragsabschluss Willich, es sei denn, es ist anders vereinbart. In den 20 Jahren seiner Tätigkeit hat er zweimal Geld gefunden, einmal einen höheren Betrag in ein Kissen eingenäht – auch das kann er behalten, die Familie wird nie davon erfahren. Findet er persönliche Dinge wie Fotoalben, Briefe und Familienstammbäume, legt er die Unterlagen zur Seite und fragt ein letztes Mal nach, was damit geschehen soll. Während sich die einen riesig freuen, bestehen andere darauf, alles ungesehen zu entsorgen. Eine ganze Familiengeschichte wandert dann unwiederbringlich auf den Müll, Fotoalben werden auch an Sammler verkauft.
Willich erinnert sich an einen Haushalt, wo sich elf Tonnen Bücher, Papiere und Notizen bis unter die Decke gestapelt hatten und er sich seinen Weg auf kleinen Gängen durch das Papier bahnen musste. „Ich hatte Zweifel, dass das mit der Statik noch lange geklappt hätte“, erinnert er sich. Was wurde da alles gesammelt und notiert? Niemand wird es mehr erfahren.

Er hat kleine Schätze gefunden wie einen wertvollen Teddy, achtlos im Keller in die Ecke geworfen, den er für 800 Euro verkaufen konnte und der einen Sammler glücklich gemacht hat. Einen spektakulären Fliegerpass, ebenfalls mehrere hundert Euro wert, Antiquitäten und jede Menge Alltägliches: „Einen Fleischwolf der Firma Alexanderwerke und einen Berg gefalteter Plastiktüten finde ich in jeder Küche.“ Am meisten faszinieren ihn die Dinge, die Reisende mitgebracht haben: Pottwalzähne und Pottwalohrmuscheln, gesammelt von einem Walfänger, Opferdolche aus dem 16. Jahrhundert, archäologische Schätze, um 1900 einfach irgendwo eingepackt.

„Ich lebe von den Toten“

Willich sortiert, verteilt um, verkauft und behält auch selbst. „Ich lebe von den Toten“, sagt er. Oft werde er von Sammlern gefragt, ob ein Gegenstand von einem Verstorbenen stamme, erzählt er. „Das Ding ist 400 Jahre alt, was meinen Sie, wie viele da schon gestorben sind“, ist seine Antwort.
Tod, Vergänglichkeit, der Lauf der Dinge – Themen, mit denen sich Willich tagtäglich auseinandersetzt und sich daran erfreut, Dinge im Umlauf zu halten. Dabei kritisiert er auch die großen Entsorgungsfirmen, bei denen es um puren Gewinn und Tempo geht. Viele Werte und Kulturgüter wanderten bei dieser Art der Entsorgung ungesehen auf den Müll, gibt er zu bedenken.

Willich löst nicht nur Haushalte von Verstorbenen auf, sondern auch von Menschen, die ins Altersheim umziehen. Dabei hat er in den letzten 15 Jahren eine große Trendwende wahrgenommen. „Die Wegwerfgesellschaft ist bei den Senioren angekommen“, erzählt er. Sei es früher üblich gewesen, alle alten Schätzchen mitzunehmen, ginge der Trend derzeit dorthin, alles hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu machen. Sich mit 90 noch einmal für 20.000 Euro in der Altersresidenz komplett neu und „modern“ einzurichten, sei keine Seltenheit. So entrümpelt Willich für einige Familien nicht nur das alte Haus der Senioren, sondern entsorgt dann einige Zeit später nach deren Tod auch alle Neuanschaffungen, die für das Altersheim gekauft wurden. Nicht wenige Angehörige freuen sich dabei besonders über sein „Besenrein“-Angebot. „Manche wollen die Wohnungen und Häuser nicht mal mehr sehen. Ich schicke dann ein Foto von jeder Ecke.“

„Erben kann die Hölle sein“

Wenn ein Leben zu Ende ist, wird die Familie damit konfrontiert, sich auseinanderzusetzen und sich zu einigen, was mit dem Nachlass zu geschehen hat. In 10 bis 20 Prozent der Fälle entstehen darüber große Streitigkeiten, lehrt Willich seine Erfahrung. Familien, die immer gut miteinander auskamen, überwerfen sich in Raffgier und Missgunst. Sein Tipp an alle Menschen lautet deshalb: Am besten sollte schon zu Lebzeiten immer wieder ausgemistet werden. Die Erbschaft sollte vorher geregelt und testamentarisch festgehalten werden. Der richtige Zeitpunkt dafür sei „immer“ – also sobald man daran denken würde. „Gebt mit warmen Händen – anstatt dass es später aus den kalten gerissen wird!“ ist sein Credo.

Bei so viel Abgeklärtheit und dem täglichen Umgang mit der Vergänglichkeit, was kann einen wie Marko Willich noch bewegen? „Ich habe den Haushalt meiner Oma aufgelöst, da habe ich vier Wochen gebraucht, wo ich sonst eine Woche gebraucht hätte.“ Eine Scheißerfahrung sei das gewesen und eine Arbeit, die er besser abgegeben hätte, denkt er heute.

* Name von der Redaktion geändert

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