Die welke Welt im Spiegel des Stilllebens

Alles ist endlich. Der Mensch und die Welt um ihn herum. Die prachtvollen Werke der klassischen niederländischen Tafelmalerei erinnern ihre Zeitgenossen und uns ein paar Jahrhunderte später daran auf denkbar vielschichtige und höchst lebendige Weise.

Es geht am Anfang darum, ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen. Denn das Wort „Vanitas“ bedeutet nicht exakt „Vergänglichkeit“, wie man gemeinhin annimmt, sondern eigentlich „Eitelkeit“. Die Vanitas-Stillleben, die als Genre vor allem im Barock aufkamen, beinhalten zwar zahllose Verweise auf die Endlichkeit jeglichen Lebens. Aber neben den direkten und indirekten Verweisen auf den Verfall sind vor allem vom Menschen angehäufte weltliche Schätze die bildbestimmenden Faktoren. Insignien von Macht, Wohlstand und Reichtum, aber auch von kultureller Bildung und der Wissenschaft stehen neben Symbolen von Tod, Vergänglichkeit und dem Fortschritt der Zeit – welke Blüten und Blätter, Totenköpfe, Sanduhren, verlöschende Kerzen, zerbrochene Gläser. Die Essenz: Der Mensch ist eitel und selbstverliebt, aber endlich. Und zu guter Letzt bleibt ihm nichts, weder Geld, Gold und Schmuck noch kostbare Kleider oder prachtvolle Paläste.

Es wird vermutlich kein Zufall sein, dass die Hochzeit des Vanitas-Stilllebens in die Zeit des 30-jährigen Krieges fällt, der ab 1618 in Europa wütete, und nicht nur dieser brachte Tod und Verwüstung über den Kontinent, sondern auch die Pestepidemien Mitte der 20er und 30er Jahre des 17. Jahrhunderts. Die kollektiven Erfahrungen großer weltlicher Instabilität und permanenter Gefahr mag für die bildnerische Beschäftigung mit Leid und Tod gewiss sensibilisierend gewirkt haben.

Das goldene Zeitalter

Die Niederlande waren Anfang bis Mitte des 17. Jahrhunderts die Hochburg der Stillleben-Malerei. Als damalige Weltmacht, deren Reichtum sich vor allem auf den Handel gründete, war sie in erster Linie calvinistisch-protestantisch geprägt. Insbesondere die Stadt Leiden, rund 50 Kilometer südwestlich von Amsterdam und 20 Kilometer nordöstlich von Den Haag gelegen und damals zweitgrößte Stadt Hollands, erlangte durch den Wollhandel mit England und Flandern im 13. und 14. Jahrhundert frühen Wohlstand. Nach einer erfolgreichen Niederschlagung einer Belagerung der Stadt im Jahre 1574 flohen viele Protestanten aus anderen von den Spaniern eroberten Gebieten wie Brüssel oder Antwerpen nach Leiden, was der Stadt eine kulturelle und wissenschaftliche Blütezeit bescherte. Rembrandt und seine Schüler wirkten dort, auch Wissenschaftler wie Antoni van Leeuwenhoek. René Descartes lebte lange Jahre hier und veröffentlichte 1637 seinen „Discours de la Méthode“ mit dem berühmten Grundsatz „Ich denke, also bin ich“.

Auf dem Höhepunkt des sogenannten Goldenen Zeitalters um das Jahr 1650 herum arbeiteten in den Niederlanden rund 700 Maler mit einer Jahresproduktion von 70.000 Bildern – was im Schnitt 100 Bilder pro Jahr und Maler bedeutete. Neben Leiden waren Amsterdam, Delft oder Haarlem Zentren der Gemälde-Produktion, die fast schon einer Fließbandarbeit gleichkam. Das führte zu recht bizarren Zahlen, etwa dass damals – statistisch gesehen – jeder Einwohner im Schnitt 2,5 Bilder besaß. Michael North merkt in der „Geschichte der Niederlande“ an: „Es war nicht ungewöhnlich, wenn 1643 ein Leidener Tuchfärber 64 Gemälde besaß und zwei andere Färber in den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts 96 bzw. 103 Gemälde ihr eigen nannten.“

Die Stillleben, die in der Regel für wohlhabende Kaufleute angefertigt wurden, boten so eine Gelegenheit, den Reichtum des Auftragsgebers in raffinierter Form in Szene zu setzen und gleichzeitig die moralische, transzendente Komponente zu betonen. Denn auf der einen Seite waren Prunk und Reichtum mehr als augenfällig, andererseits bot die Inszenierung innerhalb der an den morbiden Verfall und die Endlichkeit gemahnenden Verweise eine Art Selbstdistanzierung vom irdischen Treiben und den Verweis auf das Transzendente: Seht her, auch ich werde einst zu Staub zerfallen und mein Besitz nützt mir dabei nichts.
Etwas ambivalenter als mit den rein materiellen Reichtümern sieht die Darstellung von Gegenständen aus, die Kunst, Literatur und Wissenschaft zitieren. Insbesondere das Buch (auch das Tintenfass und die Schreibfeder) ist ein beliebtes und oft wiederkehrendes Motiv, steht es doch in abstrahierter Form für die Kunst im Allgemeinen und das Wissen, das an die folgenden Generationen weitergegeben wird und somit den Schöpfer überlebt, ihm aber dadurch auch eine gewisse über seine irdische Existenz hinausgehende Wirkung zuschreibt. Wer schreibt, bleibt.

Contemporary Vanitas

Das Vanitas-Stillleben mag zwar seinen Zenit seit ein paar Jahrhunderten hinter sich gelassen haben, als Genre taucht es aber seitdem immer wieder in der Kunst auf. Das Stillleben ist vor allem in der zeitgenössischen Fotografie sehr gegenwärtig, und auch die besondere Variante des Vanitas-Stilllebens erlebt eine Renaissance. Zu ihren Vertretern gehören etwa die Amerikanerin Paulette Tavormina, die mit delikat arrangierten Früchte- oder Obstbouquets vor schwarzem Hintergrund wie auch klassischen Vanitas-Motiven einen gewissen Déjà-vu-Effekt bewirkt. Sie referenziert klar die Ästhetik der flämischen Meisterschulen und zitiert dabei explizit einige von deren Protagonisten wie etwa Pieter Claesz. Sharon Core, ebenfalls aus den USA, ist mit ihren hochartifiziellen Stills ähnlich wie TavorMin.a eine Meisterin des Lichtsetzens und des Arrangements. Laura Letinsky aus Kanada setzt im Gegensatz zu den vorgenannten eher auf eine pastellige Farbigkeit und lakonische, beiläufige Komposition, auf spielerische Leichtigkeit statt erdrückende, mit Bedeutung aufgeladene Sujets. Der Niederländer Richard Kuiper lässt die glorreichen Jahrzehnte des Dutch Still Life mit ausgesuchten Tableaus wiederaufleben – mit dem ganzen Spektrum der Motive, Themen und kunstvoll in Szene gesetzten Gegenstände: Vasen und Kelche, Totenschädel und Kerzenleuchter, Musikinstrumente, Blumen, Fisch, Geflügel und Schalen mit überquellenden Früchten und Trauben. Bemerkenswerterweise sind sie alle aus einem Material, das die Vergänglichkeit und Kurzlebigkeit der Dinge des Vanitas-Universums auf höchst ironische Art in Frage stellt: Sie sind aus Plastik.

 

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