I’m so lonesome I could cry (Hank Williams)


Traurige populäre Musik

Was man im Film ein Drama nennt, hat in der populären Musik leider keine präzise Entsprechung. Am nächsten kommt dem Drama wohl die Ballade, die aber weitgehend aus der Mode gekommen ist und zudem in den 1980er Jahren dadurch diskreditiert wurde, dass jede Hardrock- oder Metalband eine ebensolche auf ein Album packte, quasi als Antidot.

Mutmaßlich hat jeder seine eigene Definition von Traurigkeit, ergo auch von trauriger Musik. Während dem einen Sinéad O’Connors Version von „Nothing compares to you“ ans Herz geht (angeblich hat sie im Video auf Kommando geweint), empfinden andere ihre Interpretation im Vergleich zum Original von Prince als peinlichen Tearjerker. Ich schieße im Folgenden einfach aus der Hüfte in der Hoffnung, das Herz des ein oder anderen zu treffen.

Die Wurzeln

Traditionell hat die Traurigkeit weltweit in der Volksmusik ihren Platz. Mitunter – man denke etwa an den portugiesischen Fado – ist sie geradezu grundlegend. Schon von jeher fungierte traurige Musik als Katalysator für die schieren Mühen des Überlebens, erlittene Ungerechtigkeit oder persönliche Zurückweisung. Ob aus Liebeskummer, aus Weltschmerz oder einfach nur, wie meine Mutter es ausdrücken würde, weil man die Flemm (saarländisch für den Blues) hat: Zu allen Zeiten machten sich die Menschen musikalisch Luft. In Stilrichtungen wie dem frühen kommerziellen Country-Folk oder dem Blues, wie er in Bars gespielt wurde (der in dieser Form seine Existenz der Abschaffung der Sklaverei verdankt), finden sich noch viele Ableitungen jener konkreten Alltagssituationen und menschlichen Grundbedürfnisse, die schon in der Volksmusik der Einwanderer ihren Ausdruck fanden. Bei Hank Williams gab es keine Diskrepanz zwischen Herkunft, Befindlichkeit und Sujet. Alleine das bringt einen beim Zuhören zum Weinen. Ich vernachlässige hier wohlweislich die Entwicklung der traurigen Musik in Europa und sonst wo, auch wenn ich nur ungern einen Jacques Brel und ähnliche Kaliber übergehe.

Die Siebziger. High on drugs and emotions

Fast forward. Ich springe forsch in die späten sechziger beziehungsweise frühen siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. An der Westküste der USA tut sich musikalisch Erstaunliches. The Band, die später als Begleitband von Bob Dylan zu großer Bekanntheit gelangen werden, schöpfen gegen jede Konvention aus einer explizit amerikanischen, also noch sehr jungen Tradition. Was sie tun, ist etwas Unerhörtes. Sie geben der amerikanischen populären Musik so etwas wie eine eigene Seele. Etwas, das zuvor nur dem Jazz gelang.

Was auf The Band folgt, ist der nie wieder erreichte Höhepunkt der Traurigkeit. Von den Singer-Songwritern vom Format einer Judee Sill oder eines David Ackles – um nur zwei zu nennen – bis hin zum bis heute sträflich unterschätzten Gram Parsons, dem Wegbereiter des Country-Rock (Tod durch Überdosis mit 26), bringt das beginnende Jahrzehnt jene Talente hervor, die bis heute die Blaupause für jeden ernst zu nehmenden Misanthropen sind. Das größte von ihnen: Townes Van Zandt. Der Texaner war aus anderem Holz geschnitzt als die Barden der kokaingeschwängerten Westküsten-Szene. Nicht weniger exzessiv, aber doch sehr viel stärker mit dem ruralen Leben verbunden, gilt er bis heute als legitimer Nachfolger von Hank Williams und ist, wenn es nach Steve Earle geht, „der wichtigste Singer-Songwriter aller Zeiten“. Glamrock, Progressive Rock, Stadionrock, Disco, Punk und Grunge machten den großen, echten Gefühlen mit Ansage den Garaus. In den 1980er und 1990er Jahren sind wirklich berührende Songs Mangelware. Auch das ist selbstverständlich subjektiv und sehr vom Kontext und vom persönlichen Geschmack abhängig.

I See a Darkness

Zwei ausgewiesene Meister der Trübsal sollen nicht unerwähnt bleiben, zumal sie uns durch die dunklen Jahre begleiteten, in denen Freunden alternativer Musik schon das kleinste Vibrato in der Stimme verdächtig war und die Generation Golf „It Must Have Been Love“ von Roxette für ääscht traurig hielt. Der eine, Elliott Smith (2003 mutmaßlich durch Suizid aus dem Leben geschieden), hat eine ganze Reihe von Alben veröffentlicht, nach deren Genuss man sich erst mal drei Monate krankschreiben lassen möchte. Der andere ist William „Will“ Oldham alias Bonnie Prince Billy, der uns seit den frühen 1990er Jahren viel Traurigkeit beschert. Im Grunde vielleicht ein fröhlicher Zeitgenosse, hat er ein untrügliches Gespür für die großen wie die kleinen Abgründe der menschlichen Existenz. Beschaffungsbefehl: „I See a Darkness“ von 1999.

Man kann nicht behaupten, dass die Traurigkeit momentan ein musikalisches Revival erleben würde. Ausnahmen wie Bon Ivers Break-up-Album „For Emma, Forever Ago“ (2007), das einen komplett zerstören kann, bestätigen die Regel. Aber über welches aktuelle Album würde man sagen können, was Thom Jurek auf allmusic.com über „Frisco Mabel Joy“ von Mickey Newbury sagte: „It moves into an entire series of songs that talk of dislocation, emptiness, and endless searching through regret, remorse, and ultimately acceptance and resignation.“ Newbury ist übrigens eine gute Adresse, wenn man es sich so richtig geben will. Zwei Jahre vor „Frisco Mabel Joy“ spielte er eine Scheibe mit dem programmatischen Titel „It looks like Rain“ ein. Ein Album wie ein undichtes Dach.

Wir haben auf Spotify eine traurige Playlist erstellt. No fun, my babe, no fun.

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