Der ehemalige Verwaltungssitz der VEGLA weicht einem Wohnkomplex

Wenn vom Aquarium die Rede ist, dem Bürogebäude mit der parsolgrünen Glasfassade an der Viktoriaallee/Ecke Bismarckstraße, geht vermutlich mancher schon aufgrund der auffallenden Verglasung davon aus, dass das Gebäude im Auftrag der VEGLA (Vereinigte Glaswerke GmbH) gebaut wurde. Zumindest mir ging das bis dato so. Und ich lag falsch. Seit kurzem steht fest, dass das Gebäude im Herbst nicht mehr stehen wird. Zeit, nochmal genauer hinzusehen.

Stand der Dinge

2015 wurden Gebäude und Grundstück von der nesseler projektidee gmbh erworben, die nun an gleicher Stelle einen Wohn- und Geschäftskomplex mit der Bezeichnung VIKTORIA IM FRANKENBERGER bauen wird. Eine Umnutzung, die anfangs noch in Erwägung gezogen wurde, ist laut Projektentwickler inzwischen vom Tisch. Was zur Zeit des Baus als hochmodern galt, sei nach heutigen Maßstäben energetisch und technisch nicht mehr tragbar; Klima- und Haustechnik seien vollkommen veraltet. Außerdem sei das Gebäude schadstoffbelastet und der Standort für ein Objekt mit riesigen Büroflächen unzeitgemäß, so die Hauptargumente für einen Abriss, der plangemäß Im Dezember vollzogen sein soll. 2021 will man fertig sein. Es entstehen um die 100 Wohnungen, ein Drittel davon wird öffentlich geförderter Wohnraum werden. Des Weiteren weist der Bebauungsplan Studentenappartements, Einzelhandelsflächen, Büros, Praxen und eine Kita aus. Interessanterweise wurde mit dem Entwurf das gleiche Büro beauftragt, auf dessen Reißbrett auch schon das VEGLA-Haus entstanden war, nämlich HPP Hentrich-Petschnigg & Partner, Düsseldorf, die vor allem durch ihr Dreischeibenhaus in ebendort bekannt wurden.

Blick zurück

Bauherrin war 1978 nicht wie angenommen die VEGLA, sondern die AachenMünchener Versicherung. Die VEGLA, die hier bis 2014 ihren Hauptsitz hatte und diesen anschließend von Aachen nach Stolberg verlegte, war lediglich Mieterin des Objekts. Neben dem erwähnten Spitznamen hat sich deshalb die Bezeichnung VEGLA-Haus eingebürgert. Des Öfteren hört man auch den Begriff „Saint-Gobain-Gebäude“. Um diesen Sachverhalt aufzudröseln, empfiehlt sich ein Blick in die Historie, der wahrhaft Erstaunliches zu Tage fördert.

VEGLA und Saint-Gobain

Die französische Compagnie de Saint-Gobain wurde bereits 1665 gegründet und zählt somit zu den ältesten noch existierenden Unternehmen überhaupt. Der Mischkonzern, der hierorts meist mit der Herstellung von Glasscheiben in Verbindung gebracht wird, produziert gleichwohl auch viele andere Baustoffe und ist in einigen Segmenten sogar Weltmarktführer.

Die VEGLA entstand erst 1936 – als Tochterunternehmen von Saint-Gobain – aus einer Fusion von vier Aachener und Stolberger Glashütten. Zur Geschichte der Glas- und Spiegelproduktion in der Region muss man wissen, dass in Stolberg nachweislich schon um 1500 Glashütten existierten (Dr. Karl-Hans Garke: Die schöne Eifel. Stolberg, Eifelverein, Stolberg o. J.). Mutmaßlich lieferten sie ihre Erzeugnisse auch an diverse Aachener Spiegelmanufakturen. Eine Branche, die heute hier praktisch ausgestorben ist.

Die Antenne in der Scheibe

1952 verleibt sich die VEGLA die Glas- und Spiegelmanufaktur N. Kinon ein. Saint-Gobain gelangt dadurch in den Besitz wichtiger Patente. Bereits 1910 hatte Ferdinand Kinon, der den in Burtscheid ansässigen Betrieb von seinem Vater übernommen hatte, ein Patent auf Verbund-Sicherheitsglas erworben. Das Verbundglas kam im Zweiten Weltkrieg wegen seiner Schussfestigkeit unter anderem bei Panzern und bei Fliegerbrillen zum Einsatz. Saint-Gobain komplettierte damit seine Palette an Sicherheitsgläsern. Im Glaswerk Herzogenrath, das ebenfalls zum Konzern gehört, wurde nämlich bereits seit 1933 ein Einscheiben-Sicherheitsglas produziert, das als das erste seiner Art in der Welt gilt und unter der Bezeichnung Sekurit bekannt wurde. Bemerkenswert ist auch, dass wiederum die VEGLA 1975 die erste Autoscheibe auf den Markt brachte, in die eine Radioantenne integriert war (Tennavit). Aber jetzt kommtʼs: Auch die heizbare Heckscheibe hat mit der VEGLA zu tun. Die wurde nämlich Anfang der 1960er Jahre von Dr. Karl Maria Heinz Kunert entwickelt, und zwar bei der Kölner Sekurit Glas-Union GmbH, einer Tochter der VEGLA.

Der Drops ist gelutscht

Eingedenk einer solchen Firmengeschichte mutet es traurig an, dass das Gebäude, das auch für ein Kapitel europäischer Industriegeschichte stand, nun verschwinden wird. Die Meinungen darüber, ob es erhaltenswert gewesen wäre, gehen auseinander. Die einen beklagen den Verlust der markanten Architektur, die ein bisschen quer gegen das vorherrschende Flair des Frankenberger Viertels gebürstet wirkte und dennoch gerade in dieser Selbstbehauptung ein Highlight war. Andere argumentieren, dass Wohnungen dringender benötigt werden als ein architektonisches Relikt aus den siebziger Jahren. So oder so muss man hinnehmen, dass hier letztlich eine wirtschaftliche Entscheidung von einem privaten Investor getroffen wurde. Ob auch das Viertel und die Menschen im Viertel davon profitieren werden, wird sich zeigen.

Die Fotos dokumentieren final den sehr eigenen Charme des VEGLA-Hauses.

Fotos: Fotostudio Arnolds eK / nesseler projektidee gmbh
Titelfoto: Eckhard Heck

 

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