Regisseurin Margreet Sweerts (Maastricht) und Sängerin Christina Fischer (Aachen) organisieren gemeinsam mit Logoi – Institut für Philosophie und Diskurs, Docfest und der Universiteit met de Buurt das euregionale Festival der Traurigkeit. Herzstück des Festivals ist das Kummerkonzert, eine leichtgewichtige Tour-Performance mit einer Sängerin, einem Pianisten und einem Performer. Sie bieten den Ausgangspunkt zum Thema Traurigkeit, drum herum gruppieren sich ein philosophischer Vortrag, Diskussionen, Theaterworkshops, Filmvorführungen und literarische Vorträge. Margreet Sweerts, Christina Fischer und Dr. phil. Jürgen Kippenhan im Gespräch über Traurigkeit in der heutigen Welt und die Intention des Festivals.

Ein „Festival der Traurigkeit“ – warum brauchen wir das?
Christina Fischer: Als Sängerin singe ich am liebsten traurige Lieder, dabei fühle ich am meisten. Es ist nötig, der Traurigkeit heutzutage Raum zu geben, sie hat keine Lobby. Wir denken, es muss nicht immer alles perfekt und optimierbar sein. Ich habe klassischen Gesang studiert. Da gibt es diese Tendenz, dass nie etwas aus der Balance geraten darf. Konzerte sollen fröhlich enden. Ich fragte mich, warum.
Margreet Sweerts: Heute gibt es so viele Festivals, immer muss man „up“ sein, nie down. Wenn man nicht up ist, hilft man nach, sogar mit Drogen. Es herrscht so viel Leistungsdruck, schon bei den Kindern.
Melancholie hatte in allen Zeiten und Kulturen ihren Platz, aber es scheint so, als hätte sie ihn nicht mehr.

Aber ist das wirklich nur eine Frage unserer Zeit, weil einem in den sozialen Netzwerken ständig vorgegaukelt wird, wie gut alle drauf sind? Oder war das nicht eigentlich immer schon Thema in der Philosophie? Alain hat zum Beispiel vor 100 Jahren das Buch „Die Pflicht, glücklich zu sein“ geschrieben. Und die Tugendethik, die sagt, man solle glücks-taugliche Ziele verfolgen, gibt es noch viel länger.
Jürgen Kippenhan: Ja, das stimmt. Das Thema gibt es im Grunde schon seit Aristoteles. Der Mensch soll immer besser werden und Glückseligkeit erlangen. Aber es ist schwer, gezielt glücklich zu sein. Kontrolle, Disziplin, Logik, das sind alles Begriffe, die uns hinführen sollen. Aber es ist im Grunde eine Flucht. Es gibt nicht die Anleitung: Sag mir, wie es geht, glücklich zu sein. Da verliert man eher den Kontakt zu dem, was man wirklich will.
Heute zückt man das Smartphone, um sich immer und überall abzulenken. Ich sehe es selbst im Restaurant. Wenn der Gesprächspartner auf Toilette geht, wird die Zeit kurz mit dem Smartphone überbrückt. Man will nicht über sich nachdenken.
Margreet Sweerts: Ja, die Menschen lenken sich ab. Es ist schwer, es mit sich selbst auszuhalten. Und wir haben beobachtet: Es gibt keinen Raum zum Traurigsein im öffentlichen Raum. Wo kann man dann hingehen? Auf den Friedhof, wenn jemand gestorben ist. Aber sonst? Menschen, die traurig sind, denken, sie sind alleine.
Jürgen Kippenhan: Es gibt zu viele Möglichkeiten zu fliehen. Die Gesellschaft veroberflächlicht und möchte keine Tiefe spüren. Am liebsten möchte man alles Negative vermeiden.
Christina Fischer: Zeit ist auch ein wichtiger Faktor. Den Gefühlen ihre Zeit geben. Wenn ich traurige Lieder singe, ist alles möglich. Man muss loslassen und sich darauf einlassen. Dann kann alles passieren. Auch dass man lacht oder es mal sonderbar ist. Die Menschen sollten sich wieder mehr trauen, etwas zu fühlen.
Margreet Sweerts: Das Motto des Festivals der Traurigkeit ist: Menschen weinen nicht, weil sie schwach sind, sondern weil sie zu lange stark sein mussten.

In Deutschland habt ihr für euer Festival keine Förderung bekommen, warum nicht?
Christina Fischer: Bei der Regionalen Kulturpolitik hat unser Konzept für Kontroverse gesorgt und kaum Befürworter gefunden. Wir denken, der Titel „Festival der Traurigkeit“ erschien ihnen zu widersprüchlich und das Thema im Kontakt mit Menschen zu unberechenbar oder risikobehaftet.
Margreet Sweerts: Förderung haben wir nur aus den Niederlanden erhalten, aber Logoi hat uns in Aachen herzlich empfangen und unterstützt.

In der Kunst ist die Traurigkeit ein zentrales Thema, egal ob in der Musik, beim Tanz, im Film, Theater oder in der bildenden Kunst. Die meisten Künstler machen das nicht, weil sie sich den ganzen Tag mit witzigen Dingen beschäftigen.
Jürgen Kippenhan: Aber im Fernsehen beispielsweise ist alles so primitiv. Auch viele der Comedians. Die Menschen halten es nicht aus, ohne einen Scherz zu machen, und meistens sind es primitive Scherze.

Der Traurigkeit wird eine gewisse Tiefe und Schwere nachgesagt (tieftraurig). Ist Humor oft so flach, weil er leichter ist? Sind Emotionen nur wahrhaftig, wenn sie schwer und tief sind?
Margreet Sweerts: Christina und ich vereinen vielleicht das Beste zweier Kulturen: Tiefe, die zur Schwere neigt, und Leichtigkeit, die zum Weglachen neigt. Ich fühle mich wohl mit dem Ausdruck „Soulfulness“ der englischen Autorin Zadie Smith. Sie beschreibt die Stimmung der Grenze zwischen Traurigkeit und Freude.

Es wird einen Philosophischen Salon mit Jürgen Kippenhan zu dem Thema „Die Entdeckung der eigenen Vergänglichkeit“ geben. Ist das die alles entscheidende Kernfrage der Menschen, die zwangsläufig traurig macht?
Jürgen Kippenhan: So eine Frage lässt sich nicht beantworten. Heidegger sagt: Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiß, dass es sterben wird, und das ist so schrecklich, dass wir versuchen zu fliehen. Wir überspielen das natürlich nach dem Motto „Mein Leben hat nichts damit zu tun“, aber die Sterblichkeit bleibt.
Unsere Sorgen drehen sich aber auch um andere Dinge wie Scheitern und falsche Partnerwahl. Wir lagern das dann aus, zum Beispiel auf ein Fußballspiel: Wir könnten bei der WM scheitern! Ein Sportwissenschaftler hat mir mal erklärt: Sport spiegelt nur die Dramaturgie des Lebens. Im Fußball ist alles enthalten. Wir könnten enttäuscht werden oder es kann überraschend ein Tor fallen, alle Elemente des Lebens sind enthalten.
Oder im Theater, das Leben ist wie ein Theaterspiel, mit Dramaturgie und Überraschungen. Wir denken, wir brauchen Kontrolle, damit nichts schiefgeht. Aber das ist ein Fehler, man muss es zulassen.
Margreet Sweerts: Das ist eine männliche Sicht der Dinge, immer das Ende zu sehen. Frauen sehen eher den Beginn. Hannah Arendt zum Beispiel stellt nicht die Sterblichkeit des Menschen zentral, sondern die Geburt des Menschen.
Jürgen Kippenhan: Naja, wir sehen das Leben auch vom Anfang an. Wir wachen jeden Morgen auf und müssen etwas machen.

Was macht ihr für das Publikum im Rahmen des Festivals?
Margreet Sweerts: Das Schöne ist, dass das Konzept gemeinsam mit mehreren Akteuren in über einem Jahr entstanden ist. Wir freuen uns auf die vielen verschiedenen Programmpunkte. Bei dem Konzert hat Christina rund 15 traurige Lieder aus ihrem Repertoire im Gepäck. Sie kommen immer individuell zum Einsatz, je nach Publikum. Gemeinsam mit der Uni Maastricht werden wir an alte Rituale erinnern: In einem Workshop werden zum Beispiel Baumwolltaschentücher bestickt. Früher hat man einem traurigen Menschen sein Taschentuch angeboten, sowas kennt man heute nicht mehr, weil es nur noch Wegwerfprodukte gibt. Wir versuchen, das Thema also auf vielen Ebenen anzugehen, aber immer in Beziehung zum Gefühl, dam Leiblichen. Und nicht zum Mentalen.
Im Festival geht es nicht so sehr um die künstlerische Ausgestaltung des Themas, also der Künstler ist nicht Star, sondern Moderator, das Publikum spielt die führende Rolle. Es geht auch nicht darum über Traurigkeit zu sprechen. Wenn wir darüber sprechen, dann im Zusammenhang mit dem Konzert. Der Zuschauer soll Teil des Prozesses sein.
Das Festival dreht sich ums Öffnen des Raumes in der Kunst und im Leben. Es geht ums Fühlen.

Welche Rolle spielen Riten für die Menschen? So zum Beispiel der Beerdigungskaffee, da wird ja meist auch wieder gelacht.
Margreet Sweerts: Beim Konzert, für das ein spezieller Raum entworfen wird, versuchen wir, eine Art Traurigkeitszeremonie zu gestalten. Die Frage ist: Was braucht der traurige Körper, um sich in Anwesenheit anderer entspannen und sich seinen Gefühlen hingeben zu können?
Unsere Zeit fragt nach anderen, neuen Arten, im öffentlichen Raum mit Traurigkeit umzugehen.

„Jetzt ist es aber gut“ – Wie lang darf man heutzutage traurig sein?
Christina Fischer: Das weiß ich nicht. Ich habe für mich entdeckt, dass ich mich wohlfühle, wenn ich traurige Gefühle nicht verdränge. Ich fühle mich dann nah bei mir und dadurch auch wieder frei für andere Gefühle. Man könnte sagen, ich mag die Traurigkeit, weil ich die Freude liebe.

Festivalprogramm

Universiteit met de buurt entre Manjefiek Maastricht
Malbergsingel 64 te, Maastricht
universiteitmetdebuurt.nl
Mi, 19.09., 19:30h Uhr: „Manjefiek“ Lesung über Traurigkeit und Gesundheit i.Z.m.

Festival der Traurigkeit im LOGOI Aachen
Jakobstraße 25a, Aachen
logoi.de
Do, 20.09., 19:30 Uhr: Konzert
Fr, 21.09., 14:00 Uhr: Workshop Taschentuchstickerei mit Desiree Hammen
19:30 Uhr: Konzert
Sa, 22.09., 15:00 Uhr: Konzert
19:00 Uhr: Theaterworkshop über Traurigkeit mit Tina Kukovic-Ulfik
So, 23.09., 12:00 Uhr: Philosophischer Salon mit Jürgen Kippenhan – Die Entdeckung der eigenen Vergänglichkeit
17:00 Uhr: Konzert

Universiteit met de Buurt in Centre
Manjefiek Maastricht
Malbergsingel 64 te, Maastricht
universiteitmetdebuurt.nl
Fr, 28.09., 19:30 Uhr: Konzert

Lumiere Maastricht
Bassin 88 Maastricht
lumiere.nl
Sa, 29.09., 18:45 Uhr: Konzert
21:30 Uhr: Dokumentation „Over the Limit“
So, 30.09., 14:30 Uhr:
Dokumentation „Over the Limit“
18:45 Uhr: Konzert

Kukuk an der Grenze Aachen/Raeren
Eupener Straße 420, Aachen
kukukandergrenze.org
Fr, 05.10., 20:00 Uhr: Konzert

In Memoriam, Bestattungsinstitut Aachen
Eifelstraße 1, Aachen
inmemoriam-web.de
Sa, 06.10., 19:00 Uhr: Konzert

Buurt Theater Mariaberg
Chrysantenstraat 18, Maastricht
buurttheatermariaberg.nl
So, 07.10., 11:00-13:00 Uhr: Öffentlicher
Unterricht/Probe, Thema Traurigkeit
13:00 Uhr: Trost Mahlzeit
15:00 Uhr: Konzert

festivalofsadness.com

Interview: Birgit Franchy
Fotos: Pierre Hansen

 

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