50 Jahre „anonyme Alkoholiker“ in Aachen


„Zufälle sind Wunder, die Gott erschafft, wenn er anonym bleiben will.“ Viele Mitglieder in AA (kurz für Anonyme Alkoholiker) sehen dies heute genauso, wenn sie an die Entstehung der Gemeinschaft und an ihre Trockenheit denken. Gerd aus Aachen hat die Geschichte der AA zusammengefasst.

Ursprünge in den USA 1935

Mai 1935 in Akron, Ohio. Der seit kurzem trockene Börsenmakler Bill W. sucht einen anderen Alkoholiker, um sich mit ihm zu unterhalten, wohl wissend, dass ihn dieses Gespräch trocken halten wird. Bill ist noch nicht lange trocken. Noch vor einem Jahr hat ihn sein behandelnder Arzt, Dr. William Silkworth, für einen hoffnungslosen Fall erklärt. Kurz danach wird Ebby, ein Freund von Bill, von den Oxford Gruppen, einer religiösen Gemeinschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Alkoholikern zu helfen, ausgenüchtert. Bill erfährt hier, dass auch für ihn Hoffnung besteht, vom Alkohol loszukommen. Im Dezember, wieder liegt Bill nach einem Rückfall im Towns Hospital von Dr. Silkworth, hat er ein spirituelles Erlebnis, so intensiv, dass es ihm gelingt, wie die Anonymen Alkoholiker heute sagen, das „erste Glas stehen zu lassen“.

Es gelingt ihm aber nicht, weitere Alkoholiker „trocken zu legen“, bis er im Mai 1935 Dr. Bob trifft, einen Chirurgen in Akron, der dem Alkohol hoffnungslos verfallen ist. Dr. Bob hat in Wirklichkeit überhaupt kein Interesse an diesem Gespräch, eine viertel Stunde will er Bill opfern, doch noch spät in der Nacht sitzen die beiden Männer zusammen und unterhalten sich über ihre Erfahrungen mit Alkohol. Dieses Teilen von Erfahrungen, die nur Alkoholiker gemacht haben, so erkennen sie, kann diese auch trocken halten. Am 10. Juni trinkt Dr. Bob das letzte Glas. Dieses Datum gilt bis heute als das Gründungsdatum der Anonymen Alkoholiker.

„Unser Hauptzweck ist nüchtern zu sein, und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen“

Gemeinsam versuchen die beiden trockenen Alkoholiker andere Leidende zu finden, um ihnen zu helfen. Es gelingt ihnen noch 1935 einen weiteren Alkoholiker, von der Sucht zu befreien.
1937 ziehen sie eine erste Bilanz. 40 nüchterne Alkoholiker, ein erster Erfolg hat sich eingestellt. Verbunden sind damit natürlich Schwierigkeiten. Dass unter dieser intensiven Arbeit mit Alkoholikern auch das Familienleben der beiden Gründer belastet wird, dürfte klar sein, dass aber organisatorische und finanzielle Probleme die Gemeinschaft gefährden, das ist allen bewusst. Sie setzen sich mit John D. Rockefeller jun. mit der Bitte um finanzielle Interstützung in Verbindung. John D. Rockefeller spendet den AA 5.000 Dollar, weigert sich aber zur Enttäuschung der Gründer, mehr zur Verfügung zu stellen, und er gibt den AA einen äußerst wertvollen Ratschlag: er verweist auf die Abhängigkeit von Spenden und ihren Gebern, so dass die Anonymen Alkoholiker ihre Unabhängigkeit verlieren könnten. Bis heute ist es eine der Eckpfeiler von AA, „dass wir uns durch eigene Spenden erhalten“. Auch eine weitere Regel entwickelt sich: AA spezialisiert sich nicht im Gesundheitsbereich, eröffnet nicht Kliniken oder arbeitet als Arbeitsvermittlungen. Rockefeller rettet AA vor der Professionalität.
„Unser Hauptzweck ist nüchtern zu sein, und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen“ (aus der Präambel der Anonymen Alkoholiker).

1938 beginnen die Arbeiten an einem Buch, dass die AA bekannt machen soll, kurz darauf werden die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker erstellt, die bis heute unser Programm verkörpern (siehe Schluss des Artikels) , im April 1939 wird das Buch unter dem Titel Alcoholic Anonymus veröffentlicht. Die Gemeinschaft nennt es aufgrund des Covers bald nur noch das „Blaue Buch“. Die enge Verbindung zu den Oxford Gruppen wird im Laufe der Zeit gelöst, die Alcoholic Foundation wird gegründet. In Akron behandelt Dr. Bob mit der Hilfe einer katholischen Nonne, Sr. Ignatia, mehr als 5.000 Alkoholiker, in New York wird in der psychiatrischen Abteilung des Rockland State Hospitals eine AA Gruppe gegründet. Bekannte Geistliche heißen die AA und ihre Arbeit gut und unterstützen sie. Immer mehr Gruppen entstehen, so dass die Gründung eines gemeinsamen Dienstbüros notwendig wird. Hat die Gemeinschaft 1939 100 Mitglieder, so steigt ihre Anzahl seit der Veröffentlichung des Blauen Buches rapide an. Ein Dinner bei Rockefeller im Februar 1940, wo sich die AA vorstellen können und ein damit verbundener Artikel in der Saturday Evening Post lassen die Mitgliedszahlen bis 1941 auf 8.000 steigen. Die erste Gefängnisgruppe in St. Quentin entsteht 1942.
Bis heute ist den AA ein Anliegen auch in den Gefängnissen vertreten zu sein. Leider werden nur 25 % der deutschen Gefängnisse von uns besucht. Besonders in den neuen Bundesländern sind sie kaum vertreten. Überhaupt haben die meisten Selbsthilfegruppen es nach 1990 schwer gehabt, in der ehemaligen DDR Fuß zu fassen, da Alkoholismus dort nicht als Krankheit anerkannt wurde, wie in den westlichen Bundesländern.
Der 2. Weltkrieg bedeutete für die Anonymen Alkoholiker eine massive Bewährungsprobe, da viele Mitglieder durch ihren Militärdienst in der ganzen Welt verstreut wurden. Um auch sie zu erreichen wurde 1944 das AA – Magazin Grapevine gegründet. Das deutsche Gegenstück heißt AA-Dach und erscheint in einer Auflage von 30.000 Exemplaren.

AA hat den 2. Weltkrieg schadlos überstanden, in den USA wuchs die Mitgliederzahl stetig, und die Verstreuung unserer Freunde bedeutete auch die Verbreitung der Botschaft. Überall in den von den Amerikanern befreiten Gebieten, gründeten die Gis IHRE AA Meetings. Ob in England, Frankreich, Italien, in Übersee und auch in der amerikanischen Besatzungszone wurden AA Meetings gegründet.
Um der Gemeinschaft auch eine sachliche Struktur zu geben, wurden 1946 die 12 Traditionen gegründet, die auf dem 1. Internationalen Konvent in Cleveland, Ohio, (eine der Hochburgen von AA) offiziell angenommen werden (Siehe 12 Traditionen am Schluss des Artikels).
Am 16. November 1950 stirbt Dr. Bob. Er hat noch miterleben dürfen, wie aus dem Gespräch am Abend im Mai 1935 eine große Gemeinschaft wurde.
1957 zählt sie in 70 Ländern 200.000 Mitglieder in 7.000 Gruppen. Bis 1963 erhöht sich die Anzahl der Gruppen auf 13.279. 20 % der Mitglieder sind außerhalt der USA organisiert, und diese Anzahl ist bis heute gestiegen. 1976 übersteigt die Anzahl 1 Million. Auf dem Treffen zum 35. Jahrestag der Gründung der AA erscheint Bill zum letzten Mal in der Öffentlichkeit.
Er stirbt am 24. Januar in Miami Beach, Florida.

Amerikanische Soldaten bringen die AA nach Deutschland

In Deutschland gründen amerikanische Soldaten ihre Meetings an ihren Standorten: München, Frankfurt, Heidelberg, usw. Englischsprachige Deutsche werden auch eingeladen, und so entsteht bald der Wunsch, deutschsprachige Gruppen zu organisieren. In den 60er und 70er Jahren werden immer mehr Gruppen in Deutschland gegründet, so auch in Aachen am 8ten September 1968. Einige Freunde, die AA schon kennen gelernt hatten, gründen in Aachen das erste Meeting. Leider sind alle Zeitzeugen mittlerweile verstorben, so dass keine Berichte von Zeitzeugen existieren.
Große Hilfe sind immer die Kirchen gewesen, denn in ihren Räumen wurden und werden bis heute die meisten Meetings abgehalten. Einer der ersten Räume werden von St. Michael zur Verfügung gestellt, aber bald benötigen die Anonymen Alkoholiker mehr Platz, so dass sie genötigt sind, eigene Räume als ihre Kontaktstelle anzumieten. Diese Räume auf zwei Etagen bleiben bis in die 90er Jahre das zu Hause von AA.
Dann wird eine Wohnung im Erdgeschoss des Hauses Wespienstraße 21 angemietet. Bis heute ist dies die Kontaktstelle.
Daneben finden noch weitere Meetings statt, so in St. Peter, St. Sebastian, in der Wilhelmstraße und im Kapitelsaal des Alexianer Krankenhauses. Meist ist Beginn um 19:30 Uhr, manche Meetings sind offen, das heißt, auch Nichtalkoholiker sind willkommen.
Daneben gibt es auch Meetings der Al-Anon, der Angehörigen Gruppen. Wie auch in den USA sind diese
Gruppen kurz nach den AA Gruppen in Deutschland entstanden. Sie sind auch nach dem 12 Schritte Konzept organisiert.

Anonymität wird großgeschrieben: Nur die Vornamen werden genannt

Basis beider Gemeinschaften ist die Anonymität. Gerade Neue, die Hilfe suchen, sollen diesen Schutz erhalten und wissen, dass ihr Leid bei den AA sicher aufgehoben ist. Mehr als den Vornamen will niemand wissen, alle sind gleich. In den Meetings wird über den Alkoholismus und seine Folgen gesprochen, es wird nicht diskutiert, es wird nicht unterbrochen. Jede Gruppe ist autonom, aber hält Verbindung zu den anderen Gruppen. Einmal im Jahr findet das überregionale Deutschlandtreffen statt, so dieses Jahr in Koblenz. Nächstes Jahr lädt Oldenburg ein.

International findet alle zwei Jahre das Welttreffen in den USA statt, wobei die AA mühelos in der Lage sind, die größten Stadien zu füllen. Ein Symbol internationaler Verbundenheit.

Fast überall in Deutschland halten die AA Info Meetings in Krankenhäusern, Betrieben und Schulen ab.

 

Die Präambel der AA

Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen.
Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch mit dem Trinken aufzuhören.
Die Gemeinschaft kennt keine Mitgliedsbeiträge, sie erhält sich durch eigene Spenden.
Die Gemeinschaft AA ist mit keiner Sekte, Konfession, Partei, Organisation oder Institution verbunden, sie will sich weder an öffentlichen Debatten beteiligen, noch zu irgendwelchen Streitfragen Stellung nehmen.
Unser Hauptzweck ist nüchtern zu bleiben und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen.

Die 12 Schritte und Traditionen

Die 12 Schritte der AA

1- Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten.
2- Wir kamen zu dem Glauben, dass eine macht größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.
3- Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes – wie wir ihn verstanden – anzuvertrauen.
4- Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Innern.
5- Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen unverhüllt unsere Fehler zu.
6- Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.
7- Demütig baten wir ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.
8- Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten, und wurden willig, ihn bei allen wieder gutzumachen.
9- Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut – wo immer es möglich war – es sei denn, wir würden dadurch sie oder andere verletzen.
10- Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.
11- Wir suchten durch Gebet und Besinnungdie bewuste Verbindung zu Gott zu – wie wir ihn verstanden –zu vertiefen, Wir baten ihn nur, uns seinen Willen erkennbar werden zu lassen und uns die Kraft zu geben, ihn auszuführen.
12- Nachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an andere Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.

Die 12 Traditionen der AA

1 Unser gemeinsames Wohlergehen sollte an erster Stelle stehen. Die Genesung des einzelnen beruht auf der Einigkeit von AA
2. Für den Sinn und Zweck unserer Gruppe gibt es nur eine höchste Instanz – einen liebenden Gott,
wie er sich dem Gewissen unserer Gruppe zu erkennen gibt. Unserer Vertrauensleute sind nur
betraute Diener, sie herrschen nicht.
3 Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören.
4 Jede Gruppe sollte selbständig sein, außer in Dingen, die andere Gruppen oder AA als Ganzes angehen.
5 Die Hauptaufgabe jeder Gruppe ist, unsere AA Botschaft an andere Alkoholiker zu bringen, die noch leiden.
6 Eine AA Gruppe sollte niemals irgendein außenstehendes Unternehmen unterstützen, finanzieren oder mit dem AA Namen decken, damit uns nicht Geld-, Besitz- und Prestigeprobleme von unserem eigentlichen Zweck ablenken.
7 Jede AA Gruppe sollte sich selbst erhalten und von außen kommende Unterstützung ablehnen.
8 Die Tätigkeit in AA sollte immer ehrenamtlich bleiben, jedoch dürfen unsere zentralen Dienststellen Angestellte beschäftigen.
9 AA sollte niemals organisiert werden. Jedoch dürfen wir Dienst – Ausschüsse und – Komitees bilden, die denjenigen verantwortlich sind, denen sie dienen.
10 AA nimmt niemals Stellung zu Fragen außerhalb ihrer Gemeinschaft, deshalb sollte auch der AA – Name niemals in öffentliche Streitfragen verwickelt werden.
11 Unsere Beziehungen zur Öffentlichkeit stützen sich mehr auf Anziehung als auf Werbung. Deshalb sollten wir auch gegenüber Presse, Rundfunk, film und Fernsehen stets unsere persönliche Anonymität wahren.
12 Anonymität ist die spirituelle Grundlage aller unserer Traditionen, die uns immer daran erinnern soll, Prinzipien über Personen zu stellen.

Wer noch mehr Interesse hat, dem empfiehlt Gerd die Seite www.anonyme-alkoholiker.de.

Unter dem Motto „Unser Weg in die Freiheit“ wird am 8. September 2018 ab 15:00 Uhr das Jubiläum gefeiert. Beim Eröffnungsmeeting ab 16:00 Uhr erfährt man allerlei über die Entstehungsgeschichte, Alkoholiker berichten über ihren Weg in die Trockenheit und Angehörige erzählen über ihre Erfahrungen. Es gibt Raum für Wortmeldungen.
Ab 18:00 Uhr: Zeit für Gespräche
Ab 20:00 Uhr: Musik und Tanz
In der KGH-Aachen, Pontstraße 73 (früher Katakomben)

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