Drinnen Festnahmen, draußen friedlicher Protest. Heute bringe ich sehr unterschiedliche Eindrücke aus dem Hambacher Forst mit. Ich kenne den Wald, seit ich mit 10 Jahren nach Jülich zog. Ich sah das Braunkohleloch wachsen und die Sophienhöhe grün werden. Seit drei Jahren begleite ich den Hambacher Forst und die umliegenden Orte bei ihrem Verschwinden. Im letzten Jahr überkamen mich einmal Zweifel – ich dachte, der Wald sei eigentlich schon fort und jedes Tier müsse längst Reißaus genommen haben, bei den ganzen Aktivisten und Sonntagsspaziergängern, die sich dort tummeln. Aber ich hatte nicht Recht. Bei jedem Besuch konnte ich mich aufs Neue überzeugen, dass der Wald immer noch ein Wald ist und selbst Polizeihundertschaften am Rand klein aussehen.

 

Maschinen dröhnen, Vögel zwitschern

Als ich heute um ca. 10:30 Uhr zur Polizeikontrolle fahre und mich als Presse ausweise, werde ich kollegial-freundlich begrüßt. Ich bin sehr überrascht, man weiß sogar auf Anhieb, das sich am Donnerstag schon vor Ort war und ich werde nach einer Sicherheitsbelehrung durchgewunken. Am Straßenrand stehen viel weniger Polizeiautos, als vor drei Tagen und auch die Anzahl der Pressevertreter hat stark abgenommen. Ich gehe in Richtung „Oaktown“, dort wird gerade geräumt, inzwischen mit viel schwerem Gerät. Für die Fahrzeuge ist eine große Schneise freigeschnitten worden. In Oaktown ist es bis auf das Dröhnen der Maschinen fast schon gespenstig ruhig. Kein Schreien von Aktivisten, ruhige Polizisten, leise Pressevertreter. Nach ein paar Fotos verlasse ich die Szene und gehe tiefer in den Wald hinein. Das Rauschen der Maschinen wird leiser, die Vögel zwitschern, ich komme mir einen Moment lang vor wie bei einem gemütlichen Sonntagsspaziergang. Ich erreichte Gallien. Hier steht ein riesiges Baumhaus, ein „Tower“. Die Holzleiter ist hochgezogen worden, nur über einen rutschigen Baumstamm kann es derzeit erklommen worden. Die untere Etage hat außerdem eine „Mauer“ ringsherum bekommen. Ein paar junge Aktivisten rufen mich herbei, sind sichtlich froh über das Auftauchen von Presse. Erzählen, dass gerade eine junge Frau festgenommen und abgeführt worden sei. Sie und eine Freundin haben die Toilette aufsuchen wollen und seien auf dem Weg überwältigt worden, nur eine schaffte es zurückzulaufen.
Immer wieder wird quer durch den Wald ein lauter Sprechgesang angestimmt. „Hambi bleibt, Hambi bleibt“, tönt es durch die Baumwipfel, dann „Deutsche Polizisten – Mörder und Faschisten“, schließlich „Wo, wo – wo wart ihr in Chemnitz?! Wo, wo – wo wart ihr in Chemnitz?!“. Es läuft mir kalt den Rücken runter.

Festnahmen in Gallien

Dann wieder Stille, mehrere Personen unterhalten sich mit mir, es nähern sich zwei weitere, ein junger Mann trägt eine Sanitätertasche. Plötzlich bricht ein Tumult los, es gibt Geschrei und wie aus dem Nichts stürmen von drei Seiten Polizisten auf uns zu, stürzen sich auf zwei junge Männer neben mir, die noch außerhalb der Mauer stehen. Einer wird gerade noch hineingezogen, der andere von zwei Seiten festgehalten. Der Kopf wird nach unten gedrückt, dann gibt es einen Griff an die Kehle, die Polizei reißt an den Armen. Alles geht in Sekundenschnelle und ich stehe mittendrin. Zum Glück haben die Beamten wohl meine Kamera und meinen Presseausweis gesehen, den ich heute sicherheitshalber an einer roten Schnur um den Hals trage. Der junge Mann wird abgeführt.
Bis heute Nacht sind bislang schon 34 Personen festgenommen worden, es gab neun leicht Verletzte.

Als sich die Aufregung legt, beschließe ich, meinen Weg fortzusetzen.
Ein langer Waldweg führt zur nächsten Siedlung. Wenn ich zurückblicke wundere ich mich immer aufs neue, wie winzig die Polizisten hinter mir aussehen.
Bei diesem Baumhaus freut man sich wieder über auftauchende Presse, bitte mich, 50 Meter weiter zu schauen, was sich dort abspielt, denn auch hier sind gerade zwei Personen festgehalten worden.
50 Meter weiter treffe ich auf die Szene. Zwei Männer sitzen auf Baumstämmen, von Polizei umstellt. Sie versichern, dass es ihnen gut geht und nur ihre Personalien geprüft werden. Ich ziehe mich zurück.
Später treffe ich die beiden Festgehaltenen. Bernd-Christoph (Jahrgang 1961) erzählt, dass er als Bibliothekar in Stuttgart arbeitet und sich spontan auf den Weg gemacht habe, um bei dieser wichtigen Aktion vor Ort zu sein. Er sei bei der Polizeiaktion eben ganz ruhig geblieben, denn er sei einiges gewohnt, habe sich auch bei Stuttgart 21 und anderen Aktionen engagiert. Morgen wird er wieder in Stuttgart an seinem Arbeitsplatz stehen, doch diese Nacht habe er unter einem Baumhaus auf dem Boden im Stroh geschlafen, um Solidarität auszudrücken. Den „Trick mit dem Brandschutz“ nennt er „völlig absurd“. Kurz sprechen wir darüber, dass hier die Polizei mit Gewalt Konzerninteressen durchsetzen soll. Dazu gibt es nicht mehr viel zu sagen, es ist in den letzten Tagen eigentlich alles schon gesagt worden.

Presse heute ab 12 Uhr kein Zutritt mehr

Ich gehe weiter, will zum Abschluss zum Wiesencamp, wo ich eine Weile nicht gewesen bin. Unterwegs frage ich noch zwei Polizisten nach der Richtung. Um die nächste Biegung will ich am Waldrand entlanggehen, dann zum Camp. Inzwischen kommen immer mehr Menschen in kleinen Grüppchen in Richtung Wald, heute ist ein großer Waldspaziergang angekündigt.
Wenige Minuten später ändert sich die Lage schlagartig. Die Polizei ist sichtlich nervöser geworden, verbietet mir trotz Presseausweis den Weg zum Camp einzuschlagen. Diskutieren nutzt nicht. Ab jetzt solle ich mich „an den Pressemeldungen orientieren“. Ich kehre um, halte es zunächst noch für einen Scherz, doch an vier weiteren Polizeisperren kommt die gleiche Info. Das Argument ich seit doch gerade schon zwei Stunden im Wald unterwegs gewesen und habe auch mein Auto auf der anderen Seite geparkt interessiert nicht mehr. Ich sei ja schließlich gut zu Fuß und könne doch wohl auch um den ganzen Wald herumlaufen, gibt man mir zur Antwort.
Für heute werde ich also aufgeben, beschließe ich.
Am Waldrand gehe ich zu meinem Fahrzeug zurück. Es ist ungemütlich, laut kreisen Hubschrauber über das Gelände und übertönen jedes Vogelgezwitscher.

Als ich den Heimweg antrete, ist auf der Straße vor dem Wald kaum noch ein Durchkommen. Hier ist es sonnig, hell und es herrscht eine fröhliche Stimmung. Menschen aller Altersgruppen reisen an, tragen Transparente und Bäume, machen Musik und wollen sich mit dem Protest solidarisch zeigen.

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