Die Erdoberfläche ist nur noch Schutt und Asche. Wer sich der Luft ohne Atemmaske aussetzt, der stirbt. Nach Hitzewellen, Hungersnöten und der Ausbreitung von Viren sind im Jahr 2050 sämtliche Zivilisationen zusammengebrochen. Die Meereszirkulation kommt zum Stillstand – und der Mensch? Er zieht sich zurück ins Innere der Erde, wo er ein hoch technisiertes Dasein fristet: kontrolliert von der gewaltigen Maschine MXXL, umgeben von künstlicher Luft und künstlichem Licht.
In einem von vielen kleinen Räumen sitzt eine bleiche, kahlköpfige Frau. Mit einem Druck auf den Isolationsknopf lässt sie die Informationsflut um sich herum verstummen, sodass sie per Monitor mit ihrem Sohn Kuron sprechen kann. In der Regel kommunizieren Menschen nur noch virtuell, doch Kuron hat einen gefährlichen Traum, den er kaum laut auszusprechen wagt. Um sich mit ihrem Sohn zu treffen, begibt sich die Frau widerwillig auf die Reise in die nördliche Hemisphäre und setzt sich dabei dem „Grauen des direkten Erlebens“ aus.
Mit „Utopia“ inszeniert Mona Creutzer eine unheimliche Vision der Zukunft, die ihr Publikum zum Nachdenken bringt. Barbara Portsteffen und Norman Nowotko zeigen als Mutter und Sohn mit einem ausdrucksstarken Auftritt die Folgen einer Gesellschaft, die am Wissenschaftsfortschritt zerbricht und sich in der Anbetung einer Maschine selbst verliert, während Jochen Deuticke die Handlung als Erzähler begleitet. Für eine derartige Welt könnte es wohl kein passenderes Setting geben als die Maschinenhalle im Tuchwerk an der Soers. Inmitten einer alten Produktionsstraße zur Verarbeitung von Wolle sind die Schauspieler sowohl in der Fiktion als auch in der Realität allseits von gewaltiger Maschinerie umgeben. In der abgedunkelten Halle entsteht durch die bunte, künstliche Beleuchtung fast der Eindruck, als würde man sich selbst wie die Protagonisten im Erdinneren befinden. Zusätzlich sind an den Wänden großflächige Projektionen angebracht, die den Handlungsverlauf untermauern und entweder einen Blick auf den trostlosen Zustand der Erde gewähren oder das Innere der Maschine zu zeigen scheinen, die ununterbrochen im Hintergrund arbeitet. Akustisch sind die Akteure zeitweise ein wenig schwer zu verstehen – atmosphärisch ist die Tuchhalle jedoch ideal.
„Utopia * Machina XXL“ wird noch bis zum 7. Oktober im Tuchwerk aufgeführt.

zurück European Youth
weiter Nachlese: „Sad, but true“ in der Gravieranstalt