Tick-tack, tick-tack, tick-tack. Kein aufdringliches Geräusch, nur so laut, dass man es immer und immer hört, das Verrinnen der Zeit oder die hartnäckige Präsenz des neuen Begleiters namens Wahnsinn. Gegenüber der leise vor sich hintickenden Uhr eine vergilbte Fotografie zweier Brüder, darunter ein alter Teppich mit zwei identischen Sesseln, in denen zwei identisch angezogene junge Männer sitzen. Mehr braucht Regisseure Jakob Arnold nicht, um eine ergreifende und intensive Geschichte punktgenau in Szene zu setzen.
(Den Kühlschrank samt Inhalt, dessen Bühnenlegitimation mir schleierhaft bleibt, vernachlässige ich einfach.)

Das „Mehr“ auf der Bühne sind die beiden jungen Schauspieler Julian Koechlin und Simon Rußig. Für Simon Rußig ist „Lenz“ die letzte, für Julian Koechlin die erste Premiere am Stadttheater Aachen. Büchners Novelle ist eine sprachliche Herausforderung, ein Tosen und Donnern, mitreißend und aufwühlend, als ob Büchner den Wahnsinn, der in der jungen Brust des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz tobt, mit Wahnsinn begegnen würde. Dieser Sturm, der von der Geschichte ausgeht und sich in rasender Geschwindigkeit im Magen und Kopf ausbreitet, wird im Spiel der beiden Darsteller auf beeindruckende Weise lebendig.

Auf Anraten seines Freundes Christoph Kaufmann (Vater des Begriffes „Sturm und Drang“), besucht Lenz den Philanthropen und Pfarrer Johann Friedrich Oberlin (Vorreiter und wichtige Persönlichkeit bei der Gründung der Kindergärten) im abgelegenen Waldersbach. Lenz hofft auf eine Besserung seines Geisteszustandes, eine Hoffnung, die sich im Laufe der Geschichte auflöst, wie der Morgennebel über den Schweizer Bergen. Ein unaufhaltsamer Abstieg in die verworrenen Gefilde des Wahnsinns beginnt.

Es dauert vielleicht eine kleine Weile, bis man mit dem rasanten Wechsel der Charaktere Schritt halten kann – die Schauspieler übernehmen abwechselnd alle Rollen, auch die des Erzählers –, doch Julian Koechlin und Simon Rußig schütteln diese unterschiedlichen Figuren lässig aus dem Ärmel, spielen sich meisterlich den Ball zu, und bringen so eine breite Klaviatur der menschlichen Gefühle empfindsam auf die Bühne.

Und wieder eine Mörgens-Inszenierung, die unter die Haut geht, die vor Augen führt, dass ein gutes Stück nur gute Schauspieler braucht. Nicht mehr und nicht weniger.
Ein Hoch auf das junge Theater!

Lenz – von Georg Büchner | Stadttheater Aachen, Mörgens | Inszenierung: Jakob Arnold | Bühne und Kostüme: Christian Blechschmidt
Termine: 30.09., 07., 12., 19.10.

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