Hommage an den Meister des Phantastischen

Tim Burton, bekannt als Regisseur zahlreicher filmischer Meisterwerke wie „Beetlejuice“, „Edward mit den Scherenhänden“,  „Nightmare Before Christmas“ und „Charlie und die Schokoladenfabrik“, um nur einige zu nennen, wird zurzeit im belgischen Genk in einer großen Ausstellung gewürdigt, die verspricht, Neues und bisher Ungesehenes zu präsentieren. Der Besuch lohnt sich vor allem für Kenner seines Œuvres, die mehr über den Künstler erfahren möchten und in der Lage sind, die mannigfaltigen Bezüge zu seinem Werk zu erkennen. Ungeachtet dessen kann sich natürlich auch der eher unbedarfte Betrachter von den Burtonʼschen Phantasmen begeistern lassen.

Vorweg ein Tipp. Man sollte seine Tickets online buchen. Wer auf gut Glück anreist, geht an der Tageskasse unter Umständen leer aus, denn die Ausstellung ist derartig überlaufen, dass Besucher nur im Pulk und zu festgelegten Zeiten eingelassen werden, wobei etliche Slots bereits im Vorhinein ausverkauft sind. Wir hatten das Glück, noch Tickets zu ergattern, mussten dann aber mit drei Stunden Wartezeit leben. Wer dennoch spontan und ohne vorherige Buchung aufbricht, der sollte nach Möglichkeit das Wochenende meiden und/oder möglichst früh vor Ort sein.
Für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschädigte uns die Location. Wer c-mine, den Ausstellungsort in und um eine ehemalige Zeche am Stadtrand von Genk, noch nicht kennt, dem wird der Unterkiefer angesichts dieser Industrie-Ikone herunterklappen. Keine Übertreibung. Ich konnte den Effekt live und in Farbe bei meiner Begleitung studieren. Das Gelände wurde nach der Schließung des letzten Schachtes im Jahre 1987 in einen Ausstellungsort umgewandelt und dabei baulich weitgehend erhalten. Schon von weitem begrüßen einen zwei gigantische Fördertürme und die entsprechend dimensionierten ehemaligen Werkshallen und Verwaltungsgebäude. Die Geschichte des Ortes wird durch Führungen lebendig gehalten. Auch wenn man sich eher für Industriekultur als für Kunst interessiert, lohnt der Besuch.

Unbedingt hervorzuheben ist, dass es in Genk hervorragend gelungen ist, eine Symbiose zwischen Industriegeschichte und zeitgenössischer Kunst zu kreieren. Derzeit bestes Beispiel ist die monumentale Stahlskulptur des Architektenduos Gijs Van Vaerenbergh. Eigentlich sollte sie bereits 2015 wieder demontiert werden. Noch aber steht das begehbare, labyrinthische Monstrum, dessen Inneres man sich erwandern muss. In ihrem Herzen öffnen sich ganz unvermittelt ungeahnte Räume und überraschende Durchblicke. Es wird einem geradezu schwindelig vor Eindrücken.

Foto: Eckhard Heck

Außer mit der ausgiebigen Dokumentation des Labyrinths vertrieben wir uns die Wartezeit in der nahegelegenen Vennestraat, wo man uns im Circolo Sardo Grazia Deledda den weltbesten italienischen Kaffee servierte und für den Abend das alljährlich an vier Wochenenden im Spätsommer stattfindende Straßenfest „Vollebak Vennestraat“ in Aussicht stellte. In der Vennestraat findet man mehr italienische als türkische und mehr türkische als belgische Gastronomie, und man kann sich in mindestens fünf Sprachen verständigen. Irgendwie sind die Flamen in Sachen Völkerverständigung und Integration etwas weiter als manche Region Deutschlands. Des Weiteren erkundeten wir das nicht sehr weit entfernt gelegene Stadtzentrum Genks, wo just während unseres Erscheinens eine Rallye historischer Busse startete. Ich kam mir vor wie in einem jener beglückenden Urlaube, wo einem so viel Gutes widerfährt, dass man irgendwann nicht mehr an einen Zufall glaubt.

Foto: Eckhard Heck

Doch nun zum eigentlichen Anlass des Artikels. Schon im Vorfeld sorgte die Ausstellungsankündigung für feuchte Höschen bei den Fans. Das Versprechen einer Annäherung an das Mirakel Tim Burton löst die Ausstellung dann auch weitgehend ein. Sie zeigt anhand einiger hundert Artefakte, die sämtlich aus einer Privatsammlung stammen, dass Burton ein Universalgenie und unermüdlicher Arbeiter in Diensten des Abseitigen, Doppelbödigen und Sarkastischen ist. Es wird, wie eingangs erwähnt, weitgehend vorausgesetzt, dass man das filmische Schaffen des in Burbank, Kalifornien, geborenen Amerikaners bereits kennt. Entsprechend spärlich sind die Informationen zu den Filmen selbst, und es gibt auch nur einige wenige Props (Ausstattungsgegenstände) und Originalmodelle in der Ausstellung zu sehen. Der Schwerpunkt liegt auf mehr oder weniger skizzenhaften Zeichnungen, die sowohl realisierte als auch unrealisierte Projekte referenzieren oder gänzlich für sich stehende Arbeiten sind. Sehr vielsagend ist beispielweise eine Wand voller bekritzelter Servietten. Burton scheint immer, überall und auf alles gezeichnet zu haben.

Während vieles, was schon zu Jugendzeiten von Burton entstand, die zu erwartenden ironischen Züge trägt, blitzt hier und da bereits etwas anderes, etwas zutiefst Unheimliches und Verstörendes, durch. Scheinbar harmlose biografische Bezüge – etwa zu Burtons Geburtsort, in dem sich außerhalb der Ferienzeiten kaum etwas ereignete (gemeint sind hier die Holidays, also die klassischen amerikanischen Festtage) – verwandeln sich durch die Brille des jungen Tim in Horror-szenarien, die weit über kindliche Phantastereien hinausgehen. Wer dem Filmemacher bislang lediglich einen etwas schrägen Humor und einen Hang zum Skurrilen attestierte, wird sich nach dem Besuch der Ausstellung möglicherweise – so wie ich – fragen, ob er jemand ist, mit dem man gerne mal privat zu tun hätte. Was mich betrifft: dann doch vielleicht eher nicht. Mir scheint, dass er die Rolle eines seiner späteren Lieblingsprotagonisten, des unverstandenen Außenseiters, selbst zutiefst verinnerlicht hat und darüber zum Zyniker wurde. Ist aber nur eine Vermutung.

Zum Aufbau: Zusammengefasst zu Topics wie „Figurative Werke: Männer, Frauen oder Wesen“, „Filmcharaktere“ oder „Unrealisierte Projekte“ reihen sich die Ausstellungsstücke in etlichen Räumen und über zwei Stockwerke verteilt aneinander. Leider fühlt man sich angesichts des Andrangs ein wenig durch die Ausstellung geschoben. Es erfordert ein wenig aggressives Potential, um gegen den Strom zu schwimmen, was man aber unbedingt tun sollte, denn sonst verpasst man die Hälfte. Außer einem kleinen, aber ergiebigen Raum, der sich mit Burtons Einflüssen beschäftigt, ist die Fotoabteilung besonders erwähnenswert, wo überwiegend großformatige Polaroids zu sehen sind, von denen die eindrücklichsten am Drehort von „Mars Attacks!“ entstanden.

Teil der Ausstellung ist das Burton Café, dessen Ausstattung sich an der Kulisse von „Big Fish“ orientiert. Auf der Karte stehen Dinge wie „Charlie Chokolade Wafl“ und „Beetlejuice smaakwaters“ nebst einer „Mr Bloom Tostada“. Für mich fällt das Café bereits in die Abteilung Merchandise, die dann außerhalb der Ausstellung im Ausstellungsshop fortgeführt wird. Mugs, Figuren, Schirme und Badetücher sowie der bereits erwähnte Katalog (74,99 Euro) und andere Bücher sind dort erhältlich. Das alles wirkt reichlich durchkommerzialisiert und wenig freudvoll. Aber beim Geld hört der Spaß ja bekanntlich auf.

Wir haben uns die Anschaffung von Devotionalien verkniffen und kehrten stattdessen noch einmal in die Vennestraat zurück, wo das „Vollebak Vennestraat“ inzwischen angelaufen war. Ich fühlte mich stark an die letzte Seite der Asterix-Hefte erinnert, als wir den Besuch bei Spanferkelbrötchen und herzzerreißenden Karaokedarbietungen ausklingen ließen.

The World of Tim Burton
noch bis 28.12.2018
c-mine, Genk
Eintritt: 15 Euro

Webseite: c-mine.be
Tickets: c-minecultuurcentrum.be/burton

Labyrinth von Gijs Van Vaerenbergh: gijsvanvaerenbergh.com (dort im Menü nach „Labyrinth“ suchen)

 

 

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