Ein Blick auf Google Maps offenbart: Das Hinterhofareal zwischen Boxgraben, Südstraße, Reumontstraße und Mariabrunnstraße ist eins der größten der Stadt. Um dieses ist ein Streit entbrannt, nachdem rund die Hälfte des Areals von Großinvestor Norbert Hermanns/Landmarken AG erworben wurde mit dem Ziel, hier Neubauten mit rund 200 Wohnungen zu platzieren und damit dem wachsenden Platzbedarf in der Stadt nachzukommen. Nun steht Interesse gegen Interesse. Dass das Gelände bebaut werden wird, ist inzwischen klar. Doch die Anwohner pochen auf ihr Recht mitzuentscheiden. Deren Interessen gehen von „gar nicht bauen“ bis hin zu der Idee, mit einer nachhaltigen Wohnsiedlung ein Exempel zu statuieren. Eine Annäherung.

Ortsbesuch mit Karsten Schellmat, Anwohner, Architekt, Nachhaltigskeitskoordinator und Gründungsmitglied der Initiative „Luisenhöfe Aachen“.

Durch ein unscheinbares Tor am Boxgraben gelangt man in den „Boxpark“. So haben die Anwohner der Initiative „Luisenhöfe Aachen“ ein Grundstück genannt, das einmal ein herrschaftlicher Garten gewesen sein muss. Auf der Rasenfläche deutet sich die Umrandung von etwas an, was vor Jahrzehnten ein alter Brunnen gewesen sein könnte, hinter einer sehr dicken, alten Linde tritt man auf ein verwunschenes Tor zu, wahrscheinlich die Fassade eines alten Gartenpavillons aus der Gründerzeit. Niemand weiß es, Pläne dazu existieren nicht mehr.
Karsten Schellmat, Eigentümer eines Hauses am Boxgraben, wohnt in Sichtweite zum Park – und in Hörweite. Morgens schlössen die Anwohner die Fenster, so laut schalle das Vogelgezwitscher herüber. Eine ornithologische Begehung mit dem NABU im Juni 2018 habe ergeben, dass hier mindestens 20 Vogelarten zu Hause seien. Mönchsgrasmücke und Rotkehlchen, Zilpzalp und Eichelhäher geben sich ein Stelldichein, Bussarde und Falken kreisen über dem Gelände, auf dem auch verschiedenste Insekten, Eichhörnchen und Fledermäuse heimisch sind. Ein verwildertes Biotop mitten in der Stadt, im Besitz der Stadt Aachen und unbedingt erhaltenswert, finden interessierte Anwohner. Und dabei gehe es keineswegs nur um eigene Interessen, so Schellmat, sondern um Artenschutz, Stadtklima und Luftqualität für alle. Der gleichen Meinung ist auch das Aachener Baumschutzbündnis, das die Planung in den Luisenhöfen kritisch beobachtet.

Wir wandern um die nächste Straßenecke und erklimmen das Parkhaus des Luisenhospitals, nicht gerade ein städtebauliches Kleinod, das laut Schellmat nur zum Schichtwechsel im Krankenhaus voll belegt ist. Von hier oben kann man die Luisenhöfe genauer betrachten. Ein ehemaliges Fabrikgelände ist niedrig bebaut mit Werkhallen und einem Uhrenturm.
Im Zentrum des Innenhofareals befinden sich viele Grünflächen samt einem Bunker. Der ganze Bereich (in der Grafik gelb schraffiert) gehörte einer Inhaberfamilie, die sowohl das Werkgelände betrieben hat als auch Inhaber der Backsteinbauten in der Südstraße war, früher wohl Arbeiterwohnungen. Der große Garten mit Swimmingpool war für Anwohner nicht zugänglich, sondern alleine von der Eigentümerfamilie nutzbar. Von den Seiten ist er durch Mauern und Bäume verborgen und nicht einsehbar. Google Earth macht es möglich, einen Blick auf diese Innenstadtoase zu erhaschen.
Auch wenn die Bewohner in den angrenzenden Backsteinhäusern nie in den Genuss kamen, den großen Garten zu nutzen: Immerhin waren ihre Wohnungen lichtdurchflutet. Wird dies bei einer bis zu fünfstöckigen Bebauung im Hinterhof noch gegeben sein?
Dieser komplette Bereich ist an die Landmarken AG veräußert worden, die auf dem Gebiet von rund 15.000 m² mit Wohnbebauung in vier Blöcken nachverdichten möchte – bei der Höhe der Neubauten sieht die Bürgerinitiative durchaus noch Verhandlungsbedarf. In Konsens mit Politik und Verwaltung sollen hier Wohnraum und Eigentum für verschiedene Zielgruppen geschaffen werden – 30 Prozent davon öffentlich gefördert –, zudem ein weiterer Kindergarten, direkt hinter den zwei bereits vorhandenen auf dem Gelände.
Um das Vorhaben umsetzen zu können, muss der bisher einzige Zuweg zum Gelände erworben werden (braun schraffiert). Er gehört dem Luisenhospital und grenzt an das große Parkhaus im Westen des Geländes an.
Dieser Zuweg sollte wohl einmal das Verbindungsstück zur Beethovenstraße sein. Indes, die Straße wurde nie zu Ende gebaut. Es fehlt ein Teilstück von über 200 Metern. Und genau das hat dazu geführt, dass hier ein Innenhofareal entstanden ist, das mindestens doppelt so groß ist wie die meisten anderen innerstädtischen Höfe. Möglicherweise haben genau die Eigentumsverhältnisse seinerzeit verhindert, dass die Straße vervollständigt wurde, es lässt sich laut Karsten Schellmat jedenfalls an keiner Stelle mehr nachvollziehen, warum es so gekommen sein mag.

Die Luisenhöfe – gelb: Landmarken AG, braun: Luisenhospital, hellblau: Boxpark/Stadt Aachen,
dunkelblau: anderer Eigentümer, grüne Punkte: interessierte Anwohner

Um nun bauen zu können, muss von Seiten des Investors eine Einigung mit dem Luisenhospital gefunden werden, dem der einzige Zuweg gehört und dessen Parkhaus auch erweitert werden muss, um den neuen Mietern Stellplätze bieten zu können – was jedoch auf großen Widerstand der Anwohner stößt. Kann diese Ecke der Stadt noch mehr Autoverkehr vertragen? Schließlich kommt es hier schon mehrfach am Tag zu chaotischen Verkehrssituationen, wenn Eltern die zwei Kindergärten und die Schule Ecke Reumontstraße/Mariabrunnstraße anfahren. Wie wird es sein, wenn hier ein weiterer Kindergarten hinzukommt, der nicht mal direkt angefahren werden kann, und 200 weitere Wohnungen erreicht werden wollen?

Sollte es bei dem Plan bleiben, das ganze Gelände zu bebauen, müsste zusätzlich ein Garagenhofgelände erworben werden, das bislang noch nicht verkauft wurde und dessen Eigentümer bis dato keine Ambitionen zeigt, dies zu tun. Und der Boxpark ist noch Eigentum der Stadt Aachen. Den Anwohnern wäre natürlich am liebsten, wenn dies auch so bliebe.

Aus der Zeitung von Plänen erfahren

Erste Pläne für eine sehr dichte Bebauung lagen bereits vor, als die Anwohner im Dezember 2016 aus der Zeitung von dem Vorhaben erfuhren, das in ihren Augen nicht nur einen herben Einschnitt in die eigene Wohnqualität bedeuten könnte, sondern – wenn schon nachverdichtet – so genutzt werden sollte, dass ein Zeichen in puncto nachhaltige Bebauung gesetzt würde. Und zwar jeden Aspekt des nachhaltigen Bauens betreffend, sei es Klimaverträglichkeit oder Mobilitätskonzept.

Karsten Schellmat, nicht nur Eigentümer eines angrenzenden Dreifensterhauses, sondern vom Fach, informierte seine Nachbarschaft, darunter weitere Architekten und Stadtplaner, sowie Hans Poth, sich seit vier Jahren im Ruhestand befindlicher ehemaliger Pressesprecher der Stadt und ebenfalls Eigentümer einer angrenzenden Immobilie und mit den Prozessen in der Stadt bestens vertraut.
Zehn bis 15 Aktive konnten gewonnen werden, Pläne wurden studiert, Infoveranstaltungen organisiert und die Kommunikation mit Investor und Stadt wurde gesucht.
Jetzt kann natürlich jede Nachbarschaft nur davon träumen, dass sich Profis vom Fach zuständig fühlen, sich für die Belange im Wohngebiet einzusetzen. Unzählige Stunden wurden bislang investiert, um aufzuklären, zu informieren, einen Blog einzurichten, eine Facebookseite zu betreiben und Newsletter herauszuschicken. Unermüdlich werden außerdem gute Beispiele aus anderen Städten zusammengetragen, eine Arbeit, die durchaus für andere Bauvorhaben von Nutzen sein kann.

Gut organisierte Anwohnerschaft als Albtraum für Investor?

Der glückliche Zufall für die Nachbarschaft ist möglicherweise zeitgleich der Albtraum jedes Investors. Im Fall Luisenhöfe hat man sich auf die Nachbarschaft eingelassen. Ob nun von vornherein geplant war, sie sowieso zu involvieren, wie die Stadt inzwischen gerne behauptet, kann zumindest angezweifelt werden. Fakt ist, dass im Mai 2018 – nachdem die Initiative sich gegründet hatte – von Seiten der Stadt und des Investors ins Luisenhospital eingeladen wurde, um die Anwohner nicht nur zum aktuellen Stand zu informieren, sondern auch, um das Angebot zu machen, in Workshops Wünsche zu formulieren, die dann in eine Ausschreibung einfließen sollten. Über 60 Anwohner folgten der Einladung und taten in der aufgeheizten Stimmung zunächst ihren Unmut kund. Der Investor entspannte die Situation und lud an Thementische ein, an denen in Kleingruppenarbeit Visionen zu Nachbarschaft, Wohnen, Mobilität, Grün- und Freiraum entstanden.
Karsten Schellmat betont mehrfach, dass es der Initiative nicht darum gehe, die Bebauung aufzuhalten, sondern vielmehr darum, diese in einem verträglichen, vielleicht sogar wegweisenden nachhaltigen Rahmen zu gestalten. Ein Kernpunkt dabei ist zum Beispiel das Thema Mobilität und Parkplätze. Ist es wirklich nötig, am alten Parkplatzschlüssel festzuhalten, der bisher gilt und nach dem für jede Wohnung ein Parkplatz angeboten werden muss? Oder wäre für das Quartier ein innovatives Mobilitätskonzept denkbar, das den motorisierten Individualverkehr nicht in den Vordergrund stellt? Möglich wäre das, denn mit der am 15. Dezember 2016 im Landtag beschlossenen Novelle der
Landesbauordnung Nordrhein-Westfalen erhalten die 396 Städte und Gemeinden in NRW erstmals die Möglichkeit, eigene Regelungen festzusetzen, wie und in welchem Umfang bei Bauvorhaben Stellplätze für Kraftfahrzeuge und Abstellplätze für Fahrräder geschaffen werden. Hierfür müssen sie natürlich ihre Stellplatzsatzung überarbeiten.

Es könne auf Carsharing, Elektromobilität und Fahrräder gesetzt werden, zumal immer mehr Menschen in der Stadt auf ein Auto verzichten und Investoren schon klagen, angelegte Parkplätze in Großbauprojekten gar nicht mehr vermieten zu können, so Schellmat. In puncto Stadtgrün wünscht sich die Bürgerinitiative in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Umwelt eine Versiegelung von maximal 50 % der Flächen. Eine gute Durchgrünung ist im verdichteten Innenstadtraum oberstes Ziel. Wie kann man den Grünraum zusätzlich zum Boxpark erhalten? Sind begrünte Dächer und Fassaden denkbar?
Und nicht zuletzt: Was macht auf dem Gelände wirklich Sinn? Ist ein dritter Kindergarten in ein und demselben Hinterhof notwendig oder ist dies gar eine nicht ganz glückliche Notlösung für Versäumnisse an anderer Stelle in der Stadt?

All dies sind Fragen, bei denen die Anwohner mit einbezogen werden möchten. Erste Entwürfe der Ausschreibung wurden im Juli präsentiert. Zwei Mitglieder der Initiative – Karsten Schellmat und Paul Dunkel, ebenfalls Anwohner und Stadtplaner – waren bei der Jurysitzung dabei.
Dunkel betont bei einer Besprechung der Initiative Ende August noch einmal, dass der Investor sich freiwillig auf diesen Prozess eingelassen habe, schließlich könne er auf seinem privaten Grund in Absprache mit der Stadt machen, was er wolle. Die Initiative ist sich durchaus ihrer beschränkten Möglichkeiten der Einflussnahme bewusst. Verschiedene Ideen werden in den Raum geworfen, man solle sich an anderen Bürgerinitiativen orientieren und gute Beispiele sammeln, vielleicht einen Verein gründen, um Gelder akquirieren und Spendenquittungen ausgeben zu können und sich anwaltliche Beratung einkaufen zu können.

Wer sich intensiv mit dem Thema Nachverdichtung beschäftigt, wird schnell feststellen, dass es um mehr geht, als um die Probleme von ein paar Anwohnern. Vielmehr steht das Beispiel Luisenhöfe für die Entwicklung in der ganzen Stadt. Es geht um Nachhaltigkeit und darum, wie sich eine Stadt für die Zukunft aufstellen will. Und das in einem Kontext, der immer wieder Wandlungen unterworfen sein kann. Ging man beispielsweise bis zum Jahr 2010 bei der Stadt davon aus, dass die Bevölkerung stagniert oder schrumpft, ist dies seit 2012 der Erkenntnis gewichen, dass die „Perspektive-Aachen sich dynamisch entwickelt“, so die Pressestelle der Stadt. Bei der Neuaufstellung des Flächennutzungsplans Aachen*2030 im Jahr 2012 sei man bereits von einer deutlichen Zunahme der Bevölkerung ausgegangen. Dem gilt es, in angemessenem Rahmen Rechnung zu tragen.

Karsten Schellmat hat diese Anforderungen auf dem Weg zu einer intelligenten Stadtplanung im Blick – was die Luisenhöfe angeht, bleibt er bislang skeptisch: „Die Frage, was wir überhaupt erreicht haben, bleibt. Das können wir jetzt noch gar nicht sagen“, konstatiert er beim Treffen der Initiative am 28. August. Ein langer Atem und eine genaue Beobachtung und Einmischung in den Prozess sind auf jeden Fall notwendig.
Auch als am 4. September ein Entwurf von einer 13-köpfigen Jury ausgewählt wird, sind Dunkel und Schellmat vor Ort. Die Initiative durfte sich mit einer Stimme beteiligen. Für den Siegerentwurf hat auch Dunkel gestimmt, dennoch sieht Karsten Schellmat noch zahlreiche Schwächen, weshalb man weiter am Ball bleiben will. „Das anstehende Bebauungsplanverfahren werden wir weiterhin konstruktiv, aber kritisch verfolgen“, so Schellmat. Nachdem die bisherige Bürgerbeteiligung aus Sicht der Initiative sehr holprig verlaufen sei, wünsche man sich nun eine stärkere Beteiligung über das formale Bebauungsplanverfahren hinaus. Zumindest an den Boxpark hat man sich nicht herangewagt, der scheint laut Entwurf zu bleiben.

Infoseite der Initiative / der Anwohner:
luisenhoefe-aachen.de
Nicht zu verwechseln mit der Infoseite des Investors: luisenhoefe.com

 

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