Das Ludwig Forum lässt auf die 68er die 80er folgen. Das macht nicht nur rein wegen der Chronologie Sinn, sondern setzt auch inhaltlich dort an, wo die revolutionäre Bewegung mehr oder weniger abgewickelt worden war und die Gesellschaft reif für etwas umwerfend Neues und seit der Zeit des Expressionismus in der bildenden Kunst nicht mehr Denkbares war.

Während ich 1968 noch zu klein war, um mitzuschneiden, was sich da im Einzelnen tat, war ich 1980 dann aber mittendrin beziehungsweise als Studienanfänger in Marburg irgendwie auch eher am Rand des Geschehens. Immerhin kam ich im Rahmen des Studiums der Kunstgeschichte in den Genuss, einem echten Neuen Wilden zu begegnen, der seinerzeit eine große Wandarbeit für die Mensa anfertigte. Den Namen erinnere ich nicht mehr. Es wird wohl keine Berühmtheit gewesen sein. Jedenfalls erreichten die Schockwellen der Bewegung seinerzeit auch peripher das verschnarchte Nordhessen, und die über die Musiklandschaft hereinbrechende Neue Deutsche Welle tat ihr Übriges dazu, dass sich eine kleine Clique plötzlich ganz groß fühlte, sich mit Albert Oehlen, Walter Dahn, Jiří Georg Dokoupil, mit Kippenberger und Penk beschäftigte, ein Fanzine (The Soilent) ins Leben rief, malte, musizierte (statt zu studieren) und für eine kurze Zeit das Gefühl hatte, an etwas wirklich Wichtigem mitzuwirken.

Wolfgang Becker, Gründungsdirektor des Ludwig Forums, soll den Begriff „Neue Wilde“ erst erfunden und sich später davon distanziert haben. Und ja, als er sich als Label durchsetzte, da wollte sich schon niemand mehr wirklich damit labeln lassen, die Spex gab es inzwischen in Bunt, Berlin wurde zur Hauptstadt der Subkultur und das Ganze ging den Bach runter. Die Impulse jedoch, maßgeblich die anarchische Haltung und der daraus resultierende unbändige Duktus, waren eminent und wirken erheblich nach, was die sogenannten Neuen Wilden zu einer der „letzten großen künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts“ (Pressetext) macht. Die Ausstellungsankündigung wirbt, außer mit den Werken selbst (u. a von Salomé/Luciano Castelli, Hilka Nordhausen, Helmut Middendorf, Christa Näher, die Maler der Mülheimer Freiheit), auch damit, Dokumente aus der Frühzeit der Künstlerinnen und Künstler und ihrem Umfeld zu zeigen. Für mich wird das eine Reise in meine Jugend werden, als sich unsere Augen auf Düsseldorf, Köln, das Ruhrgebiet und Hamburg richteten, wir an den Lippen von Xaõ Seffcheque und Diedrich Diederichsen hingen (die beide für die damals so wichtige Zeitschrift Sounds schrieben) und dachten, dass man auch in der Provinz was reißen kann. Die Erfindung der Neuen Wilden wird mich schmerzlich daran erinnern, dass wir damals besser weggezogen wären.

Die Erfindung der Neuen Wilden
12.10.2018 bis 10.03.2019
Eröffnung: Do, 11.10.2018, 19:00 Uhr
Ludwig Forum für Internationale Kunst

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