Die Geschichte des Tuchfabrikanten Emil Lochner und des Zoologischen Gartens im Westpark

Der Kaiser der Franzosen besucht eine Fabrik

Als Napoleon Bonaparte und Kaiserin Josephine 1804 zum ersten Mal in Aachen weilen, steht das Rheinland bereits seit zehn Jahren unter französischer Besatzung. Die Stippvisite ist ursächlich die Idee der Frau Gemahlin. Ende Juli reist die Kaiserin aus Paris an, um, wie es in den „Denkwürdigkeiten zur Geschichte der Kaiserin Josephine“ von Babette Dibelius heißt, „die Bäder in Aachen zu gebrauchen“. Napoleon reist Josephine nach und bleibt zehn Tage in Aachen. Er verbindet den Aufenthalt damit, sich persönlich des Zuwachses des französischen Wirtschaftspotentials zu vergewissern. Geeignet scheint ihm dafür ein Besuch der Tuchfabrik des Ignaz van Houtem, die sich damals auf einem Anwesen befand, welches sich vom Karlsgraben aus nach Westen hin erstreckte und dessen Ostportal noch heute in Form des Lochnertors (auch Karlstor genannt) am Karlsgraben 55 erhalten ist. Zu Ehren des hohen Besuchs spielt eine türkische Musik auf und man überrascht den Franzosen mit im Garten zahlreich aufgestellten Tuchrahmen, die mit prächtigen Stoffen bespannt sind. Ob er wirklich überrascht darüber war, in einer Tuchfabrik Tuche präsentiert zu bekommen, ist nicht überliefert.

Ignaz van Houtem stirbt mit nur 48 Jahren an der Schwindsucht und 1857 gelangen Anwesen und Produktionsmittel in den Besitz von Johann Friedrich Lochner. Der modernisiert das Unternehmen und führt es zu wirtschaftlicher Blüte. Obschon J. F. Lochner sich in vielerlei Hinsicht gesellschaftlich engagierte, konzentrieren wir uns im Folgenden auf einen seiner vier Söhne, Emil Lochner, der die Geschicke der Tuchfabrik ab den 1870er Jahren entscheidend mitbestimmt. Und er ist es, der den Anstoß dazu gibt, das Gelände des heutigen Westparks zu erwerben und zu einem Bürgerpark und Zoo umzugestalten. Ob dahinter rein altruistische Motive standen, ist zumindest zu bezweifeln, denn es handelte es sich keineswegs um ein Geschenk an die Stadt und ihre Bürger. Die Finanzierung erfolgte vielmehr über den Verkauf von Anteilen in Form von Aktien. Der Park war zu Zeiten seiner Entstehung als gewerbliches Objekt angelegt. Gewinne wurden durch Eintrittsgelder und die Verpachtung gastronomischer Betriebe auf dem Gelände ebenso erzielt wie durch die Vermietung des Glaspalastes (s. u.), in dem das ganze Jahr über Veranstaltungen stattfanden.

Eine Geschichte hat immer drei Seiten, deine, meine und die nackte Wahrheit

Hintergrund für das Anlegen eines Parks an Ort und Stelle war auch, dass im Zuge der Unternehmenserweiterung die Lochnerstraße erschlossen und dort zu Beginn der 1870er Jahre ein neues Fabrikgebäude errichtet wurde. Die Straße wurde übrigens, ebenso wie die Mauerstraße (s. u.), nicht behördlicherseits so benannt, sondern von der Familie Lochner selbst. Man ahnt, welch geradezu imperialen Einfluss sie an dieser Stelle ausübte. Wer Geld und große Flächen zum Bebauen besitzt, macht sich in der Gründerzeit die Stadt, wie sie ihm gefällt. Die Familie lebt in der Villa am Karlsgraben. 1878 lässt Johann Friedrich an der Ecke Lochnerstraße/Mauerstraße zusätzlich eine sehr moderne Villa für Sohn Emil und dessen Familie bauen. Sie steht dort heute noch. Auch das oben erwähnte Fabrikgebäude (Lochnerstraße 4-20) existiert noch. Es beherbergt ein Institut der Technischen Hochschule.

Französische Reparationszahlungen bringen die deutsche Wirtschaft in Schwung

Dass die Lochners mittlerweile zu den größten Tuchfabrikanten Aachens gehören und im Viertel den Ton angeben, ist dem Umstand zu verdanken, dass Emil Lochner den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Deutsch-Französischer Krieg (an dem er teilnahm) dazu nutzt, die Tuchfabrik auf Expansionskurs zu bringen. Auch die Mauerstraße wird aufgrund privatwirtschaftlicher Überlegungen neu angelegt und teilt nun das ehemals zusammenhängende Anwesen. Durch den Einschnitt gehen Teile der sogenannten Rahmenbenden (Wiesen, auf denen die langen Tuchbahnen zum Trocknen aufgespannt wurden) verloren, die sich schon seit den Houtemschen Zeiten bis zur Stadtmauer, also bis zur heutigen Junkerstraße, zogen. Der Johannisbach wird von der Oberfläche verbannt und nun unterirdisch geführt. Außerdem muss der prunkvolle, im englischen Stil angelegte Garten direkt hinter der Villa am Karlsgraben Federn lassen. Langer Rede kurzer Sinn: Möglicherweise stellte der Lochnergarten eine Art Ersatz für diese verloren gegangenen Flächen dar. Die Quellenlage ist nicht ganz eindeutig in Bezug darauf, ob es sich hier um eine Auflage seitens der Stadt handelte.

Der Westpark von 1882 bis zur Stunde Null

1882 kauft ein Komitee unter der Führung von Emil Lochner das Areal vor dem 1829 abgerissenen Junkerstor (auch Vaalsertor genannt). Der Lochnergarten oder Westpark, wie er später heißen wird, ist geboren. Im Jahr 1930 erscheint im Wachturm, einer Beilage der Aachener Post und nicht zu verwechseln mit dem Zentralorgan der Zeugen Jehovas, ein Artikel mit der Überschrift „Aus der Vergangenheit des Westparks“. Der Autor gibt uns eine detaillierte Beschreibung der Geschichte der Anlage. W. Pampfer, so sein Name (er ist tatsächlich in einem Aachener Adressbuch von 1936 mit der Berufsbezeichnung Journalist eingetragen), leitet mit der Feststellung ein, dass Park und Zoologischer Garten zunächst einen raschen Aufstieg erlebten, dem später jedoch ein ebenso rascher Abstieg folgte. Befeuert wurde das Interesse an einem Zoologischen Garten seiner Vermutung nach durch drei Vorträge eines gewissen Dr. Brehm, die dieser im März des Jahres 1882 in der Erholungsgesellschaft hielt. Die Älteren unter uns sind mit noch mit „Brehms Tierleben“ groß geworden, lange ein Standardwerk populärwissenschaftlicher Zoologie. Da 1883 gerade erst einmal zehn Prozent der Lochnergarten-Aktien gezeichnet waren und noch ziemlich viel herumplaniert und herumgegärtnert werden musste, dauerte es bis zum August 1885, ehe man zeitgleich die Fertigstellung des Glaspalastes verkünden und den Park offiziell eröffnen konnte. Die Bezeichnung „Zoologischer Garten“ verdiente der Lochnergarten zum damaligen Zeitpunkt nach Pampfer jedoch keineswegs denn „[…] seine lebenden Bewohner aus dem Tierreich hatten ihren Einzug nicht gehalten“.

Tiere, Menschen, Sensationen

Erst für den Juli 1888 protokolliert der Chronist die Meldung eines nennenswerten Tierbestands. Sogleich florierte das Geschäft. Der Zirkus Hagenbeck nutzt den Garten als Zwischenstation „zur Assimilierung der aus überseeischen Ländern eingeführten Tiere“. „Löwe, Tiger, Jaguar und Panther waren stets vertreten und mehrere Elefanten bildeten das Entzücken der Besucher.“ Pampfer erwähnt auch die Radrennbahn, die 1900, im Todesjahr Emil Lochners, am westlichen Zipfel des Parks angelegt wurde. Dennoch geht es von nun an bergab. Als Grund nennt Pampfer die hohen Kosten für den Unterhalt der Tiere. Ein Zeitzeuge spricht 1905 von verwaisten Käfigen und einem allgemein bedauernswerten Zustand der Anlage. Der Zoologische Garten wird im gleichen Jahr aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten geschlossen. Während des Ersten Weltkriegs dient der Glaspalast als Lazarett und Erholungsheim für Soldaten. 1917 brennt dieser nieder. Erst 1920 wird der Park, der zwischenzeitlich verwilderte, nun offiziell unter dem Namen Westpark, neu eröffnet, und W. Pampfer schließt seinen Bericht mit dem Satz: „Nur ein Überbleibsel zeugt von der früheren Bestimmung des Gartens, nämlich der Bärenzwinger, der nunmehr überdacht der Aufbewahrung von Gartengerätschaften dient.“

So weit die Geschichte bis 1930. 1935 wird der Zoologische Garten dann wieder ein echter Zoo. Allerdings wird er unter den Nazis, die „fremdartige“ Bezeichnungen wie Zoo für undeutsch halten, in Tier- und Pflanzengarten Aachen umbenannt. Die Bauten und die neue Population fallen 1944 zum größten Teil einem Bombenangriff zum Opfer. Nach dem Krieg wird der Schutt im Westpark zusammengekehrt und 1966 an anderer Stelle, nämlich an der Drimbornstraße, der Aachener Tierpark (heute Aachener Tierpark Euregiozoo) eröffnet.

Der Blick in die Vergangenheit mag angesichts der heutigen Anforderungen an die Stadtentwicklung keine große Hilfe sein. So oder so. Die Frage „Wem gehört die Stadt?“ muss immer wieder neu verhandelt werden. Dennoch sind unsere Städte, auch heute noch, von den Idealen eines Emil Lochner geprägt. Ob wir das nun gut finden, während wir im Westpark chillen und uns ein Döner-Kebab reindrücken, oder nicht.

Quellen:
Thomas Lochner: Die Geschichte des Aachener Tuchfabrikanten Johann Friedrich Lochner und seiner Familie. Schnell-Verlag, Warendorf 2013
Bodo von Koppen: Alt-Aachener Gärten. Verlag Georgi Aachen, Aachen 1987
W. Pampfer: Aus der Vergangenheit des Westparks, in: Der Wachturm, Beilage der Alten Post, 1930
Alle Quellen wurden im Stadtarchiv Aachen eingesehen.
Fotos: Stadtarchiv Aachen

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