Sechs Jahre lang war es ruhig in der Aachener Hausbesetzer-Szene, bevor im Juli dieses Jahres der Muffeter Weg 5 samt Garten und Gewächshäusern von jungen Menschen gekapert wurde, die es leid sind, sich Leerstände anzuschauen. Sie plädierten für ein Recht auf Mitgestaltung der Stadt, für bezahlbaren Wohnraum und mehr alternative Jugendtreffs.
Innerhalb der kurzen Zeit der Besetzung gab es viele Aktionen und Visionen, die bei Nachbarn und sympathisierenden Aachenern gut ankamen. Inzwischen ist diese Besetzung schon wieder Geschichte. Der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, der Eigentümer der Immobilie, ist durchaus willig, das Haus für sinnvolle Zwecke wieder nutzbar zu machen. Ob der BLB der richtige Adressat für eine Besetzung war, zweifeln Mitarbeiter indes an – schließlich würden Immobilien der RWTH verwaltet und kein Wohnraum. Ob mit der Besetzung konkret etwas erreicht wurde, bleibt offen.
Für uns hat Michael Klarmann, der seit über 15 Jahren für diverse Aachener Medien in der Szene recherchiert, das Thema Hausbesetzung aufgerollt und ermöglicht so eine Einordnung und einen Blick auf das, was mit Hausbesetzungen erreicht oder nicht erreicht werden konnte.

Für die neuere Hausbesetzer-Szene Aachens waren zwei Tage bedeutsam. Der 18. Oktober 2002, als die Bauaufsicht der Stadt kurz vor dem Konzert der Band Station 17 das seit rund zehn Jahren bestehende Autonome Zentrum (AZ) schloss, das damals noch unter dem Gesundheitsamt lag; heute dient das ehemalige Verwaltungsgebäude als Hostel. Und der 31. Oktober 2002, denn nach der AZ-Schließung sowie angemeldeten und spontanen Protesten zum Erhalt des AZ fühlten sich Linksautonome bestärkt, wieder Häuser zu besetzen, und wollten ein Soziales Zentrum (SZ) aufbauen. Es sollte der politischen Arbeit dienen, die durch die vielfältigen kulturellen Angebote seinerzeit im AZ zu kurz kam. Über Jahre kam es zu Besetzungen.

Dass die Typen sich jetzt nehmen, was ihnen sowieso gehört

Aachens Hausbesetzer waren in den 1980er Jahren sehr agil. Im Rahmen der Ausstellung „Uns gehört die Stadt“ wurde auf diese Zeit eingegangen. Quasi zur Legende wurde das 1981 besetzte Johannes-Höver-Haus, ein ehemaliges Kloster am Fuße des Lousbergs. Mitte bis Ende der 1980er Jahre waren Hausbesetzer und Punks gemeinsam aktiv. An der Mostardstraße, Ecke Neupforte gab es ein temporäres AZ. Der seinerzeit noch zukünftige Betreiber des heutigen Guinness House erlaubte die Nutzung bis zur Sanierung des zuvor leerstehenden Eckhauses. Auch das urige Haus im Hof, in dem heute das noble Café zum Mohren ist, war schon besetzt. Die Polizei reagierte seinerzeit angesichts der Serie an Besetzungen zuweilen aggressiv. Ein Streifenwagen fuhr bedrohlich auf eine Gruppe Linksradikaler und Punks zu, die bei der Besetzung vor dem Haus im Hof standen. Anfang der 1990er Jahre überließ dann die Stadt der linken Szene einen Bunker, das heutige AZ an der Vereinsstraße. Für rund zehn Jahre sollte es keine politische Besetzung mehr geben. Allerdings lebten manchmal noch größere Gruppen Punks mehr oder weniger heimlich in Abbruchhäusern.

In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November (Allerheiligen) 2002 kam es zur ersten neuen Hausbesetzung. Vor dem wegen Brandschutzmängel geschlossenen AZ fand eine Kundgebung statt. Da man den Bunker für Konzerte nicht mehr nutzen durfte, meldete der AZ-Trägerverein einfach Kundgebungen mit Livemusik auf den Stufen zum alten Eingang des AZ an. Mitten im Pogo zur Musik der Blowjobs, der Vorgänger der heutigen Nazi Dogs, erreichte das Publikum die Nachricht, die Goethestraße 3 sei besetzt. In einer kleinen Völkerwanderung zogen Punks, Autonome und Neugierige zum bis dahin leerstehenden FH-Gebäude. Eine Polizeikette versuchte, den Tross auf Abstand zu halten, andere Polizisten versuchten, in das Gebäude einzudringen, aber sie konnten die verbarrikadierte Tür nicht aufbrechen. Man begoss sie aus dem Haus mit Wasser, durch ein Megaphon verkündeten die Besetzer feixend, nicht nur die Polizei verfüge über Wasserwerfer. Geschlagen zog die Hundertschaft später ab, die Polizei wollte angesichts der rund 70 Sympathisanten vor dem Haus deeskalierend wirken – und in der Nacht hatte die FH keine Strafanzeige erstattet. Noch als die Bullis mit den Polizisten abfuhren, öffnete sich die kurz zuvor für sie noch uneinnehmbare Tür. Die Sympathisanten von draußen stürmten das Haus, lagen sich im Flur mit den Besetzern in den Armen, die Polizisten in den Bussen schüttelten die Köpfe oder starrten resigniert vor sich hin. 1:0 für die Besetzer.

Der Supermarktparkplatz war grün, so viele B***en waren da

Das in einer Mischung aus Ironie und Militanz nach dem Bundeswehr-Sturmgewehr G3 getaufte Gebäude wurde am 20. November 2002 geräumt. Gleichstand oder sogar 2:1 für die Polizei also. Um diese Räumung ranken sich Gerüchte. Sie verlief ohne Gegenwehr der Besetzer. Offiziell betonte die Polizei, es habe keinen SEK-Einsatz gegeben, zugleich sagten später Beamte der Hundertschaft als Zeugen in Gerichtsprozessen aus, als sie nach dem Aufbrechen der Eingangstüren das Gebäude durchkämmten, seien schon alle Besetzer in den oberen Etagen von SEK-Beamten am Boden fixiert gewesen. Laut den Besetzern drang das SEK über das Dach durch nicht gesicherte Fenster ein. Überdies waren viel zu viele Hundertschaften für eine Hausräumung zusammengezogen worden, insgesamt waren den ganzen Tag über 850 Polizisten in Aachen eingesetzt, auch um am Abend Folgebesetzungen zu verhindern. Während die Quasi-Vorhut sich morgens an einem Supermarkt sammelte und sodann räumte, wurden immer neue Hundertschaften herangeleitet, etwa in langen Kolonnen mit Blaulicht über die Oppenhoffallee und die Innenstadtringe. Es gab Spekulationen, die Räumung habe auch als Großübung gedient, etwa um Hundertschaften unauffällig und zeitgleich aus verschiedenen Teilen NRWs heranzuführen bzw. um das Zusammenspiel der Einheiten zu proben.

Im G3, dem ersten besetzten Haus in Aachen seit langem, war erkennbar, wie sich die Linksradikalen ihr Soziales Zentrum (SZ) vorstellten und wie es in anderen Häusern je nach Möglichkeit fortgeführt wurde. Es sollte ein Treffpunkt sein, in dem eine Volxküche, kleinere Konzerte oder Partys, Vortrags-, Film- und Spieleabende stattfanden. Manchmal gab es Hausaufgabenhilfe, Treffen der Antifa und eine Art Kleiderkammer oder -tauschbörse. Graffitiworkshops dienten eher dazu, Transparente zu malen. Anvisiert war auch der Aufbau einer Bibliothek mit linker Literatur. Da bei einer Räumung jedoch alles beschlagnahmt wird, hätte dies auch seltene Bücher und Schriften betroffen. Diese Idee ließ sich daher kaum umsetzen.

Altes Klinikum Goethestraße | Foto: Michael Klarmann

Sag mal, ist hier heut ein Fest? Sowas Ähnliches, sagte einer, die Otto wird besetzt

Einigen Besetzern drohten zwar Verfahren wegen Hausfriedensbruch dank der G3-Räumung, aufgeben war aber keine Option. In der Nacht zum 8. Dezember 2002 schon wurde in der Lochnerstraße direkt neben der Eisenbahnbrücke ein leerstehendes Haus besetzt. Überraschend kamen Tage später die schon grauhaarigen Besitzer vorbei, erläuterten ihre unmittelbar bevorstehenden Umbauarbeiten und boten einen kurzen Nutzungsvertrag an. Dieser wurde im Beisein von Journalisten und Sympathisanten an einem Freitag, dem 13. (Dezember), unterzeichnet, der Grünen-Politiker Günter „Schabbi“ Schabram, später Dezernent für Soziales und Integration, fungierte als Vermittler. Als der Vertrag nach gut drei Wochen auslief, boten die Besitzer eine Verlängerung an, da sich die Bauarbeiten leicht verzögerten. Die Besetzer winkten zum Erstaunen aller ab. Die Abschiedsparty fand am Abend des 4. Januar 2003 statt. Klaus der Geiger gab sein Bestes, wobei Kennern auffiel, dass die eigentlichen Besetzer immer weniger und die Sympathisanten immer mehr wurden. Bis auf eine Rumpfcrew der Besetzer war kaum noch jemand von ihnen im Haus.

Kurz nach Mitternacht traf am frühen Morgen des 5. Januar 2003 die Nachricht ein, die Abschiedsfeier sei zu Ende, werde aber fortgesetzt in der Ottostraße: als Einzugsparty. Man hatte in der Lochnerstraße die Nutzung nicht verlängert, weil man längst am Rehmplatz ein ehemaliges Restaurant ausbaldowert hatte und nun besetzte. Das Haus war zuvor wohl Hals über Kopf aufgegeben worden, in den Kühltruhen der Küche fand man vergammelte Lebensmittel, die noch in der Nacht entsorgt wurden, während Klaus der Geiger im alten Gastraum erneut zu spielen begann. Durch die Nähe zum Ostviertel wollten die Besetzer nun auch hier im sozialen Brennpunkt Jugendliche für ihre Idee begeistern. Seinerzeit boomte die Hip-Hop-Szene, jedoch mit unschönen Entwicklungen. Die Kids mochten Gangster-Rap und sexistisch-mackerhaftes Auftreten, Frauen wurden begrapscht, dem Weltbild der Linken widersprach das. Nachdem viele der Teenager wegen ihres Verhaltens vor die Tür des temporären SZ gesetzt worden waren, griffen sie, ältere Freunde und Brüder nun regelmäßig das Haus an, immerhin sahen sie das Viertel als ihr Revier an. Die Besetzer kapitulierten nach wenigen Wochen heimlich, ihre Transparente ließen sie einfach hängen, eine Räumung durch die Polizei war nicht mehr nötig.

besetztes Haus Ottostraße | Foto: Michael Klarmann

Die Frustration wegen der Ottostraße saß tief. Erst im September 2004 folgte eine dreitägige symbolische Besetzung des historischen Torbogenhauses am alten Klinikumspark, heute an der Goethestraße Sitz des Cafés Altes Torhaus. Am letzten Oktoberwochenende 2004 fand wieder eine Besetzung statt, nämlich in einer spätklassizistischen Fabrikantenvilla in der Schildstraße. Jener „Stadtpalast“ (Besetzer), in dem bis Mitte der 1990er Jahre im Erdgeschoss eine Tanzschule mit kleinem Ballsaal residierte, stand unter Denkmalschutz. Der Garten war verwildert, ein Autowrack rottete dort vor sich hin, in einigen Räumen waren Teile der Decke heruntergefallen. Eine WDR-Reporterin, die noch nie über Linksradikale berichtet hatte, machte für einen TV-Beitrag einen Termin mit den Besetzern aus. Als sie mit dem Dreh begann, stellte sie den älteren Herrn vor, der sie begleitete. Die Linken dachten, er gehöre zum WDR oder der Denkmalschutzbehörde, aber es war der Verwalter. Die Reporterin wollte der Sache einen gewissen Pfiff verleihen. Die Besetzer fanden den Gast eher mäßig.

Und wir schreien’s laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus …

Seit der Schildstraße, deren Besetzung nach wenigen Tagen, wie mit Lokalpolitikern ausgehandelt, abgebrochen wurde, liefen Verhandlungen mit der Stadt. Sie forderte, dass alle Besetzungen enden und ein Trägerverein gegründet werden sollte, sodann wolle die Verwaltung den Linken leerstehende Gebäude zur Nutzung anbieten. Das kurz darauf wieder geöffnete AZ bot an, einem SZ finanziell und logistisch auszuhelfen. Mitte 2005 bot die Stadt ein Haus hinter dem Hauptbahnhof an, aber die Nutzung kam nicht zustande. Zudem sorgte für Verstimmung, dass am frühen Morgen des 6. Juni 2005 trotz der Zusage des Endes der Aktionen rund zehn Autonome ein städtisches Brachgelände am Drosselweg besetzten. Drei Wochen lang entstand ein Bauwagenplatz, nach mehreren Ultimaten vonseiten der Stadt verließen die Besetzer das Gelände freiwillig.
2007 versuchten Linksradikale am Abend des zweiten Weihnachtstages, ein ehemaliges Post- bzw. Telekomgebäude an der Burtscheider Brücke zu besetzen. Noch in der Nacht verhinderte die Polizei weiteren Zulauf. Schon auf das weitläufige Areal eingedrungene Linke gaben Fersengeld und ließen überstürzt ein Stromaggregat zurück. Heiligabend 2008 besetzten im Zuge eines Naziaufmarschs auf dem Bahnhofsvorplatz Linksautonome das heute von der Bundespolizei genutzte ehemalige Hauptzollamt. Gegendemonstranten jubelten den Besetzern zu, der Neonazi Christian Worch bot diesen an, weil ihr Megaphon zu leise sei, dass doch eine Person an seinen „Lauti“ kommen solle für einen Redebeitrag. Der Polizei war die Sache nicht geheuer, sie räumte die nur punktuell während des Aufmarschs geplante symbolische Besetzung des damals leerstehenden Baus in Windeseile. Als zum Jahreswechsel 2011/2012 gegen 23 Uhr ein Haus in der Kasinostraße für eine Silvesterparty mit rund 200 Menschen besetzt wurde, sperrte die Polizei aus Sicherheitsgründen am 1. Januar die ansonsten viel befahrene Straße. Anwohner nutzten die Ruhe, setzten sich mittags mit Tischen und Stühlen zum Brunch auf die Straße, Kinder spielten Fußball. Abends endete alles wieder. Bis zur Besetzung der „Muffi 5“ 2018 kehrte in Aachen Ruhe ein. Ein SZ gibt es bis heute nicht.

von Michael Klarmann

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