D 2015 | Regie: Anna Ditges, Mitwirkende: Paul Bauwens-Adenauer, Hans-Werner Möllmann, Andrea Rauber, Özgül Günes, Josef Wirges, 87 Min.

Der Bremsweg der Mietpreisbremse ist lang, sehr lang, zu lang. Wer in einer Stadt lebt, sieht sie fast täglich: die verzweifelten Wohnungssuchzettel an Ampeln, die Facebook-Aufrufe, in denen Menschen nach bezahlbarem Wohnraum suchen. Wer einen alten Mietvertrag hat und keine renditeträchtige Luxussanierung abkriegt, der weiß: Aus dieser Wohnung kann ich nie wieder weichen. Umzug ausgeschlossen. Zur gleichen Zeit entstehen allerorten Luxuswohnungen, Bürokomplexe, Einkaufstempel.

Daher hat der 2015 veröffentlichte Dokumentarfilm „Wem gehört die Stadt – Bürger in Bewegung“ bis heute kein Stück Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil ist die Bestandsaufnahme der unabhängigen Filmemacherin Anna Ditges („Ich will Dich – Begegnungen mit Hilde Domin“) heute aktueller denn je. Über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitete Ditges ein Bürgerbeteiligungsverfahren, das sich im Kölner Szeneviertel Ehrenfeld bildete, wo die Gentrifizierung weit fortgeschritten ist. Es geht um das Heliosgelände, ein ehemaliges Fabrikgelände mit Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert. Die alternative Szene hat in den Hallen Kreativräume wie Ateliers, Werkstätten und Clubs eingerichtet. Deren Nutzung steht 2010 auf dem Spiel, als ein Großinvestor ankündigt, auf dem Grundstück eine Shoppingmall hochzuziehen.
Das wollen engagierte Bürgerinnen und Bürger nicht einfach hinnehmen und den Plan des Großinvestors durch eine Bürgerinitiative vereiteln. Im Verlauf eines moderierten Bürgerbeteiligungsverfahrens sammeln die Anwohner/-innen Ideen für eine weitere Nutzung des Geländes, die teilweise sehr weit auseinanderliegen. Anna Ditges, die selbst vor Ort lebt, lässt die Engagierten zu Wort kommen, befragt Leute, die seit vielen Jahren in der Nachbarschaft leben, holt den Investor, den Kölner Stadteilbürgermeister Josef Wirges (SPD) und Mitarbeiter aus dem Stadtplanungsamt vor die Kamera.

Einmal heißt es in der Doku, die Stadt sei ein „lebendiger Organismus“. Da die Stadt aber nicht von allein wächst, sondern die Bebauung diversen Regelungen unterliegt, ist Stadtgestaltung immer auch ein Politikum. Verschiedene Interessen und Sichtweisen konkurrieren miteinander. Aus dem Widerstreit der Ideen, der in der Montage greifbar wird, bezieht „Wem gehört die Stadt“ einige Spannung, die die konventionelle Machart mit vielen Interviews aufwiegt.

Die Einsichten und Erkenntnisse aus Köln-Ehrenfeld lassen sich bruchlos auf andere Städte (nicht nur) in Deutschland übertragen. Immerhin stehen Zwischennutzungen, die teils seit Jahren in alten Industriegebäuden residieren, nicht nur in Köln immer stärker unter Gentrifizierungsdruck. Darüber hinaus liefert die informative Doku interessante Einblicke in demokratische Gestaltungsprozesse. Demokratie heißt eben auch immer, dass Kompromisse geschlossen werden müssen.

Das Ringen in Ehrenfeld endet mit einem Vorschlag aus dem Stadtplanungsamt, auf dem Heliosgelände eine inklusive Schule aufzubauen. Damit können (fast) alle der Bürger/-innen leben. So fallen andere Vorschläge zwar unter den Tisch, doch klar ist: Ohne die Initiative wäre auf dem Gelände ziemlich sicher eine Einkaufsmall entstanden. Dass Bürgerinitiativen etwas bewirken können und wir „denen da oben“ nicht hilflos ausgeliefert sind, ist gut zu wissen.

Die Doku ist bei good!movies auf DVD erschienen.
wemgehoertdiestadt-derfilm.de

WEM GEHÖRT DIE STADT? – BÜRGER IN BEWEGUNG | Trailer [HD]

Weitere Dokus zum Thema Mieten und Wohnen:

Wem gehört die Stadt? Wenn das Geld die Menschen verdrängt
D 2014 | Regie: Kristian Kähler und
Andreas Wilcke
Gleicher Titel, andere Stadt: ARD-Doku über die Gentrifizierung in Berlin; steht online bei YouTube:

Wem gehört die Stadt? Wenn das Geld die Menschen verdrängt

Mietrebellen – Widerstand gegen den Ausverkauf der Stadt
D 2014 | Regie: Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coer
Nochmal Berlin: Anwohner/-innen besetzen das Rathaus und kämpfen gegen Zwangsräumungen: mietrebellen.de (inkl. Stream zum Film)

Das Gegenteil von Grau
D 2017 | Regie: Matthias Coers
In Dortmund und Duisburg streiten Aktivistinnen und Aktivsten für ein solidarisches und ökologisches Miteinander im urbanen Raum: gegenteilgrau.de

 

 

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