Das wars mal wieder. Die Flohmarkthalle, kurz hinter der Grenze neben dem Kaffeeparadies gelegen, schließt. Christa und Kurt müssen weiterziehen. Seit 16 Jahren sind die beiden 75-Jährigen mit ihrem Stand Dauermieter in Flohmarkthallen. Zuerst in Aachen in der Liebigstraße. Als diese nach fast 20 Jahren aufgelöst wurde, damit der AAK seine Karnevalswagen dort parken kann, stellte Melan eine neue Halle an der Gut Dämme Straße zur Verfügung. Dort ist inzwischen rs Möbel ansässig, die Flohmarktbetreiber standen vor der Türe. Einige zogen dann in die Halle nach Belgien um — zwar ein beschwerlicherer Weg, aber immerhin noch eine gute Möglichkeit, weiterzumachen. Viele der Stammkunden und alten Gäste der Flohmarkthalle konnten diesen Standort jedoch nicht anfahren. Wer kein Auto hat, der hat es schwer, dorthin zu gelangen, berichtet Christa.

Allerlei Widrigkeiten mussten die Mieter mitmachen, ein Feuer zerstörte einmal die Hälfte der Stände, so auch den von Christa und Kurt. Dennoch machten sie immer wieder weiter, auch wenn einer der beiden mal gesundheitsbedingt ausfiel. Wo es jetzt hingehen soll, wissen sie nicht. In der Halle gehen allerlei Gerüchte um, ein paar Dauermieter möchten nach Eupen umziehen, doch ob die dortige Option noch länger erhalten bleibt oder Wohnungen weichen soll steht nicht fest. Auch über die Eröffnung einer ganz neuen Location wird spekuliert. Jeder, mit dem ich spreche, erzählt etwas anderes.

In Hauset wird Ende Oktober jedenfalls Schluss sein. Viele wollen das nicht mehr abwarten, ganze Reihen stehen schon leer, den nächsten Samstag möchten wiederum andere nutzen, um auch die Segel zu streichen. Der Slowene Branko hatte bei meinem letzten Besuch, der tatsächlich schon drei Jahre zurückliegt, noch einen sehr großen Stand mit vielen wertvollen Antiquitäten. Jetzt hat er in einer kleinen Parzelle die letzten Dinge sortiert, nächste Woche sollen sie abtransportiert werden. Aufhören will Branko keinesfalls, seine Pläne, die er unter vier Augen erzählt, sind allerdings noch nicht spruchreif.

Auch René hatte jahrelang seinen Stand vor Ort: „Hier ist es besser, als zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen“, sagt er. Die Zeit gehe hier immer schnell rum, man plaudere mit Bekannten und anderen Standinhabern. Ums Geld alleine geht es den wenigsten. „In manchen Wochen verdienen wir gar nichts“, so René, an anderen liefe es dann besser. Genießen tun alle aber das Beisammensein und die Struktur am Wochenende.
Leopold und Ralf kommen seit Jahren als Besucher an jedem Wochenende. „Ich bin immer da“, sagt Ralf „dann habe ich was zu tun am Wochenende“. Leopold beginnt sofort ein langes Gespräch über Gott und die Welt, darüber, dass alles schlechter wird und teurer und dann erzählt er von seinem Einsatz im Kongo in den 60er Jahren und wie sein Fahrzeug bei einer Rettungsaktion verunglückte – seine Beinverletzung, die er sogleich vorzeigen will, stamme noch aus dieser Zeit. Man merkt sofort: hier geht es weniger ums Verkaufen und Kaufen, sondern vielmehr um die Gemeinschaft und die Möglichkeit zu reden.

Um die Ecke haben drei Damen auf der leergeräumten Fläche gegenüber ihrer Stände eine kleine Kaffeetafel aufgebaut. Auch hier ist die Stimmung gedrückt. Wo wird es nach Oktober weitergehen? Bei Kaffee, Wasser und ein paar Zigaretten werden Optionen erläutert und Gerüchte ausgetauscht.
An der aus Hohlblocksteinen gemauerten Theke im Eingangsbereich der Halle sitzen ein paar Herren beim Frühschoppen, der sich inzwischen in den Nachmittag erstreckt hat. Eine alte Katze liegt auf einer Decke auf einem Barhocker. Die Katzen werden bleiben, sagt Ralf und krault sie wehmütig.

Fotos: Birgit Franchy

Bericht von 2012 über die Schließung der alten Flohmarkthalle Liebigstraße:
kingkalli.de/flohmarkthalle-liebigstrase-schliest

Fotodokumentation der letzten neun Jahre über die Flohmarkthallen in Aachen und Hauset (mehrere Serien):
birgitfranchy.de/the-old-hall

zurück 8 Jahre Hotel Europa
weiter Die Stadt, das Kino & ich