„Business-Kunst ist der Schritt, der nach der Kunst kommt. Ich habe als Werbekünstler begonnen und möchte als Business-Künstler enden.“ Andy Warhol

Die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) fällt nicht zufällig ins Jahr 2018. 90 Jahre wäre Warhol dieses Jahr geworden. Außerdem jährt sich der Todestag von Christa Päffgen aka Nico zum dreißigsten Mal. Die Initiatoren der c/o pop, die um die Ausstellungseröffnung herum eine Mini-Konzertreihe zu Ehren der Künstlerin bastelten, wollten damit an die Künstlerin, ihre private und berufliche Verbindung zu Andy Warhol, aber auch an den Bezug von Nico zu ihrer Geburtsstadt Köln erinnern. Der Innenhof des MAKK wird für die Zeit der Ausstellung (ebenfalls auf Initiative der c/o-pop-Macher) zum Christa-Päffgen-Platz. Er beherbergt eine schlichte Stele, in die etwa in Augenhöhe umlaufend die Buchstaben N-I-C-O eingraviert sind. Die Benennung soll darauf aufmerksam machen, dass man es seitens der Stadt bisher versäumt hat, eine Straße oder einen Platz nach dem vermutlich ersten deutschen Supermodel der Popgeschichte zu benennen.

In der Ausstellung stehe ich mit Gerd Plitzner vor einer Aufnahme, die Nico Anfang der 1980er Jahre zusammen mit Andy Warhol zeigt. „Ungefähr zu der Zeit habe ich sie kennengelernt“, sagt er. Plitzner, gebürtiger Aachener, Fotograf und später Kameramann in Köln, filmte Nicos Auftritt im legendären Stollwerck in der Kölner Südstadt. Das war 1982. Unnahbar sei sie damals gewesen. Eine Grande Dame, immer noch schön, aber vom Drogenkonsum gezeichnet und notorisch unzufrieden. Auch mit der Band, die sie irgendwann kurzerhand von der Bühne schickte, um den Rest des Programms alleine zu bestreiten. Andere Quellen berichten, dass sie auf der Tour auf diese Art und Weise den ein oder anderen Saal leergespielt haben soll. In Köln war das wohl nicht der Fall. Eine kleine Anekdote am Rande: Als Vorgruppe trat seinerzeit Sport im Westen auf, eine Aachener Formation um den Sänger Dirk Schulte. „Das Kölner Publikum war not amused“, erinnert sich Gerd.

Die Ausstellung

Warhol-Kennern ist wahrscheinlich bereits bekannt, dass Andy Warhol seine berufliche Laufbahn als Schaufensterdekorateur begann und später als Werbegrafiker und Illustrator arbeitete. Dass er in diesem Zusammenhang auch mit der Gestaltung von Schallplattenhüllen zu tun hatte, sollte nicht überraschen. Aufgrund der großen Aufmerksamkeit, die einigen seiner Cover aus den späten 60er und frühen 70er Jahren zuteilwurde, werden Warhols frühere Arbeiten in diesem Bereich jedoch allzu leicht übersehen. Auch spätere Entwürfe sowie Designs, die im Wesentlichen auf seinen Einfluss zurückgehen, blieben bisher weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit oder gerieten im Laufe der Jahre in Vergessenheit.
Glücklicherweise hat sich der in Köln lebende Sammler Ulrich Reininghaus, der ansonsten Arbeiten und Werkgruppen von Zeitgenossen wie Höller, Klauke, Polke oder Richter sammelt, der spannenden Nische in Warhols Schaffen angenommen und eine nahezu lückenlose Sammlung von Covern zusammengetragen, die nun im MAKK zu sehen ist. Wenn man darüber nachdenkt, wie obszön hochpreisig alles von Warhol gehandelt wird, wo er mal draufgehustet hat, muss man Reininghaus dazu gratulieren, dass er sich auf das gebrauchsgrafische und zum Teil millionenfach reproduzierte Werksegment konzentriert hat. Dem Besucher der Ausstellung wird damit eine interessante Facette des King of Pop-Art zugänglich gemacht.

In der chronologisch aufgebauten Ausstellung begegnet man zunächst einigen Schallplattenhüllen für Aufnahmen aus dem Bereich der Klassik. Es folgen Cover für diverse Jazz-Schallplatten (unter anderem für das Label Blue Note). Inwieweit Warhol hier bereits später vielfach von ihm eingesetzte Techniken erprobt hat, ist schwer zu beurteilen. Zumindest erscheinen seine Entwürfe künstlerischer als die vieler anderer namenloser Gestalter in diesem Feld und sind nicht selten mit einer (meist gedruckten, manchmal aber auch handschriftlichen) Signatur versehen. Ab 1960 und spätestens mit Gründung der Factory im Jahr 1962 wendet sich Warhol vermehrt der Produktion und Vermarktung von Kunst zu. Einen wirklichen Durchbruch stellt das Plattencover dar, das er 1963 anlässlich der Ausstellung „The Popular Image“ entwarf. Die Platte enthält eine Zusammenstellung von Interviews teilnehmender Künstler und das Cover ziert ein formatfüllendes, schlichtes, schwarzes Preisetikett auf weißem Grund – Giant Size $1.57 Each. Eines der sehr seltenen und im Siebdruckverfahren hergestellten Exemplare ist in der Ausstellung zu sehen.

Andy Warhol, Plattencover „The Velvet Underground & Nico” MAKK © 2018 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Licensed by Artists Rights Society (ARS), New York (Foto: RBA Köln, Marion Mennicken)

Es folgen jene Plattencover, die später zu Ikonen der Popkultur wurden und die wohl jeder schon einmal gesehen oder sogar im Plattenschrank stehen hat. „The Velvet Underground & Nico“, 1967. Das berühmte Cover mit der abziehbaren Bananenschale. The Rolling Stones – „Sticky Fingers“, 1971. Die Plattenhülle mit dem Reißverschluss (wirklich wertvoll natürlich nur im Original mit echtem Reißverschluss). Von letzterer gibt es einige interessante Versionen zu sehen. In den 80er Jahren sinkt der Stern Warhols, auch in Bezug auf die Plattencover. Das Cover des Soundtracks von Rainer Werner Fassbinders Film „Querelle“ zählt noch zu den bekannteren Motiven. Aber wer nahm Billy Squiers „Emotions in Motion“ oder Diana Ross’ „Silk Electric“ noch als bahnbrechend wahr? Von Roland & The Flying Albatross Band und ihrer Single „Det brinner en eld“ habe ich noch nie zuvor gehört und würde sie mir wahrscheinlich aufgrund des Covers auch nicht auf Verdacht kaufen; Pech in dem Fall, denn die extrem rare Scheibe ist mindestens 650 Dollar wert. Besitzer der ersten Smith-LP (Selftitled, 1984) oder der Single „Sheila Take a Bow“ (1987) können immerhin noch behaupten, dass sie Platten besitzen, für deren Cover Screenshots von Warhols Filmen verwendet wurden. Wer sich für die Musik in den Hüllen interessiert, hat die Möglichkeit, sich an einer Hörstation durch die Alben zu klicken.

Andy Warhol | The RollingStones – „Sticky Fingers“, 1971

Die Ausstellung deckt so manches interessante Detail über Andy Warhol, sein Selbstverständnis als Künstler und seine Arbeitsweise auf. Vor allem gibt sie einmal mehr Anlass dazu, sich ausgiebig mit ihm zu beschäftigen. Leider gibt es keinen Katalog. Da die Sammlung jedoch als Schenkung in den Besitz des Museums übergehen wird, besteht Anlass zur Hoffnung, dass die Exponate irgendwann doch noch den Weg zwischen zwei Buchdeckel finden werden. Wer auf der Suche nach einem Catalogue raisonné ist, muss derweil mit dem 2008 bei Prestel Pub erschienenen Band „Andy Warhol: The Record Covers, 1949-1987“ vorliebnehmen, der sehr umfangreich, aber leider nur fast vollständig ist.
Eckhard Heck

Andy Warhol – Pop goes Art
noch bis 24.03.2019
MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln

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