„Überwachung“: ein Wort das bei den meisten Menschen in erster Linie Unbehagen auslöst. Verständlich, lässt sich doch niemand gern oder gar absichtlich überwachen – oder?

Vom Betrachter zum Betrachteten

Mit diesem Themenkomplex setzte sich die US-amerikanische Künstlerin Julia Scher bereits in zahlreichen Arbeiten auseinander, so auch in ihrer Ausstellung „Delta“, die am 27.10.2018 im Neuen Aachener Kunstverein (NAK) eröffnet.
Im unteren der beiden Räume des NAK befinden sich mehrere plattenähnliche Wandinstallationen, die in Naturfarben gehalten sind – Grautöne, Rosttöne, dazu grünes Licht. Die Atmosphäre soll an den umliegenden Park erinnern, denn nicht nur in den Räumen des NAK sondern auch im Park befinden sich von Scher installierte Überwachungsinstrumente, die das Geschehen dort dokumentieren. Auf kleinen Monitoren lassen sich die Bilder einsehen, die von den Kameras eingefangen werden. Dabei schaut sich der Betrachter teils selbst ins Gesicht und wird gleichfalls zum Beobachter und zum Beobachteten. Die Geräte an den Wänden sind mit einigen Kabeln untereinander und mit Stromquellen verbunden. Auf dem Boden, quer durch den Raum führend, liegen ebenfalls einige dicke Kabel, die in einem Dreieck, einem Delta, angeordnet sind.

„green screen“

Der obere Raum des Kunstvereins ist gänzlich in grünes Licht getaucht. Scheinbar willkürlich angeordnet, allerdings auf den zweiten Blick ebenfalls ein Delta bildend, befinden sich „Smart Speakers“, in diesem konkreten Fall Geräte mit dem Namen „Alexa“. Diese reagieren auf Sprachsteuerung. Beim Kauf eines solchen Geräts entscheidet sich jede Nutzerin und jeder Nutzer ganz bewusst dafür, dauerhaft einen weiteren Zuhörer im privaten Wohnraum zu haben. Dieser ist immer aktiv und kann (wird) sämtliche Gespräche aufzeichnen und weiterverwerten. Die Speaker fungieren in Schers Ausstellung als reine Wiedergabegeräte, aus ihnen ertönen unter anderem Warnungen und Ankündigen, scheinbar wirr durcheinander. Diese werden immer wieder von einem Lied unterbrochen, dem Stück „Wooden Ships“, das 1969 von Crosby, Stills & Nash veröffentlicht wurde. Darin geht es um eine Welt nach einem Atomkrieg, in der es nur wenige Überlebende gibt. Diese sind nun bestrebt, eine neue Zivilisation aufzubauen.

Im Laufe des Eröffnungsabends „leben“ im Rahmen einer Performance einige auffällig schlecht gekleidete Personen in der Ausstellung. Sie laufen herum, schauen Besucher an, wirken leblos und unglücklich, emotional abgestumpft.

Julia Schers postapokalyptische kleine Welt lässt sich bis zum 2.12.2018 immer dienstags bis sonntags von 14:00 bis 18:00 Uhr besichtigen.

Weitere Infos: neueraachenerkunstverein.de

Fotos: Greta Arntz

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