Wem gehört die Stadt? Eine interessante Frage, die man sich öfters nicht stellt. Den Großinvestoren, den Kleinsparern, der Bank, der Stadt, dem Land, der EU, einem interplanetaren Konsortium? Und was in der Stadt genau? Wem gehört der Altbau da drüben und was um alles in der Welt hat sie oder ihn geritten, ihn lila anstreichen zu lassen? Wem gehört die Bismarckstraße, die Matratze, die urplötzlich den Bürgersteig versperrt, der Einkaufswagen, der nicht zurück zum Supermarkt gebracht und stattdessen auf der Verkehrsinsel stehengelassen wurde? Wem gehört die halbe angebissene Banane neben dem Supermarkt, der Grünstreifen auf der Oppenhoffallee, wem gehören die Studententürme, das Bahkauv, die Schlossallee, das Wasser im Europaplatz, die Bäume im Westpark und der stets hoffnungslos überfüllte Abfalleimer vor der Haustür?
Wem also? Nun ja, die meisten Häuser, Dinge, Parks und Plätze gehören ganz anderen Leuten als vermutet. Die MOVIE bringt wie immer ein wenig Licht ins Dunkel.

Das Rathaus

Was viele nicht wissen: Das heutige Aachener Rathaus wurde ursprünglich im Jahre 811 als Kaiser Karls karolingischer Karaoke-Klub geplant und gebaut. Aber auch damals war das Ordnungsamt schon recht restriktiv in puncto Nachtleben, da half dem Charlemagne sein Reichsapfel auch nichts. Dem Etablissement war somit nur eine kurze Verweildauer gegönnt. Karl verscherbelte das Ding schlussendlich an seinen Barbier, der dort ein paar Jahre einen florierenden Friseursalon betrieb. Anschließend wechselte die Immobilie mehrfach den Eigentümer, unter anderem waren dort ein Pizza-Service (894–917), ein Tattoostudio (1231–1242), ein Netto-Markt (1473–1722), ein französisches Bistro (1812-1815) und eine Shisha-Bar (1832) ansässig. Im Jahre 1851 kaufte schließlich die Aachener Weberfamilie Lacroix das Gebäude für einen symbolischen Goldtaler aus der Konkursmasse des Vorgängers, eines Kiosk-Betreibers. Seither wird das Rathaus von den Nachfahren der Familie Lacroix für den gleichen Preis jährlich an den Rat der Stadt Aachen vermietet, der dort seitdem Parkverbotsschilder entwirft und Shopping-Malls plant.

Der Spielplatz

Dieses Kleinod in der Aachener Innenstadt lässt nicht die doch recht komplexen Eigentumsverhältnisse ahnen. Eigentlich hatte das Land NRW von langer Hand geplant, hier ein nach DIN 287113658842/X-3 zertifiziertes Spielgerät aufzustellen, wurde allerdings durch die Spielplatzverordnung BF-ZT/3-88237 aus dem Jahre 1953 dazu genötigt, die Traufhöhe auf 0,67 Meter zu begrenzen, und durch die EU-Verordnung 733-HK-19/B aus dem Jahre 2003 gezwungen, das Investitionsvolumen transparent international auszuschreiben. Somit gehört diese Wippe zu 43,57 % einem singapurlesischen Investmentfond, zu 27,21 % der Metro-Group, zu 11,29 % einem kanadischen Holzfällerkonzern und zu 7,83 % dem Staat Papua-Neuguinea. Die restlichen Anteile teilen sich Familie Wildhuber aus Schwabing, Heinz-Josef Beier aus Oberhausen sowie Hannelore Minartz aus Buxtehude.

Das Marschiertor

Jeder, der bereits einmal die Burtscheider Brücke heruntergefahren oder -gelaufen ist, kennt dieses imposante Relikt aus der frühen Kreidezeit. Ein Hort karnevalistischer Brauchtumspflege und beliebter Durchgang zum offiziellen Printen-Sektor der Stadt Aachen. Wer aber hätte gedacht, dass das Marschiertor im Besitz des niederländischen Königshauses ist? Der Legende nach war das Gebäude an der Franzstraße, das lange Jahre als Vorratsspeicher für die städtischen Knöllchen genutzt wurde, 1983 der Einsatz einer Wette zwischen dem damaligen OB Kurt Malangré und Königin Beatrix, die sich zu einem offiziellen Staatsbesuch in Aachen aufhielt: Wer verdrückt in einer Stunde mehr Frikandel spezial? Selbstredend siegte die Monarchin. Seitdem gilt das glorreich gewonnene Tor in den Niederlanden als Symbol der Genugtuung für das verlorene WM-Finale 1974.

Der Tivoli

Das majestätisch groß ausladende gelb-schwarze Gebäude an der Krefelder Straße, die Jürgen-Linden-Arena –, im Volksmund auch einfach Tivoli genannt – wurde von Alemannia Aachen bereits 1866 geplant. Es konnte allerdings aus diversen formaljuristischen Gründen – unter anderem weil der Verein 1900 erst gegründet wurde – nur mit einiger Verzögerung gebaut werden. Eigentlich war der Bau als Minigolf-Stadion mit einer Kapazität von 200.000 Zuschauern konzipiert, nachdem sich aber Ende des 19. Jahrhunderts ein Sport namens Fußball als der neue hippe Scheiß durchgesetzt hatte, wurden die Pläne im Jahre 1907 leicht modifiziert. Ein sorgfältig ausgearbeiteter Baugenehmigungsantrag wurde 1908 eingereicht, und nach einer Rekordbearbeitungszeit von nur 100 Jahren im Jahre 2008 durchgewinkt – der Bau konnte beginnen. Der ursprüngliche Investor, ein Lakritzfabrikant aus Brand, konnte der Grundsteinlegung aus bislang nicht komplett geklärten Umständen nicht mehr persönlich beiwohnen. Heutiger Betreiber und Eigentümer ist ein Rentner und treuer Fan aus der Augustastraße, der hofft, die Alemannia spätestens bis zum Jahre 2033 wieder drittklassig zu machen.

Der Schlüssel

Dieser handelsübliche Schlüssel zum Glück wurde zusammen mit dem Schlüssel zum Erfolg, dem Schlüssel zur Penthouse-Suite in der Monheimsallee und dem Kellerschlüssel gestern in der MOVIE-Redaktion abgege…
Hey, wo habt ihr denn den gefunden, den habe ich schon überall gesucht!
Der gehört natürlich mir.

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