Gedenkfeier zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges in Lüttich am „Mémorial Interallié de Cointe“


Entspannt sitzt der deutsche Botschafter Martin Kotthaus auf einem Holzpodium unweit der gigantischen „Gedenktafel für die Verteidiger von Lüttich“ – er ist sichtlich froh, dass er nach der mehr als zweistündigen Gedenkfeier an der „Interalliierten Gedenkstätte von Cointe“, die er wie alle offiziellen Gäste des Tages stehend absolvieren musste, endlich einmal sitzen kann. Zurück im Jahr 2018 kramen nun auch einige der Reenactment-Darsteller aus den Taschen ihrer historischen Uniformen Handys hervor, um auf der Esplanade des gigantischen Denkmals noch schnell ein paar Selfies mit den „Kameraden“ zu machen, wobei der 75 Meter hohe Turm im Art-déco-Stil zugegebenermaßen eine beeindruckende Hintergrundkulisse abgibt.

Bevor Martin Kotthaus vom Lütticher Regionalsender RTC Télé Liège interviewt wird, nimmt er sich ein paar Minuten Zeit, um mir seine Sicht auf die unterschiedlichen Erinnerungskulturen in Belgien und Deutschland zu erläutern: „In Deutschland haben der Zweite Weltkrieg und die Shoa in der Erinnerung lange Zeit den vorherigen Schrecken überdeckt. Es waren einfach noch mehr Tote, noch mehr Zerstörung und eine industrielle Massenmordindustrie. Seit 2014 gibt es jedoch glücklicherweise nicht nur in Belgien und Frankreich, sondern auch in Deutschland ein gesteigertes Interesse am Ersten Weltkrieg.“

11. November ist in Belgien Feiertag

Anders als in Deutschland musste der Erste Weltkrieg in Belgien allerdings nicht neu entdeckt werden, da der „Grande Guerre“ seit 1918 einen konstanten Platz im kollektiven Gedächtnis der Menschen innehat. Wie in vielen Ländern, die im Ersten Weltkrieg gegen Deutschland gekämpft haben, ist der 11. November dementsprechend auch in Belgien ein offizieller Feiertag. Dass es zwei Tage vor den Feierlichkeiten zum offiziellen Waffenstillstandstag in Mons, Ypern und Brüssel bereits eine große Feier in Lüttich gibt, spricht dabei für die zentrale Stellung, die sowohl die Stadt und ihre Festungen als auch die gleichnamige Provinz in der belgischen – speziell natürlich auch in der wallonischen – Erinnerung an den Krieg einnehmen. Kein Zufall ist auch das Datum der Zeremonie, schließlich unterzeichnete der deutsche Kaiser am 9. November 1918 im gleichfalls zur Provinz Lüttich gehörenden Spa seine Abdankung – eine notwendige Voraussetzung für den Waffenstillstand am 11. November.

 

Geist der Versöhnung

Einen guten Eindruck von der belgischen Sicht auf den Ersten Weltkrieg und der Bewertung der Bedeutung Lüttichs für das Kriegsgeschehen vermittelt an diesem Tag die Rede des Lütticher Bürgermeisters Willy Demeyer. Sie erinnert an die deutschen Truppen, die unter Missachtung der belgischen Neutralität am 4. August 1914 die Grenzen überschreiten und dafür sorgen, dass die Provinz Lüttich zum ersten Kriegsschauplatz des „Großen Krieges“ wird – ein Krieg, der bereits in den ersten Kriegswochen von massiven Übergriffen der deutschen Soldaten auf die belgische Zivilbevölkerung gekennzeichnet ist. Dass deutsche Soldaten in den ersten Kriegswochen mehr als 5.500 Zivilisten zu „Märtyrern“ – wie die zivilen Opfer traditionell genannt werden – machen, verschweigt Demeyer freundlicherweise. Im Jahr 2018 möchte er eventuelle antideutsche Ressentiments ganz klar vermeiden. Er bedankt sich sogar explizit für die „bewegenden Worte des Deutschen Botschafters“ während des Empfangs im Lütticher Rathaus. Zum Geist der Versöhnung passt auch, dass sich unter den 200 Schülern und Schülerinnen aus der Euregio und Frankreich, die der Feier beiwohnen, auch eine Klasse des St.-Leonhard-Gymnasiums aus Aachen befindet. Die Schatten der Vergangenheit sieht Demeyer eher – wie alle Redner des Tages – in einem überall in Europa wieder neu aufkeimenden Nationalismus.

Seine Rede belegt aber auch, dass der „heldenhafte Widerstand“ der belgischen Soldaten gegen die übermächtigen „Envahisseurs“ (Invasoren) – wie er sie dezent nennt – in Belgien auch bei einem Politiker der „Parti Socialiste“ einen für deutsche Ohren ungewohnten patriotischen Stolz auslösen kann. Auch wenn die zwölf Lütticher Forts dem Beschuss mit den neuartigen 420-mm-Geschossen der „Dicken Bertha“ letztlich nicht hätten standhalten können, so habe „der tapfere Kampf ihrer Soldaten damals weltweite Anerkennung erhalten“. Dementsprechend sei Lüttich bereits am 7. August 1914 „in Anerkennung für den heldenhaften Widerstand der Verteidiger“ als erste Stadt des Auslandes mit dem französischen Kreuz der Ehrenlegion geehrt worden. Dass der damals in Paris beliebte „Café Viennois“ seither im französischen Sprachraum unter „Café Liégeois“ firmiert, bleibt natürlich auch nicht unerwähnt.

Sensibilität für die Empfindungen der Nachbarländer

In Deutschland galt die „Schlacht um Lüttich“ bei der Betrachtung des Ersten Weltkrieges lange Zeit eher als Randnotiz, was in ähnlicher Weise auch auf die Zeit der deutschen Besatzung im Ersten Weltkrieg zutrifft. Wenn überhaupt, dann war es die vierjährige erbitterte Schlacht an der Yser-Front, die Beachtung fand. Insofern sei es gut, dass seit 2014 „der Erste Weltkrieg auch bei uns wieder in Erinnerung gekommen ist“, findet auch Martin Kotthaus, schließlich habe dies letztlich auch für „eine Sensibilität für die Empfindungen der Nachbarländer“ gesorgt. Auch wenn man „in Belgien als Deutscher heute überall als Freund empfangen“ werde, weiß Kotthaus als deutscher Botschafter, dass der Erinnerung an den „Großen Krieg“ in unserem Nachbarland auch ein ganzes Jahrhundert nach dessen Ende immer noch eine große Bedeutung zukommt: „Der Erste Weltkrieg hat Belgien massiv geprägt, er war für das Land ein tiefer Schock. Hier gab es die ersten Zerstörungen, die ersten toten Zivilisten. Bis heute ist die Landschaft in Flandern vielerorts von diesem Krieg gekennzeichnet.“

Dass der Umgang mit den Schrecken der Vergangenheit heute durchaus auf das früher in Belgien und Frankreich übliche patriotische Pathos verzichten kann, verrät die während der Zeremonie enthüllte Skulptur „Le Poilu“ der in Lüttich lebenden französischen Künstlerin Caroline Brisset. In Erinnerung an die im Krieg tausendfach zerfetzten Gesichter der „Poilus“ (der Bärtigen, wie die einfachen Soldaten in Frankreich genannt werden) hat Brisset einen aus einer Vielzahl von Flicken bestehenden Soldatenkopf mit einem Bart aus Geschosshülsen geschaffen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind dabei nicht zufällig, schließlich stand der mit Brisset befreundete Lütticher Regisseur und Schauspieler Bouli Lanners für die Skulptur Modell.

Text und Fotos: Ingo Meier

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