„Was ist mit mir geschehen?“ – Die Verwandlung

Die Verwandlung

Die Verwandlung | Foto: Ludwig Koerfer

… denkt Gregor Samsa, als er sich eines Morgens zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt sieht. Eine schlicht formulierte Frage, als würde man sich über die schlecht gewordene Milch auf dem Küchentisch wundern. Und da die Tatsache, dass der Handlungsreisende mit einem harten Panzer und kläglich dünnen Beinen auf dem Rücken liegt, genauso unumstößlich ist wie die leicht grünlich schimmernden Flocken in dem sonst ungetrübten Weiß, sieht Kafka keine Notwendigkeit, auf diese im Leser brennende Frage eine Antwort zu geben.

Die 1915 veröffentlichte Erzählung einer Verwandlung, die zu Vereinsamung und Tod führt, zog zahlreiche psychologische, soziologische und religiöse Interpretationen und Spekulationen nach sich, bis hin zu willkürlichen Verknüpfungen mit Kafkas Privatleben. Ein Schicksal, das viele herausragende Werke teilen, die nach allgemeingültigen Maßstäben nicht zu etikettieren sind.

Diese lapidar erzählte Ungeheuerlichkeit, bei der man vergeblich nach mythologischen oder übernatürlichen Anspielungen sucht, hat in der heutigen Gesellschaft nichts an Aktualität eingebüßt. Gerät dein Uhrwerk aus dem Takt, bringst du nicht mehr die von dir erwartete Leistung, wirst du sang- und klanglos aus der wohlmeinenden Umarmung der Gesellschaft herausgerissen.

Apropos Uhrwerk. Dass man ein allegorisches Bild so pointiert, selbstbewusst und urkomisch in Szene setzen kann, ist eine Wucht. Folgendes spielt sich auf der Bühne ab: Drei Akteure trippeln im Gänsemarsch, sie alle spielen den erbosten Prokuristen, der nach dem verhinderten Gregor Samsa schaut. Während die vordere Person die Erzählung weiterführt, blicken die anderen auf eine imaginäre Uhr am Handgelenk, schütteln im Takt den Kopf und murmeln etwas, was weniger nach einem Tick-Tack-Tick-Tack als vielmehr nach einem vorwurfsvollen Ts-Ts-Ts-Ts klingt. Ist die Textpassage zu Ende, reiht sich der Akteur hinten ein und lässt den nachfolgenden zu Wort kommen. Mechanisch abstrus und perfekt auf den Punkt gebracht!

Regisseurin Sylvia Sobottka verwandelt das grotesk Alltägliche der Geschichte in eine Spielwiese voller wundersamer Einfälle. In dem genial einfachen oder einfach genialen Bühnenbild von Manuel Gerst zaubert sie nebst irrwitzigen Perspektivenwechseln eine ganze Reihe von schrägen Einfällen aus dem Hut, spielt gekonnt mit Übertreibungen und lässt die Kuriosität des Normalen im neuen Licht erstrahlen, ohne den Boden der Realität zu verlassen. Sobottka bleibt in ihrer Arbeit am ursprünglichen Werk haften, gibt ihm jedoch eine völlig neue Dimension. Bravo!

Hat man vier so hervorragende Mimen auf der Bühne, kann jeder Zauber gelingen. Petya Alabozova, Luana Bellinghausen, Ognjen Koldzic und Philipp Manuel Rothkopf funktionieren wie ein Uhrwerk, jedoch ohne die negative Konnotation desselbigen. Sie ziehen den Abstrusitäten das Gewand des Normalen über, immer im Takt und trotzdem eine Handbreit neben der Spur. Eine mehr als überzeugende Leistung, denn der Wechsel zwischen dem nüchtern Erzählerischen und dem ausgelassenen Spiel verlangt einiges ab. Ognjen Koldzic spielt den Verwandelten, den nicht mehr funktionierenden Gregor Samsa. Unfähig, sein Leben in den geregelten Bahnen weiterzuführen (er ist im wahrsten Sinne des Wortes ans Bett gefesselt), vegetiert er vor den Augen seiner betrübten und überforderten Familie bis in den Tod hinein. Koldzic gibt der starren Haltung der Figur eine ergreifende Tiefe und pendelt äußerst überzeugend zwischen Irrsinn und Banalität.
Ebenfalls Großartiges leisten Petya Alabozova, Luana Bellinghausen und Philipp Manuel Rothkopf. Familie, Prokurist, Untermieter, Erzähler – jeder Wechsel der Charaktere eine Punktlandung, jede spinnige Geste eine Augenweide, jede Wendung im Befinden der Figuren nachvollziehbar.

Noch etwas bleibt haften und macht die Aufführung zu einem besonderen Erlebnis: Vom Anfang bis zum mehr als verdienten Schlussapplaus spürt man den unbändigen Spaß und die Freude am Spielen.

Diese Inszenierung muss man sehen. Unbedingt! (ek)

Die Verwandlung
nach der Erzählung von Franz Kafka
Theater Aachen, Kammer
Inszenierung: Sylvia Sobottka, Bühne und Kostüme: Manuel Gerst
Seit November 2018 im Theater Aachen; hier weitere Termine: Die Verwandlung

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