Wie gut, dass manch eine Erfolgsgeschichte nach ihrem Ende doch noch die langersehnte Fortsetzung findet: Das trifft auch auf das sorgsam gehegte Kulturangebot in der Viktoriastraße zu, das vor mittlerweile drei Jahren mit dem Leerzeichen eine beliebte Anlaufstelle verlor, nun aber mit dem Überhaupt einen neuen, liebevoll gestalteten Farbtupfer erhält.

Manchmal führt die Suche nach einem neuen Zuhause weit in die Ferne, dorthin, wo es fernab von vertrauten Gefilden gilt, frische Aufgaben anzugehen. Manchmal aber warten ebensolche Aufgaben auch direkt vor der Haustür oder – im Falle des Aachener Künstlers und Kulturbetreibers Robert Sukrow – nur 25 Hausnummern weiter. Mit dem Ende des Leerzeichens erlosch im Dezember 2015 ein hell strahlender Kulturspot in der Viktoriastraße 10: ein Ort, eher ein Wohnzimmer, für Lesungen, Konzerte und Ausstellungen. Der Betreiber blickt zurück: „Direkt nach der letzten Veranstaltung gab es bereits Gedanken an einen möglichen Neuanfang. Kaum war das eine Buch geschlossen, lag also schon das nächste daneben – es musste nur noch geöffnet werden.“ Das neue Kapitel trägt den Namen Überhaupt und befindet sich nur ein paar Meter weiter vom alten Standort, nämlich in der Viktoriastraße 35. Ein wenig mehr in Richtung Oppenhoffallee, „ein wenig mehr Wärme vom Viertel“, wie Sukrow es treffend umschreibt.

Eine spacige Atmosphäre

Ein erster Blick in die Location zeigt: hohe Räume, Stuckverzierungen, psychedelisch-orangelackierte Decke. „Wir wären nie auf die Idee gekommen, solch eine Farbe zu wählen“, meint der Hausherr mit Blick auf den unbekannten Vormieter, „aber das kann direkt so bleiben.“ Ähnlich spacig gestaltet sich das bildhafte Thema des Überhaupt – als Logo firmiert ein blau-roter Alienkopf mit übergroßem Hirn, angelehnt an den US-amerikanischen Science-Fiction-Film „Metaluna IV antwortet nicht“ von 1956. Robert Sukrow erklärt: „Als Kind habe ich diesen Film geliebt und mit Gänsehaut im dritten Programm verfolgt – heute schmunzelt man über diese Ästhetik.“ Ein riesiger Kopf voller Ideen also steht Pate für das neue Angebot, das sich nun den Aachener Kulturfreunden öffnet. Und diese können den Startschuss fürs Überhaupt, so scheint es, kaum erwarten, unterstützen sie das Projekt doch fleißig mit Sachspenden und packen bei anfallenden Handwerksarbeiten mit an. Hinzu kommt jede Menge Einfallsreichtum: Eine alte Werkbank etwa wird fortan als DJ-Pult fungieren.

Keine One-Man-Show

Im Gegensatz zum alten Laden verfügt das Überhaupt auch über ein 250 x 140 cm großes Podest, perfekt für den großen Auftritt in heimeliger Atmosphäre. Angefertigt wurde die Bühne von Lebensgefährtin Hella Kunz; ohnehin soll die neue Location nicht als One-Man-Show verstanden werden: „Wir treten als Team auf“, so Sukrow. „Hella packt bei der Organisation und Planung im Background mit an und wird mir auch mit ihrem erlesenen Musikgeschmack beim Booking eine große Hilfe sein.“ Bei der Programmauswahl schweben den beiden ähnliche Formate wie einst zu Leerzeichen-Zeiten vor: Singer-Songwriter-Konzerte mit Gitarre und Loop Station, Lesungen mit und ohne Themenvorgabe, Ausstellungen sowie die kultigen Papa-Suk-Filmabende.

Neben der Anfang des Jahres eröffneten Gravieranstalt in der Ottostraße und der seit Jahren etablierten Raststätte sorgt fortan also auch das Überhaupt zwei- bis dreimal im Monat dafür, dass Kultur in Aachen lebendig bleibt. Von Konkurrenz möchte Robert Sukrow ohnehin nicht reden: „Ich stelle mir vielmehr vor, dass Empfehlungen ausgesprochen werden, damit Künstler nach einem Gig vielleicht ein weiteres Mal in die Stadt kommen können – dann in einem anderen Rahmen.“ Eine Bereicherung also für alle Seiten und gleichzeitig echte Herzensangelegenheit, handelt es sich doch um ein absolutes Non-Profit-Projekt (der komplette Eintritt geht direkt an die Künstler). Das Überhaupt ist beim Finanzamt als Liebhaberei eingetragen. Robert Sukrow erinnert sich an die Frage der dortigen Sachbearbeiterin: „Wenn Sie nichts davon haben, wieso machen Sie das dann?“ Die knappe, aber vielsagende Antwort: „Weil es mir wichtig ist.“ Mit dieser Ansicht dürfte Robert Sukrow in Aachen nicht alleine dastehen.
Robert Targan

Überhaupt
Viktoriastraße 35, 52066 Aachen
facebook.com/Überhaupt

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