Dokumentarfilm „Das System Milch“ zeigt Pervertierung eines globalisierten Milchmarktes auf

Grimme-Preisträger Andreas Pichler trieb als Kind im Urlaub Kühe auf die Alm – ein Glas frische Milch gehörte selbstverständlich dazu. Jahrzehnte später begibt er sich auf die Suche danach, wo der unstillbare Appetit auf Milch herkommt und wie die Milchwirtschaft zum milliardenschweren Global Player geworden ist, der eigene Regeln schafft. Weltweit lässt er Experten zu den Themen Gesundheit, Gülle und Gewinne zu Wort kommen, besucht Molkereien, Messen, Verwerter und das EU-Parlament und die schwächsten Glieder in der Kette kurz nach der Kuh: die Landwirte.

„Discovery“ fährt durch den Stall, schubst Kuhbeine zur Seite und die Gülle in eine Rinne. „Unser Scheiße-Robbi“ nennt Bäuerin Geiger den Roboter, der dafür sorgen soll, dass die Kühe nicht in ihrer Hinterlassenschaft stehen. Früher hatte der Familienbetrieb 35 Kühe, heute sind es 250, es gibt keine Angestellten, dafür modernste Technik. Dass die Kühe zwar in einem Laufstall leben, in dem sie nicht angekettet sind, sondern sich frei bewegen können, aber nicht mehr auf die Weide kommen, ist eine Randerscheinung der Vergrößerung des Betriebes. Dass es den Kühen früher besser ging, wissen die Geigers und mehr Geld verdienen sie auch nicht. „Wir schaffen nur noch für Konzerne und die Kraftfutterindustrie, selber bleibt man auf der Strecke“, konstatiert der Landwirt. In Brüssel sei man auf Demos gewesen, bis man verstanden habe: „Das ist alles so gewollt, die Landwirte sollen gar nicht mehr verdienen.“ Inzwischen erzeugt der Familienbetrieb aus der anfallenden Gülle Energie und generiert daraus mehr Geld als mit der Milch. Die Geigers sind eine der Familien, die Regisseur Andreas Pichler für seine Doku begleitet hat.
Peder Mouritsen aus Dänemark führt seinen Hof in der 18. Generation. Mit 140 Tieren hat er ihn übernommen, heute hat er 750 Kühe auf sechs Höfen, in die schwarzen Zahlen kommt er dennoch kaum, dafür müsste der Milchpreis um ein paar Cent je Liter angehoben werden. Den jedoch bestimmen die Molkereien. Überleben können die meisten Landwirte nur durch die im Dezember ausgeschütteten 45 Mrd. Euro EU-Subventionen. In Dänemark produzieren derzeit 3.500 Landwirte so viel Milch wie noch vor wenigen Jahrzehnten 37.000 Landwirte. „Du musst leistungsfähig sein, sonst bleibst du auf der Strecke.“

Ganz besonders leistungsfähig muss das letzte Glied in der Kette sein: die Kuh. Eine Kuh, die nichts bringt, ist eine Last, an ihrer Optimierung wird ständig gearbeitet. Auch Bullenkälber sind eine Belastung. Wenn die Preise so weit sinken, dass es sich nicht mal lohnt, sie 14 Tage durchzufüttern, werden sie sofort getötet. Noch ist die Züchtung nicht so weit, männliche Tiere auszuschließen, aber das wird kommen.

Kleine Hochleistungskraftwerke auf genetischer Leistungsschau

Die ganze Perversion dieser Herangehensweise zeigt sich auf einer „genetischen Leistungsschau“, die Pichler in Italien besucht hat. Herren in Anzug bürsten Kuhschwänze zu puscheligen weißen Flauschbüscheln wie bei verwöhnten Pudeln und cremen Euter ein, als wären es Sportlerwaden. Dann führen sie Milchkühe in den Ring, die auf weit gespreizten dünnen Beinen kaum laufen können, dazwischen die prall gefüllten Euter. Als kleine Hochleistungskraftwerke werden sie bezeichnet. Und man fragt sich: Warum nur die männlichen Kälber wegzüchten und nicht gleich den Kopf einer Kuh? So ein Euter auf Beinen würde doch durchaus ausreichen und kann einen nicht traurig anschauen.

In Brüssel macht Pichler den Kern des Problems aus. Dort, wo man 45 Mrd. Euro Subventionen für die Landwirtschaft lockermacht, setzt man auf Milch als billigen Rohstoff. Dabei spielen die 13 Millionen Bauern in der Europäischen Union eine untergeordnete Rolle, die Top-Player der Branche sind die Molkereien, die die Preise bestimmen und billige Exportwege erschließen. Diese arbeiten mit großen Herstellern wie Nestlé und Danone zusammen, Lobbyisten bringen die Hersteller sogar mit dem Bauernverband zusammen.

Milch, der modische westliche Konsumartikel

Als um das Jahr 2000 der Agrarmarkt liberalisiert und für die Privatwirtschaft geöffnet wurde, lockte man die Bauern in ganz Europa, mehr zu produzieren und neue Märkte zu schaffen. China, Südamerika und Afrika waren das Ziel, denn der europäische Markt war gesättigt. Mit neuen Produktschienen, extra entworfen für den chinesischen Markt, weckte man dort Begehrlichkeiten, versprach den Chinesen, dass ihre Babys groß, stark und erfolgreich würden, wenn sie nur genug Milch tränken. „Die Chinesen werden euch leersaufen“, prognostizierte man den deutschen Bauern auf der anderen Seite, erzählt Bauer Geiger. Milch wurde tatsächlich zum modischen, westlichen Konsumartikel, aber wie naiv mutet der Gedanke an, die Chinesen wären darauf angewiesen, aus Europa zu importieren.
Wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film kommt stattdessen die Realität daher: In China stehen die inzwischen größten Milchfarmen weltweit – in einem großen Saal sitzen ein paar Mitarbeiter an ihren Monitoren und steuern die Produktion, bei der sage und schreibe 10.000 Milchkühe in einer Farm involviert sind. Touristen fahren in kleinen Wagen durch die Gänge, eine freundliche Hostess zeigt ihnen die „European Style Street“, wo die Besucher sich wohlfühlen und Fotos machen sollen, wenn sie einen Blick auf die „Geschichte der Milch“ werfen.

Die europäischen Bauern indes schauen in die Röhre, während die Großkonzerne neue Absatzmärkte etablieren, beispielsweise im Senegal. Dort allerdings werden mit der eingeführten Trockenmilch die Preise der ansässigen Milchbauern unterboten, denen damit ebenfalls die Existenzgrundlage geraubt wird. Daher denken diese darüber nach, sich zusammenzuschließen und eigene Molkereien zu gründen. Wohin das führen wird, kann man erahnen.

Senegal: 7 Menschen arbeiten für 150 Liter Milch

Zurück zu kleinbäuerlichen Strukturen?

Pichler wirft einen Blick auf eine Studie aus dem Jahr 2008. UNO und Weltbank haben damals alles Wissen zusammengetragen, das es zum Thema Bekämpfung des Hungers in der Welt gibt. Ergebnis war: Es ist nicht eine Steigerung der Produktivität, die weiterhilft, sondern eine Verfügbarkeit vor Ort, die durch kleinbäuerliche Strukturen gewährleistet wird. Die Agrarindustrie lehnt diese Ergebnisse ab und weigert sich, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Zurück bei der kleinen Struktur ist Bauer Andreas Agethle, und er ist damit so gut wie der einzige Lichtblick in der Doku: Der Ökobauer aus Südtirol hat sich von großen Molkereien unabhängig gemacht und betreibt eine – wie er es nennt – beseelte Landwirtschaft. Persönlich geleitet er die Kühe jeden Tag auf die Weide, seine Frau macht später aus der Milch Käse, der im Umkreis von maximal 200 Kilometern verkauft wird. Die Gülle wird zu Dünger verarbeitet, damit wird die Erde gedüngt – ein natürlicher Kreislauf, zurück zur Kleinheit und Unabhängigkeit von großen Konzernen.

Am Ende steht der Film für viele Branchen und die Kehrseite der Globalisierung. Gezeigt wird eine Branche, in der nur noch die ganz Großen die großen Gewinne einfahren und klein nichts mehr wert ist und nichts mehr zählt. Der einzelne Landwirt ist nur eine Nummer wie die Kuh in seinem Stall. Und wer es nicht mehr bringt, wird aussortiert oder bringt sich gleich selbst um die Ecke, wie die hohen Selbstmordraten bei Landwirten zeigen.

Das System Milch
2017, Dokumentarfilm, 94 Min., 
Regie: Andreas Pichler
erhältlich als DVD oder online zu sehen, 
z. B. bei Amazon Prime ab 3,99 Euro
dassystemmilch.de

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