Der Mensch als extrovertiertes Wesen hat seit jeher Mittel und Wege gefunden, der Eitelkeit zu frönen. Die barocke Opulenz hat ihr geistiges Pendant in der Welt von Instagram und Facebook gefunden, pudrige Gesichter und aufgemalte Schönheitsflecke wurden von Weichzeichner und Retuschewerkzeugen einschlägiger Bildbearbeitungsprogramme abgelöst. Die Spaßgesellschaft im neuen Gewand, der Drang, zu zeigen, was man hat, ist jedoch ungebrochen. Mein Haus, mein Auto, mein Pferd, meine Frau, mein Mann, mein Mittagessen. Und vor allem: ICH. Und damals wie heute sitzen auf unseren Schultern ein rot angelaufenes Teufelchen und ein putziges Engelchen, die uns mal ermuntern, mal schelten.

Auch Belezzas Schultern sind schwer beladen. Auf der einen Seite frohlockt die Lust, während die andere Schulter gleich doppelt belastet ist: Die Zeit und die Erkenntnis setzen der Schönheit mächtig zu.
Leichtigkeit oder innere Einkehr? Die Frage beschäftigt nicht nur Philosophen jeglicher Couleur, sie ist eine der existentiellen Fragen des Homo sapiens. Das Erkennen der Vergänglichkeit bringt uns ein Stück näher an die Ewigkeit, und auch wenn es nicht immer nachvollziehbar ist, warum die Lust am Leben ein Feind der Weisheit sein soll, aus geistiger Sicht ist es immer erhabener, wenn Zeit und Erkenntnis als strahlende Gewinner im Rampenlicht stehen.

Georg Friedrich Händel wählte die im Barock beliebte Form der Personifikation und lässt die vier allegorischen Figuren La Belezza (die Schönheit), La Piacere (die Lust/das Vergnügen), Il Tempo (die Zeit) und Il Disinganno (die Erkenntnis/die Ernüchterung) in einem spannungsreichen Diskurs über nicht weniger als den Sinn des Lebens debattieren. Der ewige Konflikt zwischen Diesseits und Jenseits, Körper und Geist, Sinn und Sinnlichkeit – Händel kleidet diesen schweren theologischen Stoff in ein lebhaftes und facettenreiches Werk, das mit zu den schönsten seiner Kompositionen zählt.

Das Fehlen einer dramatischen Handlung ist für Regisseur Ludger Engels kein Hindernis, sondern eine Herausforderung, die er mit Bravour meistert. Der besondere Clou bei der Inszenierung ist das Brechen mit gängigen Seh- und Hörgewohnheiten. Ein Laufsteg ragt weit in den Zuschauerraum hinein, während ein Großteil der Bühne mit Sitzplätzen samt Zuschauern belegt ist. Das Orchester wurde aus der Versenkung geholt und okkupiert den hinteren Bühnenbereich. Ein besonderes Erlebnis, jedoch leidet an manch einer Stelle die Akustik darunter.
Die digitale Revolution macht auch vor der Aachener Bühne nicht halt, gleich drei Monitore und eine große Projektionsfläche runden das Bühnenbild von Ric Schachtebeck ab.
Ein Laufsteg der Eitelkeiten, auf dem die vier Figuren in den phantasievollen Kostümen von Raphael Jacobs sich im besten Licht präsentieren möchten, und das auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen. So wird jede Mimik, jede Bewegung, jede Falte des Kleides von der Handykamera direkt auf die Monitore transportiert. Auf der einen Seite ist die Überflutung der Bühne mit verwackelten und unscharfen Bildern genauso nervig wie das zigste Video auf Facebook vom beliebten Haustier, auf der anderen Seite jedoch zeigt dies ein perfektes Zerrbild unserer extrovertierten Gesellschaft. Ludger Engels porträtiert eine Jugend, die in der Einsamkeit der vier Wände mit der (Schein-)Welt verbunden ist, die im Wettstreit mit der Zeit sich vom realen Menschen abwendet und sich im Labyrinth der Social Media zu einer Kunstfigur stilisiert.

Ohne Wenn und Aber großartig sind die Solisten. Sopranistin Suzanne Jerosme, die bereits in „Dialogues des Carmélites“ und „L´incoronazione di Poppea“ verzauberte, verleiht der Belezza mit einer nahezu makellosen Koloratur und glasklarer Stimmgewalt eine besondere Schönheit.
Fanny Lustaud ist als La Piacere das reine Vergnügen, die Arie „Lascia la spina“, eine der berühmtesten und schönsten Händels, gelingt ihr wunderbar eindringlich. Der persisch-kanadische Countertenor Cameron Shahbazi brachte mit seiner Darbietung des Disinganno das Premierenpublikum zum Toben, und Haus- und Hoftenor Patricio Arroyo beglückte mit einer gewohnt überzeugenden Performance.

Zu dem exklusiven Hörgenuss kommt ein besonderer Augenschmaus, denn die schauspielerische Leistung des Ensembles ist ebenfalls überragend. Frisch, frech, intensiv – das pure Vergnügen.
Das Aachener Orchester wird in letzter Zeit mit Lob überhäuft. Zu Recht! Die intensive Beschäftigung der Musiker mit historischen Instrumenten (bereits letzte Spielzeit bei Monteverdis „L´incoronazione di Poppea“ hörbar) trägt mittlerweile reiche Früchte. Nicht nur die komplexen Orchesterparts, auch die brillanten und zarten Soloparts versprühen großes Können und ein tiefes Verständnis des Werkes.

Eine spannende, geradezu verrückte Inszenierung. Ein Spiegelbild der Gesellschaft, das ob seiner Überspanntheit geradezu erschreckt. Man mag sich an der einen oder anderen Stelle etwas weniger Drumherum gewünscht haben – aber halbe Sachen sind nichts für Ludger Engels. (ek)

Il trionfo del Tempo e del Disinganno
Oratorium von Georg Friedrich Händel
Theater Aachen
Musikalische Leitung: Mathis Groß, Justus Thorau, Inszenierung: Ludger Engels, Bühne: Ric Schachtebeck, Kostüme: Raphael Jacobs
Seit November 2018 auf der Bühne

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