Nationalstraße: Der letzte Römer

Nationalstraße

Foto: Ludwig Koerfer

Zweihundert Liegestütze kann er, Vandam – der Europäer, der Tscheche, der Kneipenschläger. Nur Nazi ist er nicht, darauf legt er Wert. Der Gruß, na ja, der ist doch von den Römern.
Überhaupt müsse man immer und überall gerüstet sein, trainieren muss man, denn nach dem Krieg ist vor dem Krieg, linker Haken, rechter Haken, schon liegt der Feind auf dem Boden, aber dafür muss man trainieren, hart trainieren, zweihundert Liegestütze, und das, verdammt noch mal, jeden Tag.
Wer ist dieser Vandam, dieser traurige Held der Plattenburg, den Schriftsteller Jaroslav Rudiš so gnadenlos auf einen los schwadronieren lässt? Ein rechtsradikaler Schläger, einer, der einfach nur auf der falschen Seite der Stadt zu Hause ist, ein Verlierer der Wende, ein trauriges Relikt der samtenen Revolution? Schwer zu sagen, er ist vielleicht von allem etwas und doch viel mehr. Hinter der dickmäuligen Fassade steckt ein Mensch voller Narben und Wunden, ein vom Leben und der Geschichte zu Fall Gebrachter.
Jaroslav Rudiš schuf seine Figur nach einer Begegnung mit einem waschechten Rambo. Knallhart, aber mit Sinn für Poesie. Auch Vandam ist ein intellektueller Schläger, seine Kenntnisse der Kriege und Verwüstungen Europas würden jeden Geschichtsstudenten zum Erblassen bringen, sein Drang, große Reden zu schwingen, ist dem eines Orators gleich. Einer, der seine Tage in seiner Lieblingskneipe mit seiner Lieblingsbardame und seinen Lieblingskumpanen verbringt, aber auch einer, der trotz seiner rechtsradikalen Sprüche, die einem die Haare zu Berge stehen lassen, einen Nerv drückt, der leise flüstert: „Der Arme.“ Ja, trotz vehementem Widerstand entwickelt man im Laufe der Geschichte Mitleid mit diesem Antihelden und sogar eine gewisse Sympathie.
Dies zuzugeben fällt nicht leicht, denn Autor Jaroslav Rudiš ist ziemlich kompromiss- und schonungslos. Die Kunstfigur der Wiederholung, mit der Rudiš bewusst provoziert, wird zu einem Mantra, zu einer experimentellen Musik, der Autor will nerven, den Finger in die Wunde legen, sein Text ist aber keine sinnlose Laberei, sondern ein dichtgewebter Teppich aus den Abgründen eines neuen Europa.
Drei Saufkumpane (Torsten Borm, Rainer Krause, Benedikt Voellmy) werden um Vandam drum rum drapiert, sie klingen wie ein Echo desselbigen, ebenfalls gestrandet, ebenfalls verloren. Drei, die durch ihre pure, oft stimmlose Präsenz auf der Bühne eine durch Mark und Bein gehende Intensität versprühen.
Endlich! Stefanie Rösner mit Ton! Die Schauspielerin hat in ihrer stummen Rolle als Marlene in „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ die Bühne zum Beben gebracht. In „Nationalstraße“ ist sie Silva, die Bardame der Herzen. Wahrhaftig und gefühlsecht, voller Schmerz und voll von dem wenigen Glück, das ihr gegeben ist. Ein echter Gewinn für das Ensemble!

Tim Knapper ist Vandam. Welch eine Leistung! Vielschichtig, tiefgründig, charismatisch, hemmungslos. Tim Knapper erfindet sich für jede Rolle neu, und auch wenn das unter den Theatergängern bekannt sein dürfte, überrascht und überwältigt es doch jedes Mal aufs Neue. Als Vandam lockt er die unterschiedlichsten Gefühle aus einem hervor, bis hin zu einem kribbelnden Angstgefühl, wenn er sich mit seinem aufwühlenden Monolog der Reihe nähert, in der man sitzt. Bravo!

Einfühlsam, zurückhaltend, aber mit großem Karacho. Ein gelungenes Erstlingswerk des Regisseurs Felix Sommer am Theater Aachen.

Nationalstraße
von Jaroslav Rudiš
Inszenierung und Bühne: Felix Sommer, 
Kostüme: Rabea Stadthaus
Seit November 2018 im mörgens

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