Melken McDowell


Illustration: Lynn Cosyn

„Er trinkt auch gerne schon mal ein Glas Milch“, meinte meine Mutter meiner damaligen Freundin mit auf den Weg geben zu müssen. Ein Lacher, der lange nachhallte, und ein Satz, der auch gerne zu meinem Leidwesen in geselligen Runden zitiert wurde. Mittlerweile ist diese Beziehung schon längst saure Sahne, und Milch bitte nur noch im Kaffee. Als Kind habe ich mal mit meinem Vater Urlaub auf einem Bauernhof gemacht. Unser Land- und Gastwirt brachte morgens immer ein Kännchen frisch gemolkene Milch zu uns an die Tür. Mein Vater war jedes Mal hellauf begeistert, trank ein Glas davon wie die heutigen Halbstarken ihren Energy Drink. Ich konnte damit nichts anfangen. Dieses euterwarme Gesöff erzeugte bei mir Brechreiz. Ich hatte immer Angst vor Schamhaaren in der Kanne. Etwas untypisch, da eigentlich jeder weiß, dass um das ganze Gebamsel keine Locken hängen. Ich habe sie dann abgekocht, den Rahm wie einen Skalp von der Oberfläche gezogen und vier bis fünf Esslöffel Kaba reingehauen. Mein Bruder erzählte mir mal, dass er als Kind nur Milch aus der Fabrik haben wollte. Nicht von Kühen. Auch ein Gedanke. Es gibt ja auch Leute, die Milch trinkende Menschen sowieso für pervers halten. Sie sei ja von vornherein nicht für den Menschen gedacht. Gut, das könnte man sich bei der gesamten Kuh auch denken. Sie lebt bestimmt nicht mit dem Wissen, irgendwann als Grillgut zu enden. Doch bleiben wir mal bei ihrem Erzeugnis. Kann sich denn überhaupt noch jemand an den Geschmack von Muttermilch erinnern? Also wirklich von unserer Mutti. Wenn ja, kriege ich jetzt rote Ohren. Ich habe zum Kindergarten schon Kakao mitgenommen. Der Durst auf Kuhmilch kam später. So mit 18 Jahren, meine ich. Ein Glas kalte Milch. Der Glaube an Kraft und Gesundheit. Ich war in vielen Dingen ein Spätentwickler. Mit 14 die erste nackte Frau im Fernsehen gesehen, mit 19 die erste Zigarette gehabt. Aber aus der Fabrik. Natürlich. Welchen Status hat Milch heute überhaupt? In Irland gibt es eine Kneipe, die dafür bekannt ist, den Gast hochkant vor die Tür zu setzen, falls er ein Glas Milch bestellen sollte. Wie unkuhl.

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