Es soll nicht wenige Menschen geben, die Platten nach dem Motiv auf der Hülle sammeln. Ich gehöre zwar nicht dazu, habe mich aber vom Heftthema dazu hinreißen lassen, die Probe aufs Exempel zu machen. Hier also mein kleiner Plattenkoffer zum Thema Milch.

Songs

Fangen wir mit den Songtiteln an. Der bekannteste dürfe „No Milk Today“ von Herman’s Hermits sein. Der Protagonist besingt im Text den an sich banalen Umstand, dass er ein Schild mit der Aufschrift „No Milk Today“ an der Haustür angebracht hat. Da er gerade von seiner Freundin verlassen wurde, benötigt er die übliche Ration eben nicht. Graham Keith Gouldman (10cc), der den Song schrieb, sah angeblich genau solch ein Schild an der Wohnung eines Freundes, was ihn auf die Idee für den Song brachte. „No Milk Today“ war 1966 weltweit ein Hit und entwickelte sich zu einem echten Evergreen.

Herman (Peter Noone) in einer niederländischen Molkerei, nachdem „No Milk Today“ mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde (1966)

An zweiter Stelle muss Dr. Feelgoods „Milk and Alcohol“ von 1979 genannt werden. Auch dieser Titel ist heute ob seiner Eingängigkeit noch vielen im Ohr. Neu war mir, dass sich Milch und Alkohol hier auf den Drink White Russian beziehen, der mir, ich gestehe es freimütig und ohne Scham, erst seit „The Big Lebowski“ ein Begriff ist. Nick Lowe, der den Song schrieb, verarbeitete im Text angeblich eine seiner Saufeskapaden.

Lang, sehr lang ist die Liste der Interpreten, die den Titel „Milk Cow Blues“ aufnahmen, und es macht Spaß, diesen Blues, der später zum Rock-’n’-Roll-Klassiker avancierte, durch die Jahrzehnte zu verfolgen. Er wurde 1930 zum ersten Mal aufgenommen, und zwar von Sleepy John Estes. 1933 folgte eine Version von Kokomo Arnold. Elvis Presley spielte 1954 eine Rockabillyfassung ein, und 1965 versuchten sich die Kinks erfolgreich auf „Kinks Kontroversy“ an dem Song. Schließlich, man kann es nicht anders sagen, rotzten ihn Aerosmith 1977 nochmal so richtig fett raus.

Bandnamen

Die Band Neutral Milk Hotel aus Louisiana hieß einst einfach nur Milk. Um nicht mit anderen verwechselt zu werden, gab man sich irgendwann diesen merkwürdig sperrigen und dennoch ganz selbstverständlich klingenden Namen. Die Band trägt aber nicht nur einen wunderbaren Namen, sondern hat auch 1998 mit „In the Aeroplane over the Sea“ ein Weltalbum veröffentlicht, das ich jedem hiermit ans Herz legen möchte, der es noch nicht kennt.
Harvey Milk heißen wie der erste offen schwule Politiker der USA, der sich als Bürgerrechtler vor allem für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzte. Milk wurde 1978 in San Francisco ermordet. Die Band, die seinen Namen trägt, existiert seit Anfang der 1990er Jahre und genießt einen gewissen Bekanntheitsgrad unter Noise-Rock-Fans.
Schon immer ziemlich lebendig unterwegs waren The Dead Milkmen, bis sie sich 1995 abrupt auflösten. Die US-Punks, die seit den frühen 80er Jahren am Start waren, hatten mit „Punk Rock Girl“ 1988 einen College-Radio-Hit und waren bekannt dafür, dass sie sich nicht nur über den musikalischen Mainstream, sondern auch über ihr Publikum und über sich selbst lustig machten. Seit ihrer Reinkarnation im Jahre 2008 touren sie wieder munter durch die USA.

Ein Band namens Korova Milk Bar kann man nicht auslassen, gemahnt doch der Name an jene Szene aus Anthony Burgess’ „A Clockwork Orange“, in der Alex sich mit seinen Kumpels in der Milchbar Korova trifft, um sich einen Moloko Plus reinzuzwitschern, den Milkshake mit dem gewissen Etwas. Die Herren präparieren sich dergestalt für die „ultraviolence“. Um etwas über die Band selbst zu erfahren, muss man tief graben, nur um dann so gut wie nichts zu finden.


In der Korova-Milchbar, Szene aus der Verfilmung von 
„A Clockwork Orange“

Let it flow – Plattenhüllen

Milch und Musik (= Sex), das schreit nach Klischees und die werden auch allenthalben in der Popkultur bedient. Wer sich alles, was es dazu heute zu sehen gibt, in knapp acht Minuten geben will, schaut sich die Musikvideos „M.I.L.F. $“ (2016) von Fergie und „Milkshake“ (2003) von Kelis an. Alles drin, alles dran. Ich hätte gedacht, dass das mit den Sauereien schon in den 1960er Jahren um sich gegriffen hätte, aber die scheinen insgesamt recht prüde gewesen zu sein. Da lässt sich (in den Charts) nichts Explizites finden. Dass sich das ändern würde, als mit Rap und Hip-Hop alle verbalen Schranken fielen, ist die nächste falsche Vermutung. Auch hier weit und breit kein Recordsleeve, das sich mit Milch und den diversen Implikationen beschäftigt. Der Produzent ICYTWAT bringt 2018 dafür umso unmissverständlicher auf den Punkt, worum es unterschwellig auch schon immer ging: Sperma.

„Milk“ von Produzent ICYTWAT. Den Sticker „Parental Advisory. Explicit Content“ hätte man sich hier getrost sparen können.

Während man ICYTWAT noch wegen seiner Kompromisslosigkeit feiern könnte, ist das letzte Beispiel in diesem Kapitel einfach nur mitleiderregend. Über das Cover des Debütalbums der lettischen Band Beat Milk Jugs sagt ein Rezensent, es sehe aus, als habe man Sid the Sexist aus der Serie „Viz“ engagiert, um ein Roxy-Music-Cover zu gestalten. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Drei gehen noch

Für das Cover der Single „What Difference Does It Make“ von The Smith wählte Morrissey ein Foto, das während des Drehs zum Film „The Collector“ entstand. Es zeigt den Hauptdarsteller Terence Stamp, der einen versiegelten Wattebausch mit Chloroform in der Hand hält. Stamp untersagte kurzzeitig die Verwendung des Bildes, sodass einige Pressungen mit einem Cover erschienen, das Morrissey selbst mit einem Glas Milch in der Hand zeigt. Stamp zog sein Veto später zurück, und die wenigen Platten mit der alternativen Hülle sind heute wertvolle Sammlerstücke.

Terence Stamp on location
Morrissey himself als Terence Stamp look-alike

Im Gegensatz zu Jeff Mangum von Neutral Milk Hotel zeigt sich Stuart Murdoch sehr auskunftsfreudig bezüglich des Covers von „Tigermilk“, der ersten Scheibe seiner Band Belle and Sebastian. Es zeigt seine damalige Freundin Joanne in der Badewanne. Das Paar trennte sich kurz nach der Veröffentlichung der Platte im Jahre 1996.

Hm, was denkst du, wenn du das Cover von „Walls“ siehst, dem 2016er-Release der Kings of Leon? Yep: „Hoffentlich ist das Milch.“ Ich glaube nicht, dass die Zweideutigkeit hier beabsichtigt war, aber wer weiß. Das Bemerkenswerteste ist, dass die vier Konterfeis wirklich modelliert wurden. Dass das Ganze ein Rip-off von „Byrdmaniax“ ist (The Byrds, 1971), lässt das Artwork wiederum etwas unoriginell erscheinen. Aber die Kings of Leon strotzen ja auch sonst nicht gerade vor Originalität.

Die Kings in klein
Die Byrds in irgendwie merkwürdig

„Mothers Milk“ (Red Hot Chili Peppers), „Safe as Milk“ (Captain Beefheart) und „Sour Milk Sea“, das es fast auf das „White Album“ der Beatles geschafft hätte, hätte ich auch gerne noch eingepackt. Hat aber leider alles nicht mehr gepasst.

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