Milchshakes, Eiscreme und kein Alkohol! Eine kleine Geschichte der Milchbars


„… we sat in the Korova Milkbar making up our rassoodocks what to do with the evening.“ (A Clockwork Orange)

Wer hat’s erfunden?

Die wahrscheinlich bekannteste Milchbar der Welt hat nie real existiert. Anthony 
Burgess hat sie für seinen Roman „A Clockwork Orange“, der 1962 erschien, erdacht. Zwar gibt es im New Yorker East Village eine Korova Milkbar, die sich an dem Look der Bar in Stanley Kubricks Verfilmung der Romanvorlage von 1971 orientiert, aber mehr als eine schlechte Imitation darf man hier nicht erwarten. Um auf Burgess zurückzukommen: Der war zwar Brite, hat aber seine Idee für die Milchbar Korova vermutlich aus den USA. Die Milchbars, die dort angeblich während der Prohibition als Tarnung für den Verkauf von Alkohol dienten, haben Burgess wohl zu seiner Version inspiriert, in der die Milchbar als Alibi dafür dient, Getränke an Jugendliche auszugeben. Die Geschichte ist eigentlich zu schön, um nicht wahr zu sein. Allerdings wurde die Prohibition bereits 1933, nur drei Jahre nachdem die Milchbar überhaupt erst erfunden wurde, wieder abgeschafft. Zudem stammen in den USA die frühesten Radiowerbungen, in denen Milchbars erwähnt werden, aus den 1940er Jahren. Relativ sicher ist, dass die Milchbar von einem Engländer, dessen Mittelname ironischerweise „Wiese“ bedeutet, erfunden wurde. James Meadow Charles eröffnete 1930 einen Laden namens Lake View Milk Bar, und zwar nicht in England und auch nicht in Amerika, sondern in der Stadt Bangalore in Indien. Er existiert dort heute noch. Charles verkaufte neben Milch und anderen Molkereiprodukten auch Dinge des täglichen Bedarfs, betrieb also eher einen Kramladen. Was allerdings alle Milchbars gemeinsam haben, ist, dass dort kein Alkohol verkauft wird.

Bar mleczny – Milchbars auf Polnisch

Von Indien aus verbreitete sich das Phänomen zunächst erst einmal nach England, wo es sich ziemlich schnell etablierte. Kurz darauf traten die Milchbars ihren Siegeszug in Australien an, wo sie zunächst ebenfalls als Gemischtwarenläden betrieben wurden. Später kamen aber auch dort Bars nach amerikanischem Vorbild in Mode. Möglicherweise muss die Geschichte der Milchbars aber auch noch einmal neu geschrieben werden, denn andere Quellen behaupten, dass ebendort, in Australien, ein griechischstämmiger US-Amerikaner namens Joachim Tavlaridis 1932 die erste Milchbar der Welt eröffnet haben soll. Das kommt mir allerdings etwas spanisch vor. Glaubhafter sind Berichte, nach denen ein polnischer Bauer bereits 1896 auf die Idee kam, in Warschau in einem Laden Milch und andere landwirtschaftliche Produkte, aber eben keinen Alkohol zu verkaufen. Er nannte sein Geschäft Bar mleczny (Milchbar). Nachdem Polen nach dem Ersten Weltkrieg seine Souveränität zurückerlangt hatte, entwickelten sich aus den Bar mleczny Restaurants, wo man einfache, landestypische Gerichte für wenig Geld bekam. Das Konzept fand im ganzen Land große Verbreitung und wurde später von den Kommunisten übernommen und sogar staatlich gefördert. Obwohl seit den 1980er Jahren die Zahl dieser Restaurants stark abgenommen hat und viele der noch verbliebenen wieder rein privat betrieben werden, gibt es noch einige subventionierte Betriebe. Man nennt sie die „echten Bar mleczny“ und man erkennt sie an den krummen Zahlen in den Nachkommastellen. Die merkwürdigen Preise kommen zustande, weil der Staat die Hälfte des Wareneinkaufs als Subvention zahlt. Geld, das man dann vom Endpreis wieder abzieht. Wer Polen bereist, sollte sich unbedingt nach einer Bar mleczny umsehen. Es gibt noch etwa 140 davon und die beste soll in Łódź sein.

Milchbars in beiden Teilen Deutschlands

In der ehemaligen DDR waren Milchbars ebenfalls verbreitet. Dort, wie auch in der Bundesrepublik Deutschland, waren sie in erster Linie Treffpunkt für Jugendliche. In Westdeutschland, wo der Milchbar-Boom in den 1950er Jahren einsetzte, orientierte man sich, ganz im Sinne der Coca-Cola-Doktrin, am amerikanischen Vorbild. Die Bars sahen aus wie Diner und die Jungs wie Elvis. In der DDR war weniger Lametta, aber die Milchbars trugen dazu bei, dem Arbeiter- und Bauernstaat einen Anstrich von Internationalität zu geben. Hier wie dort standen Milchmixgetränke, Eiskaffee und Speiseeis auf der Karte. Alkohol war natürlich tabu. In der BRD verschwanden die Milchbars ebenso schnell, wie sie gekommen waren, was möglicherweise auch auf die Verdrängung durch die Eisdielen zurückzuführen ist, die in den 1960er Jahren plötzlich en vogue waren. Sie nahmen den Rock ’n’ Roll und die Raupenbahn mit und verschwanden für lange Zeit in der Versenkung. Seit kurzem feiern sie ein kleines Comeback im Zuge der Retrobewegung.

Milchbars in und um Aachen

In Aachen ist dieser Teil der besagten Bewegung bisher noch nicht angekommen. In den 1950er Jahren scheint man da etwas flotter gewesen zu sein. 1953 war man ganz vorne mit dabei. Aachens erste Milchbar, der Milchbrunnen, öffnete ihre Pforten in der Peterstraße 36/38* (zwischen dem Kennedy Getränkeshop und einer Spielhalle befindet sich heute dort das syrische Restaurant Damas Tor). Der Spaß endete allerdings bereits 1957 schon wieder. Laut der Erinnerung eines Zeitzeugen, die er auf dem Blog unser-aachen.de veröffentlichte, wurde die Lokalität vom Jugendamt und von der Polizei wegen unsittlicher Umtriebe geschlossen. Tja, da mussten sich die Aachener Halbstarken wohl oder übel auf ihre aufgemotzten Mopeds und Roller schwingen und nach Düren oder in die Eifel fahren, um zu ihren Proteinen zu kommen. In Düren gab es noch 2016 den Plan, die alte Tradition im Heuss-Park, dem ehemaligen Standort einer Milchbar, wieder aufleben zu lassen. Ein gewagter Neubau sollte es werden, doch die Pläne liegen mittlerweile wieder in der Schublade. In Nideggen erinnert immerhin noch der Name einer Bushaltestelle an die ehemalige Milchbar, denn die heißt tatsächlich einfach „Milchbar“. Sie befindet sich direkt am heutigen (und damaligen) Café Hallmanns, dessen Besitzer seinerzeit auf den Trend aufgesprungen war. Immerhin hat sich das Hallmanns als normales Café gehalten, wohingegen von der Milchbar Heimbach und einer Milchbar an der Rurtalsperre, die es auch mal gab, heute jede Spur fehlt.

Der Missing Link? Delzepich Eis

Wann genau das Milch- und Speiseeis-Geschäft Delzepich in der Bismarckstraße 197 eröffnete, ist nicht ganz klar. Aachens kultigster Eisverkäufer, Willi Delzepich (1934-2006), muss es wohl seit den späten 1950er Jahren betrieben haben und hat es möglicherweise bereits von seinem Vater übernommen. Es ist bekannt, dass man dort noch in den 1970er Jahren frische, von Hand abgefüllte Milch kaufen konnte. Zu Willi Delzepichs Lebzeiten bestand die Ausstattung lediglich aus einer Verkaufstheke. Sitzen konnte man dort nicht. Der Laden könnte tatsächlich so etwas wie der Missing Link zwischen den Milchbüdchen der Vorkriegszeit, zu denen Birgit Franchy recherchiert hat (siehe Seite 4/5, „Das Milchbüdchen, Anna Braun-Sittarz und der Widerstand“), und den Milchbars der 1950er Jahre sein. Von 1996 bis 2006 wurde der Laden vom ehemaligen Profiboxer Mario Guedes betrieben, zu dem Willi Delzepich ein väterliches Verhältnis hatte. Danach wurde Franz-Josef Portz Inhaber des Traditionsgeschäfts, das immer noch Delzepich heißt und in dem immer noch streng nach Willi Delzepichs Rezeptur produziert wird. 2015 wurde moderat expandiert. Das Geschäft befindet sich seitdem um die Ecke am Adalbertsteinweg 236.

* Quelle: Aachener Stadtchronik

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