„Milch macht müde Männer munter“ sagt der Werbesolgan zwar, doch im Kino bedienen sich echte Helden meist eines Getränks wieMartini, Bier und Whisky. Dies hat einen einfachen Grund. Mit erwachsenen Männern, die Milch trinken, ist etwas im Argen. Eine gewagte These? Dann bestellen Sie das nächste Mal in einem öffentlichen Ausschank ein Glas des kühlen Weiß – das erfordert wahren Heldenmut. Woran liegt das? Milch ist die erste Nahrung des Menschen. Der Eutersaft steht für Jugend und Unschuld. Wenn Männer im Kino Milch trinken, dann nicht, um munter zu werden, sondern weil die Filmschaffenden eine Disparität aufzeigen wollen. In „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1955) stürzt James Dean die Milch direkt aus der Flasche in großen Zügen hinunter. Zuvor war er Teilnehmer einer Mutprobe mit tödlichem Ausgang. Der Aufbegehrende schluckt erst die harte Realität, dann fällt er ins Knabenhafte zurück, rollt die kühle Flasche Milch über sein Gesicht, als wolle er sich zurück an den mütterlichen Busen drücken. Ähnliche Symbolik gibt es auch in „Léon – Der Profi“ (1994), dem eiskalten Killer mit kindlichem Gemüt, aber reinem Herzen – und fanatischen Milchtrinker. Auch der Dude aus „The Big Lebowski“ (1998) ist moralisch auf der guten Seite, selbst wenn er gleich zu Beginn des Films vor dem Bezahlvorgang aus der Tüte trinkt und dann auch noch mit einem Scheck bezahlt.

Wer den weißen Saft trinkt, ist also immer auf der guten Seite? Nicht zwangsläufig: Zu Anfang von „Inglourious Basterds“ (2012) fordert der SS-Standartenführer Hans Landa ein Glas Milch von einem französischen Bauern, der eine jüdische Familie bei sich versteckt hält. Der Bauer gibt nicht nur sein Erzeugnis, sondern auch seine moralische Unschuld preis, indem er Christoph Waltz das Versteck verraten wird. Dieser verschlingt das Glas, ohne auch nur einmal abzusetzen.

Der Auftragskiller (Javier Bardem) aus „No Country for Old Men“ (2007) hält im Wohnwagen seiner Zielperson inne, als er feststellen muss, dass diese bereits vor ihm getürmt ist. Statt die unmittelbare Verfolgung aufzunehmen, bedient er sich in aller Ruhe am Kühlschrank seines zukünftigen Opfers in der Gewissheit, dass der Unglückliche sein Schicksal nur vertagt hat. Wenig später inspiziert die Polizei den Caravan und findet nur noch die auf dem Wohnzimmertisch stehende Milchflasche vor. Die Flasche schwitzt von außen, der Killer muss gerade erst gegangen sein. „Sollen wir das über Funk durchgeben?“, fragt ein unerfahrener Gesetzeshüter. „Und was sagen wir durch? Dass wir einen Mann suchen, der kürzlich Milch getrunken hat?“, antwortet der altersweise Tommy Lee Jones. Verdächtig machen sich Männer, die Milch trinken, jedenfalls immer.

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