büro komplex – Die Kunst der Artothek im politischen Raum


70 Jahre Fördersammlung des Landes Nordrhein-Westfalen

Kornelimünster. Die Gemeinde, in der dir die Luft aus den Fahrradreifen gelassen wird, wenn du es unvorsichtigerweise abstellst, wo es nach Ansicht von irgendjemand nicht hingehört. Ein Zustand innerer Leere und Verstörtheit stellt sich umgehend beim Anblick des historischen Ortskerns ein, wo sich einem angesichts der aufs philiströseste herausgeputzten Fassaden eine solche Schwermut auf die Seele legt, dass man sich am liebsten umgehend in der Inde ertränken möchte. Man kann daher nur dazu raten, für die Anfahrt die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und von der Bushaltestelle am Napoleonsberg aus die Treppe zu nehmen, die von dort zum Fluss hinabführt. Von hier aus, wo auch der Eifelsteig beginnt, sind es nur ein paar hundert Stufen bis ins Tal. Jenseits einer kleinen Brücke erreicht man unmittelbar die Zufahrt zur ehemaligen Reichsabtei, in der sich heute das Kunsthaus NRW befindet. So bleibt einem wenigstens das Ärgste erspart.

Das Kunsthaus NRW spielt in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands insofern eine wichtige Rolle, als es eine Sammlung zeitgenössischer Kunst verwaltet, der nicht nur eine kunsthistorische, sondern vor allem auch eine politische Bedeutung zukommt. Zwei Jahre nach der Gründung Nordrhein-Westfalens, kurz nach der Währungsreform 1948, wurde der Ankauf der ersten etwa 200 Werke aus einem Förderprogramm finanziert. Ziel war die Unterstützung jener Künstler, die in der NS-Zeit mit einem Ausstellungsverbot belegt worden waren, sowie junger Künstler. Voraussetzung für den Ankauf war und ist, dass die Künstler einen Bezug zum Bundesland haben. Im Gegensatz zu ähnlichen Programmen in anderen Regionen wurde das Förderprogramm seither jährlich neu aufgelegt. So verfügt das Kunsthaus heute über einen Bestand von rund 4.000 Objekten. Dieser wird der Öffentlichkeit anhand wechselnder Ausstellungen zugänglich gemacht. 1.300 Objekte befinden sich momentan im sogenannten Leihverkehr. Das Kunsthaus betreibt eine Artothek für die jeweilige Landesregierung. Diese darf aus dem Sammlungsbestand Kunstwerke für ihre Foyers, Besprechungsräume oder auch Büros entleihen.

Den letztgenannten Aspekt nimmt das Haus zum Anlass, die 70-jährige Geschichte der Sammlung in einem eigens erdachten Ausstellungskonzept zu präsentieren. „büro komplex – Die Kunst der Artothek im politischen Raum“ ist ein Rundgang durch sieben Jahrzehnte Kunstgeschichte, aber auch durch sieben Jahrzehnte einer sehr speziellen Kunstrezeption. Zu sagen, dass hier das Verhältnis von Kunst und (politischer) Macht grundlegend erörtert würde, wäre zu weit gesprungen. Der in Etappen angelegte Rundgang führt durch spartanisch nachgestellte Ensembles, die repräsentativ für ein bestimmtes Jahrzehnt waren, und es werden lose Bezüge hergestellt. Das genügt, um zu verstehen, dass die Verbindung von progressiver, manchmal auch provokanter Kunst und administrativem Alltag in der Politik nicht immer eine entspannte war und ist.

Neuerdings wird auch der Nordflügel der Abtei für Ausstellungen genutzt. Dort holte mich unvermittelt ein merkwürdiger Gedanke ein. Vielleicht war es die emotionale und eindringliche Einführungsrede von Museumsleiter Marcel Schumacher. Vielleicht der lange Flur, mit den davon abgehenden Zimmern, die mir wie Zellen erschienen. Vielleicht ein Hinweis in einem der vorherigen Räume im Erdgeschoss, in dem es sinngemäß hieß, dass die systematische Vernichtung der Juden durch die Nazis ohne die reibungslos arbeitende Maschinerie der Behörden nicht möglich gewesen wäre. Oder vielleicht das Gespräch, in dem mir jemand erzählte, dass in den 1950er Jahren und auch später noch viele Angestellte von Ministerien und möglicherweise auch einige Politiker, die ihre Arbeit in neuen Kleidern, aber mit altem Muff in den Köpfen fortsetzten, der Moderne gegenüber extrem kritisch eingestellt waren. Der Gedanke jedenfalls war dieser: Diese Sammlung erfüllt, ganz unprätentiös und nahezu im Verborgenen, eine sehr wichtige Funktion. Sie zeigt uns, dass man die Freiheit der Kunst bedingungslos fördern und einfordern muss, solange man noch die Möglichkeit dazu hat.

Draußen wurde es langsam dunkel. Auf dem Rückweg nahm ich wieder die Treppe.

büro komplex – Die Kunst der Artothek im politischen Raum
noch bis 28.04.2019
Kunsthaus NRW

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