Pioniere der Videokunst im LUFO

Am 8. November wurde eine „leise“ Ausstellung im Ludwig Forum für Internationale Kunst eröffnet. „Videoarchiv 04“ präsentiert eine Auswahl von Videoarbeiten belgischer Künstler und setzt die Ausstellungsreihe fort, die sich bereits in der Vergangenheit mit Aspekten des Genres beschäftigte und dabei aus dem Sammlungsbestand schöpfte. Sie markiert gleichzeitig den Abschluss des großzügig von der VolkswagenStiftung unterstützten wissenschaftlichen Forschungsprojekts zum Sammlungsschwerpunkt Videokunst. Das Ergebnis kann an einem Sichtungsplatz in der Ausstellung für die Dauer derselben eingesehen werden, der danach dauerhaft in der Bibliothek des LUFO platziert werden wird. Darüber hinaus wurde eigens eine Webseite zum Projekt eingerichtet.

Die Ausstellung

Aus rund 20 Arbeiten belgischer Künstler, die sich in der Sammlung befinden, wurden sieben ausgewählt, welche exemplarisch die Annäherung an das in den 1970er Jahren neue Medium zeigen. Die Auseinandersetzung mit den tradierten Formen der Kunst, insbesondere der Malerei, ist ein offensichtliches Anliegen. Erste Experimente mit den reflektiven Eigenschaften des Mediums werden unternommen. Beispielsweise filmen sich die Künstler selbst und dann auch wieder das Ergebnis dieser ersten Aufzeichnung (Closed Circuit). Die Arbeiten loten die technischen Möglichkeiten aus und überführen sie zugleich in eine spezifische Ästhetik. Eigen und möglicherweise eine regionale Besonderheit ist die humorvolle Selbstinszenierung in den gezeigten Arbeiten. Durchaus ein Bonus, wenn man bei Videokunst an so manche nicht enden wollende Videoarbeit denkt, zu der sich der Künstler mutmaßlich durch die neuen, kostengünstigen Aufzeichnungsmöglichkeiten hinreißen ließ.

Das Videoarchiv

Das Resultat fünfjähriger Forschungsarbeit ist das sogenannte Videoarchiv. Neben 197 Originalbändern besteht es aus den digitalen Kopien und der wissenschaftlichen Dokumentation. Ursächlich entstanden war die „Sammlung in der Sammlung“ vorrangig durch die Initiative von Wolfgang Becker, Gründungsdirektor der Neuen Galerie (später Neue Galerie – Sammlung Ludwig). Während die Arbeiten dort in den 1970er und frühen 1980er Jahren noch mehr oder weniger regelmäßig gezeigt wurden, verschwanden sie spätestens im Archiv, als die Neue Galerie 1991 in das Ludwig Forum an der Jülicher Straße überführt wurde. Erst rund 20 Jahre später wurde das Projekt Videoarchiv durch das Engagement von Brigitte Franzen, Direktorin des LUFO von 2009 bis 2015, angestoßen und mit der Aufarbeitung des Bestandes begonnen.

Dass Becker bereits zu Beginn der 1970er Jahre, mit Zustimmung des Sammlers Ludwig, aber ohne nennenswertes Budget, in die Videokunst investierte, kann heute als großer Glücksfall betrachtet werden. Eigentlich als ein Teil der Öffentlichkeitsarbeit und als Publikumsmagnet gedacht, sammelte Becker en passant ein Whoʼs who der damaligen Videokunstszene zusammen, mit der er bestens vertraut war. Becker pflegte einen intensiven Austausch mit deutschen Videokünstlern der ersten Stunde (Wolf Vostell, Ulrike Rosenbach oder dem Aachener Franz Buchholz), mit Amerikanern wie Nam June Paik, Bruce Nauman, Nan Hoover und Douglas Davis oder mit unseren im obigen Absatz erwähnten belgischen Nachbarn. In der Sektion Interviews auf der Webseite nimmt er in einem Video ausführlich Stellung zur Entstehungsgeschichte der Sammlung.
Die Originalbänder stellen heute ein weltweit einzigartiges Konvolut dar. Das Videoarchiv macht es in digitalisierter Form nicht nur für das Aachener Publikum allumfänglich zugänglich, sondern ist auch die Grundlage für weitere wissenschaftliche Arbeiten zum Thema sowie eine wertvolle Ressource, beispielsweise im Kontext anderer Ausstellungen der hier vertretenen Künstler.

Die Webseite

Unter videoarchiv-ludwigforum.de findet man ab sofort einen Überblick über das Projekt. Ausschnitte aus 30 Arbeiten geben einen ersten Eindruck des Archivs. Eine Timeline (The Video Archive in Context) und die bereits erwähnte Sektion mit Interviews stellen die Sammlung in einen historischen Rahmen. Die Webseite, die durch eine elegante, funktionale Anmutung besticht, ist als offenes Format konzipiert. Denkbar ist, dass in Zukunft weitere Inhalte ergänzt werden. Die Seite ist ausschließlich in englischer Sprache verfügbar und soll das Archiv nicht ersetzen. Sie repräsentiert es – und das durchaus beeindruckend – nach außen. Wer das Archiv in Gänze einsehen und beispielsweise wissenschaftlich damit arbeiten will, muss also nach Aachen kommen.

Videoarchiv 04: Die Belgier. Les images immatérielles
noch bis 24.03.2019
Ludwig Forum für Internationale Kunst

Nachtrag: Wenn ich oben von einer leisen Ausstellung sprach, dann tat ich das auch im Hinblick auf die „laute“ Ausstellung, die momentan parallel und noch bis zum 10.03.2019 läuft: „Die Erfindung der Neuen Wilden. Malerei und Subkultur um 1980“. Am 13. Dezember zeigt das LUFO im Rahmenprogramm den Film „B-MOVIE: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989“. Nicht nur in Köln, Düsseldorf und dem Pott ging in den 1980er Jahren der Zeitgeist um, der die Neuen Wilden hervorbrachte, sondern auch in Berlin tobte man sich vor dem Mauerfall heftig aus. Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange lassen in ihrem semidokumentarischen Feature die Zeit mittels bis dahin ungesehenen Materials auferstehen. Der Spaß beginnt um 18:00 Uhr.

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