Die Milch ist nicht nur ein unverwüstlicher Klassiker – schon Kleopatra badete gerne darin –, sondern auch ein äußerst vielseitiges Produkt, denn in Form und Geschmack ist sie sehr variabel, was jeder weiß, der schon einmal eine Packung Vollmilch drei Wochen nach Ablaufdatum geöffnet hat. Unbestritten ist sie auch ein gewichtiger wirtschaftlicher Faktor. Was würde die Schweiz ohne Milch und damit ohne Käse und Schokolade machen? Das Bruttoinlandsprodukt der Eidgenossen läge vermutlich knapp hinter dem von Grönland. Und die Landschaft erst mal, so ganz ohne Kühe. Ziemlich trist. 
Ihre wahren Stärken spielt die Milch aber weder im Müsli noch im Kaffee oder Banksafe aus, sondern in den erhabenen Weiten der Kultur. Die MOVIE, das Fachmagazin für Laktosetoleranz, hat einen kleinen Kanon lesens-, hörens- und sehenswerter Werke mit Milchbezug zusammengestellt.

Philosophie und Molke

Prolog: Wer den Einfluss der Milch auf Kultur und Geisteswissenschaften verstehen will, muss zurück bis ins antike Griechenland. Das legendäre philosophische Streitgespräch über Wesen und Sein in der Welt zwischen Aristoteles und seinem Lehrer Platon gilt als Urknall des Existentialismus: „Warum so sauer, mein Meister?“ – Alles Seiende ist Käse!“ 
Camus hat das rund zweieinhalb Jahrtausende später aufgegriffen und konnte sich Sisyphos, der sich täglich vergeblich bemüht, eine Rolle Appenzeller auf den Gipfel des Matterhorns zu schleppen, als einen glücklichen Menschen vorstellen. Auch Kant, Hegel und Voltaire hatten zu dem Thema etwas zu sagen, natürlich auch Theodor W. Adorno („Es gibt kein richtiges Lab im falschen“). Und Psychoanalytiker Sigmund Freud bezeichnete die Ursache zwischenmenschlicher Konflikte treffend als „Butterkomplex“.

Kunst und Literatur

Legendär ist das Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren, „Schlaraffenland“, in dem drei Personen ermattet, aber glücklich nach dem Genuss einer Extraportion Milch auf einer Wiese in Brabant chillen. Weithin unbekannt ist der damalige Auftraggeber dieses Meisterwerks der flämischen Doppelrahmmalerei, es war der Verband der milchverarbeitenden Agrarindustrie in Breda. Geschickt.
Einige Jahrzehnte später gelangte im englischen Stratford-upon-Avon ein gewisser William Shakespeare zu Ruhm durch seine Theaterstücke, die noch heute auf den Bühnen der Welt gespielt werden: „Ein Sommernachtsbrie“, „Der Milchmann von Venedig“ oder „Zwei Joghurt aus Verona“. Ebenso beliebt sind seine Sonette, hier sein vermutlich bekanntestes: „Shall I compare thee to a summer’s day? Thou taste more lovely than a Milky Way.“ Shakespeare war bekannt für seine exzessive Vorliebe für Kondensmilch, die er in seinem Stammpub am Globe in rauen Mengen orderte und die ihn zu literarischen Höhenflügen antrieb.

Hierzulande war Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe, ein nicht minder passionierter Milchfan, auch nicht gerade untätig. Vor allem seine Gedichte sind wahre Liebeserklärungen an Molkereiprodukte: „Der Quarkkönig“, „Parmesan und Ricotta“ und „West-östlicher Edamer“ interpretieren heute noch Schüler von Kiel bis Konstanz gerne im Unterricht. Auch sein Buddy Friedrich Schiller veröffentlichte mit „Don Kalbos“ ein wegweisendes Drama über die Milchwirtschaft im Jahre 1787.

Milch im Film

Glamour und Gouda – es war nur eine Frage der Zeit, bis das Thema Milch auch auf der Leinwand auftauchte. Vor allem im Hollywood der Film-Noir-Ära entstanden wegweisende Kinoklassiker wie „Kühe schlafen fest“ („The Big Cow“), „Die Nacht hat tausend Fettaugen“ oder „Käsablanca“. In den 50er Jahren waren es dann vor allem B-Movie-Regisseure wie Jack Arnolds, die das Genre bedienten. Wer kennt nicht „Milk from Outer Space“, „Angriff der Killer-Melkmaschinen“ oder „The Thing from Cream Island“? Auch Hitchcock erkannte den Suspense-Faktor der Milch und drehte 1954 mit „Das Fenster zum Bauernhof“ ein Highlight seiner an Höhepunkten nicht gerade armen Karriere. James Stewart spielt hier den durch einen Beinbruch ans Haus gefesselten Reporter, der mit seinem Teleobjektiv eine junge Magd beim Melken beobachtet.

In den 60ern waren Agatha-Christie-Verfilmungen von Miss Marple populär. Erst kürzlich wurde ein bislang verschollen geglaubter fünfter Teil der Reihe wiederentdeckt und restauriert. In „16:50 ab Leerdam“ sind Jane Marple und Mr. Stringer einem international operierenden Käseschmuggelring auf der Spur. Ein Kritiker des Guardian bemängelte allerdings die fehlende Reife des Films und fand ihn „ein wenig cheesy“.
Die Science-Fiction- und Katastrophen-Blockbuster der 70er sind ohne Milchprodukte ebenso wenig vorstellbar. In allen Best-of-Filmlisten taucht regelmäßig „Der weiße Brei“ von Steven Spielberg auf, ein Thriller über einen verkochten Milchreis, dem aufgrund des großen Erfolgs zwei weitere Fortsetzungen folgten. Und auch das Autorenkino kann Milch, wie Wim Wenders 1987 mit „Der Schimmel über Berlin“ beweist. In diesem in prachtvollen Bildern erzählten Epos eröffnet Eduard Engel, gespielt von Bruno Ganz, auf der Dachterrasse eines Lofts in Friedrichshain eine kleine Manufaktur mit französischem Edelkäse.

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