Weihnachten 2018 im Hambacher Forst

Hambacher Forst Weihnachten

Hambacher Forst | Birgit Franchy

In den letzten Tagen machte der Hambacher Forst wieder von sich reden. Die Polizei Aachen meldete am 22.12. einen Verletzten nach Steinebewurf, Zwillenbeschuss, brennende Barrikade und schwerer Landfriedensbruch durch eine vermummte Personengruppe. Ziel des Angriffs war der RWE-Gerätestützpunkt am Hambacher Forst. An Heiligabend und im Verlauf der Nacht zum 1. Weihnachtsfeiertag kam es laut Polizeibericht im Bereich des Hambacher Forsts erneut zu mehreren Straftaten durch bislang Unbekannte. Gemeldet wurde ein Angriff auf das Sicherheitscamp mit Molotowcocktails und Steinen, dadurch gerieten zwei Fahrzeuge in Brand. Die angreifende Personengruppe flüchtete anschließend unerkannt in den Wald.

Im Netz entbrannten daraufhin heftige Diskussionen, die sich teils gegen Presse und Polizei richteten – vermutet wurden Fakenews oder fingierte Angriffe, initiiert, um die Aktivisten zu diskreditieren.
Ein Grund, noch mal zum Hambacher Forst zu fahren und sich die Lage vor Ort anzuschauen. Zuletzt war ich im September bei den Räumungen vor Ort und verfolge die Entwicklung dort seit mehreren Jahren.

Bei strahlenden Wetter treffe ich am Forst ein. An der Straße parken einige Autos, vor allem in Nähe der Mahnwache. Spaziergänger und Sympathisanten würden also unterwegs sein. Hinter der Mahnwache geht es links in den Wald rein, bis zur ehemaligen A4-Trasse. Diesmal ist keine Polizei vor Ort, Ausweis zeigen also nicht nötig. Nach links entlang der Trasse fahren ist schon schnell nicht möglich; ich komme an eine Straßensperre aus Holz und lasse das Auto stehen. Schon auf dem Weg habe ich am Straßenrand Reste von Bränden bemerkt und bin über eine kleine erloschene Brandschneise gefahren. Erinnert mich an die Zeit fast genau vor einem Jahr – Ende Dezember 2017 –, als ich an gleicher Stelle auf vermummte Personen mit Spitzhacken gestoßen war, die gerade die Straße aufhackten und Feuer legten. Lust auf eine Unterhaltung oder darauf fotografiert zu werden hatten sie damals nicht, ich verließ den Ort des Geschehens nach einem kurzen Wortwechsel wieder.

Zu Fuß laufe ich heute am Wald entlang, etwas absurd wirkte dabei auf mich, dass ich sicher 10 bis 15 Minuten lang von einem Hubschrauber begleitet werde, der neben mir herfliegt. Außer dem lauten Brummen ist nichts zu hören. Als der Hubschrauber sich entfernt, sind Geräusche aus dem Wald zu vernehmen, ganz offensichtlich wird mit Holz gearbeitet.


Erste Spaziergänger begegnen mir, ein Familienausflug. Die Menschen unterhalten sich auf Französich. Tiefer im Forst stoße ich immer wieder auf Grüppchen von vermummten Waldschützern, alle im Alter von jugendlich bis junge Erwachsene. Lust auf Plaudereien haben sie nicht. Fragen werde vage beantwortet, dann geht es weiter zur Arbeit. Bei zwei Baumhaus- und Zeltcamps ist gerade niemand vor Ort. Überrascht war ich davon, wie schnell wieder einige Baumhäuser von stattlicher Größe und in stattlicher Höhe entstanden sind. Die millionenverschlingende Räumungsaktion im September wirkt vor diesem Hintergrund als noch sinnlosere und absurdere Fehlentscheidung.

Ich streife weiter durch den Wald, komme zu einer Siedlung mit einem riesigen Baumhaus und einer beeindruckenden Konstruktion in 20 Metern Höhe. Am Boden zudem eine tippiähnliche Behausung, hier brennt ein Feuer. Ein junger Mann plaudert gerade mit einem Ehepaar Mitte 50, das zu Besuch vorbeischaut, putzt sich dabei die Zähne. Ich gebe mich als Presse zu erkennen, er beantwortet bereitwillig die Fragen zu den Geschehnissen um Weihnachten. So hätten die Waldbewohner in den meisten Fällen nur den Hubschrauber wahrgenommen, der über dem Wald kreiste. Darüber, ob Gewalt ein angebrachtes Mittel des Widerstandes sei, herrsche Uneinigkeit unter den Aktivisten, erzählt er. Im Wald seien die unterschiedlichsten Gruppierungen unterwegs, die keineswegs alle der gleichen Meinung seien. So passte es einigen ganz gut in den Kram, immer wieder durch Aktionen deutlich zu machen, dass man gewaltbereit sei, denn das würde schließlich RWE-Security und Polizisten davon abhalten, in kleinen Gruppen in den Wald zu gehen. Die Anderen hingegen würden Gewalt ablehnen und sich Sorgen um das Image der Aktivisten machen.
Während er erzählt, hüpft ein Rotkehlchen um ihn herum, es wohne hier seit sicher einem Monat, streut er ein. Ein Kind ist auch im Camp, zu wem es gehört ist nicht zu erkennen. Ganz selbstverständlich klettert es die Leiter zu dem großen Baumhaus in mehreren Metern Höhe hinauf. Ja, Kinder seien auch im Camp, wo Menschen seien, seien schließlich auch Kinder. Ob er nicht mit der Familie Weihnachten feiern würde, frage ich. Die meisten Menschen im Wald würden Weihnachten als Fest des Konsums ablehnen, wirft er ein. Seine Familie würde ihn in seinem Anliegen unterstützen. Dennoch würden alle Bewohner im Wald mitbekommen, dass Weihnachten sei, schon alleine wegen der Unmengen als Schokoweihnachtsmännern, die sie geschenkt bekommen würden.

Ich verabschiede mich. Ein kleines, makaberes Detail wird mir noch erklärt: ein ausgehobenes Grab mit einem Holzkreuz. Daran das Wort „Dirk“, – gemünzt auf Dirk Weinsbach, Polizeipräsident und zuständig für die Koordination des Polizeieinsatzes.


Gemeinsam mit dem Ehepaar gehe ich zurück in Richtung Straße durch den Wald. Sie kommen seit Oktober regelmäßig in den Wald, seit sie durch die vielen Presseberichte aufmerksam geworden sind. Vorher hatten sie zwar in der Nähe gewohnt, waren aber nie im Forst. Nun wollen mir noch das andere Waldstück jeseits der Straße im Wald zeigen, das inzwischen auch besetzt ist. Es wirkt, als habe der Polizeieinsatz im Herbst das Gegenteil dessen bewirkt, was geplant war – inzwischen sind mehr Camps entstanden als vorher.


Da ich schon ein paar Stunden unterwegs bin verabschiede ich mich und hole mein Auto. Trotzdem fahre ich noch zum neuen Camp und werfe einen Blick auf die Baumhäuser. An der Straße treffe ich zwei junge Männer. Raphael* kommt aus Köln, Tim* ist ein Student aus einer Stadt in der Nähe. Die beiden sind ebenfalls im Herbst auf die Proteste aufmerksam geworden und erstmals für ein paar Wochen hier gewesen. Da sie beide keine Familie haben, haben sie sich über die Weihnachtstage hierher begeben, um nicht alleine zu sein und haben sich zufällig wiedergetroffen. Ich nehme sie im Auto mit. Tim möchte nach Manheim, er hat gehört, dass in dem verlassenen Ort in einem Haus noch Jackets in einem Schrank hängen und möchte sich eins holen. Wenn er zum Forst kommt, schläft er in verlassenen Häusern, berichtet er. Schlechte Erfahrung hat er dabei noch keine gemacht. Er erzählt von einer Begebenheit, wo Polizisten ihn dabei erwischt hätten, als er in ein Haus einstieg. Sie hätten ihm dann erlaubt dort zu übernachten und ihn sogar noch davor gewarnt, dass manchmal Menschen dort Scheiben einwerfen. Am nächsten Morgen hätten sie ihn geweckt. Über die ganze Protestbewegung mache er sich sein eigenes Bild, sagt er. Auch dort würden Menschen manchmal streiten oder sich bewusst provozieren, keineswegs ziehen alle an einem Strang, ist seine Beobachtung.
Ihm selber geht die Bewegung oft nicht weit genug. Er stellt sich mehr Verzicht vor, vorallem auf Strom; weniger Handys, weniger geschenkte Güter aus der kapitalistischen Gesellschaft, von der in seinen Augen auch die Protestler sehr profitieren, beispielsweise als letztens eine LKW-Ladung kleiner Dosen mit veganem Aufstrich angeliefert wurde. Dennoch genießt er die Gesellschaft zu Weihnachten und kommt gerne hinzu um dabei zu sein – mit dem Rad versteht sich.
Raphael haben wir unterwegs abgesetzt. Vielleicht hat er es für den heutigen Tag am besten auf den Punkt gebracht. „Idioten gibt es auf allen Seiten“, ist sein Fazit zu der Aktion an Weihnachten und er meint damit sowohl die Braunkohle-Gegner, als auch die Beführworter. Viel zu oft würde alles an der Kommunikation scheitern und er würde immer wieder Diskussionen führen und an alle appelieren, nicht so hart auf dem eigenen Standpunkt zu beharren und sich zu bekämpfen. Schließlich läge das was alle wollten in der Sache doch gar nicht so weit auseinander: eine lebenswerte Welt.

*Namen geändert

Stellungnahme der Aktivisten:
https://hambacherforst.org

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