Legende Harald Szeemann – Kunsthalle Düsseldorf zeigt Arbeit eines Besessenen


Ha­rald Szee­mann. Mu­se­um der Ob­ses­sio­nen | Foto: Birgit Franchy

Harald Szeemann war ein Besessener – besessen von Ideen und von der Suche nach unbekannten Künstlern, von denen er sicher war, dass sie das Potential hätten, etwas Ungewohntes, Neues, Bahnbrechendes zu bieten. Alles was er auf der Suche zusammentrug, gab der obsessive Sammler nicht mehr aus den Händen. Auf 2.700 Quadratmetern archivierte er seine Arbeits- und Recherchematerialien. Als das Getty Research Institute seinen Nachlass übernahm, gab es 600 Regalmeter Material. Sieben Jahre sollte ein mehrköpfiges Team brauchen, um alles zu sichten, was Szeemann zusammengetragen hatte.
Der 1933 in der Schweiz geborene Harald Szeemann zeigte schon als Schüler eine ausgeprägte Begabung. Seine Schulhefte sind wahre Kunstwerke, er zeichnete fremde Länder, in die er einmal reisen wollte – was er später auch exessiv tat, immer auf der Suche nach neuen Talenten.
1961 bis 1969 leitete Szeemann die Kunsthalle Bern und initiierte viele bekannte Ausstellungen – zum 50-Jahr-Jubiläum der Kunsthalle Bern inszenierte er ein Kunsthappening mit internationalen Künstlern. Christo rückte bei dieser Gelegenheit ins Visier der Öffentlichkeit: die 1968 verpackte Kunsthalle war sein erstes verpacktes Gebäude.

1968 wurde die große PR-Agentur Ruder Finn auf Szeemann aufmerksam. Gemeinsam mit dem Tabakkonzern Philip Morris stellten sie Szeemann 150.000 Dollar zur Verfügung, um eine Ausstellung mit aktueller Kunst zu realisieren. Szeemann holte später weltbekannte Künstler nach Bern – die Fettecke von Beuys ist eins der Werke, die für die Ausstellung entstanden.
Als Szeemann plante, Beuys im Anschluss eine Einzelausstellung zu widmen und sein Plan verworfen wurde, kam es zum Bruch mit dem Museeum. Szeemann kündigte und arbeitete fortan als selbstständiger Kurator unter dem Label „Agentur für geistige Gastarbeit“.
Er sollte rund 200 Ausstellungen kuratieren, unter anderem die „do­cu­men­ta 5“ in Kas­sel 1972, die als die bislang wichtigste documenta gilt.

Szeemann lässt keine Pause ungenutzt. Seiner Mutter bereitet das mitunter Sorgen, denn genauso exessiv wie er arbeitet, spricht er auch dem Tabak und dem Wiskey zu, wie ein Brief belegt. Die nächste Arbeitspause nutzt Szeemann jedenfalls, um die Ausstellung „Großva­ter: Ein Pio­nier wie wir“ (1974) in seiner Berner Privatwohnung zu inszenieren. Eti­en­ne Szee­mann (1873-1971) vollbrachte Pio­nier­leis­tun­gen in der Fri­sör­bran­che. Der Enkel (dem vorgeworfen wurde, zu Lebzeiten nicht so viel Interesse am Großvater gezeigt zu haben) trug un­glaub­li­che Men­gen an Original-Ob­jek­ten zusammen bis hin zum ausgestopften Hund der Familie (das Ausstellungsstück in der Düsseldorfer Ausstellungen stammt allerdings – man mag es kaum glauben – aus dem 3D-Drucker).

In Bern wurde die Großva­ter-Ausstellung vom 9. Ju­ni bis zum 2. Sep­tem­ber 2018 am glei­chen Ort wie­der ge­zeigt wäh­rend die Kunst­hal­le Bern im sel­ben Zeit­raum die Schau „Mu­se­um der Ob­ses­sio­nen“ prä­sen­tierte.
Die Kunsthalle Düsseldorf hat nun die Ehre, beide Ausstellungen erstmals an einem Ort zu zeigen. Im Anschluss wird die Wan­der­aus­stel­lung im Cas­tel­lo di Ri­vo­li bei Tu­rin und im Swiss In­sti­tu­te in New York prä­sen­tiert.

In Düsseldorf sind „Ha­rald Szee­mann. Mu­se­um der Ob­ses­sio­nen“ und „Ha­rald Szee­mann. Gross­va­ter: Ein Pio­nier wie wir“ noch bis zum 20. Januar 2019 zu sehen.

Weiterführende Infos: Video „A Closer Look: Being Harald Szeemann“

A Closer Look: Being Harald Szeemann

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