Der Filmemacher, der eigentlich ein Maler ist

Die meisten Leser werden mit David Lynch wohl zunächst seine Filme verbinden. Schwierige Filme, von denen manche einen zutiefst verunsichern können. „Blue Velvet“
(1986) beispielsweise oder auch „Wild at Heart“ (1990) stellen die Kaputtheit ihrer Figuren, aber auch die der US-amerikanischen Gesellschaft schonungslos aus, und obwohl Lynch vor der Darstellung von Exzessen keineswegs zurückschreckt, sind es weniger die mitunter schockierenden Bilder, die nachwirken. Viel eindrücklicher und beunruhigender ist der subtile Horror des Alltäglichen – das, was Freud das Unheimliche nannte –, der sich zunächst unbemerkt anschleicht und einen dann anspringt, wie etwa in der berühmte Eröffnungsszene von „Blue Velvet“, oder sich oft quälend persistent durch die gesamte Handlung zieht, wie in „Twin Peaks“ oder „Mulholland Drive“. Lynch begann seine Karriere jedoch ursprünglich als bildender Künstler und sieht sich auch heute noch als solcher. Zum Film kam er, wie er sagt, eher zufällig.

Die Wurzel allen Übels

Um sich Lynchs bildnerischem Werk zu nähern, empfiehlt sich das Ansehen der einstündigen Dokumentation „The Art Life“ (Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm, 2017). Sie läuft in der Ausstellung. Zwar ist sie bemerkenswert unkritisch und verlässt sich über weite Strecken auf die schiere Wirkung und die gekonnte Selbstinszenierung Lynchs, offenbart jedoch durch dessen freimütige Erzählungen viel vom psychologischen Hintergrund, vor dem seine verstörenden Werke zu lesen sind. Geboren 1946 im ländlichen Montana, waren Lynchs Kindheit und Jugend von umzugsbedingter Unstetigkeit geprägt. Er berichtet von traumatischen Erfahrungen. Das Künstlerdasein (das Leben als Kunst?) erscheint ihm schon früh als erstrebenswert und als willkommener Ausweg aus einem kleinbürgerlichen Milieu, in dem er sich wechselweise geborgen und ausgestoßen fühlt. Das Verhältnis zu seinen Eltern ist gespalten, denn er stößt im familiären Umfeld oft auf Unverständnis. Vor allem der Vater versucht, ihn auf den „rechten Weg“ zu bringen, und interveniert, wann immer David sich der Verantwortung entzieht, ein „normales“ Leben zu führen. Dennoch liebt David seine Eltern und leidet darunter, ihren Ansprüchen nicht genügen zu können. Die Angelegenheit ist ambivalent.

Zimmer ohne Aussicht

Doch Lynch findet auch bedingungslose Unterstützung in seinem Umfeld. Bushnell Keeler, der Vater eines Freundes und selbst Maler, überzeugt Lynch senior davon, dass David nicht nur das Talent, sondern auch die nötige Disziplin mitbringt, um es mit dem Malen ernsthaft zu versuchen. Fortan darf er sich im Atelier seines ersten Mentors ausprobieren. Keeler ist es auch, der dafür sorgt, dass David eine akademische Laufbahn einschlagen kann. Der ist allerdings nicht besonders überzeugt von sich selbst und fällt angesichts des nahenden Studienbeginns in eine Schockstarre. In seinem ersten eigenen Apartment in Boston sitzt er mehrere Tage in einem Sessel, den er nur verlässt, um zu essen und um zu pinkeln. Später sammelt er im Keller einer anderen Wohnung Kleintierkadaver. Sein Vater bemerkt dazu desillusioniert: „David, du solltest niemals Kinder haben.“ Zu diesem Zeitpunkt wissen beide noch nicht, dass Davids erste Freundin mit dem gemeinsamen Kind schwanger ist. Eine Familie zu versorgen und gleichzeitig „The Art Life“ zu leben, fällt dem jungen Lynch schwer, doch trotz großer Selbstzweifel eröffnen sich ihm immer wieder Gelegenheiten, sich als Künstler zu behaupten. Ganz offensichtlich ist, dass Lynchs Kindheit und Jugend (zumindest zeitweise) von Ängsten geprägt waren, die er später in seinen Werken verarbeitet und die sich dort (bis heute) als wiederkehrende Narrationen niederschlagen.

Das Herz der Finsternis

Gewappnet durch die Erkenntnisse aus der Dokumentation, lässt sich das Folgende leichter durchdringen beziehungsweise besser verdauen. Die Zeichnungen und Fotos, die es zu Beginn des Rundgangs durch die Ausstellung zu sehen gibt, wirken in erster Linie kryptisch und erzeugen ein leichtes, undefinierbares Befremden; genau das, was man – in Kenntnis seiner Filme – von einem David Lynch erwarten würde. Je tiefer man sich in die Ausstellung begibt, desto unheimlicher aber wird die Stimmung. Im ersten großen Raum erschlagen einen dann urplötzlich riesige Assemblagen hinter Glas. Alleine die Maße der Bilder und der ungewöhnlichen, sicher 30 Zentimeter tiefen Rahmen hauen einen buchstäblich aus den Socken. Noch überwiegen Staunen und Neugier. What the fuck! Die spärliche Beleuchtung, auch als Teil der Reliefs selbst, erzeugt eine eigentümliche Theatralik und lässt Details geradezu monströs in den Raum treten. Ich wähne mich in einer Asservatenkammer oder inmitten von Dioramen in einem von der Welt vergessenen Naturkundemuseum. Ihren infernalischen Höhepunkt erreicht die Ausstellung im folgenden, noch größeren Raum. Noch viel mehr hängende Vitrinen. Sätze aus „The Art Life“ ploppen im Gehirn auf. Lynch öffnet die Büchse der Pandora, aus der mir das Ensemble seiner Kreaturen mit voller Wucht in seiner Dreidimensionalität entgegentritt und mir den Schrecken durch alle Glieder fahren lässt. Willkommen auf der Via Dolorosa des David Lynch. Beim Verlassen der Ausstellung bin ich in Schweiß gebadet. Es fühlt sich an, als wäre ich gerade aus einem Alptraum aufgewacht. „Jemand ist in meinem Haus“, höre ich mich sagen.
Eckhard Heck

noch bis 28.04.2019
Bonnefantenmuseum, Maastricht | bonnefanten.nl
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (59 Euro). Die oben erwähnte Doku „The Art Life“ ist im Museumsshop für 17,50 Euro erhältlich, anderswo aber günstiger zu haben. Das Fotografieren in der Ausstellung ist erlaubt.

 

 

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