Ein Kiosk ist ein Kiosk ist ein Kiosk. Und deshalb verkauft sich im Lollipop im Preuswald am besten, was sich offenbar in allen Kiosken am besten verkauft: Tabak und Getränke. Dabei war Lollipop als einzige Verkaufsstelle im Preuswald so angelegt, dass sich hier Bürger mit Dingen des täglichen Bedarfs eindecken können.

Lollipop – so der wohlklingende Name, der im Rahmen eines Namensfindungswettbewerbs unter den Bürgern des Preuswalds ermittelt wurde, dürfte zu den Kiosken der Stadt gehören, an denen man nun wirklich nie „einfach so“ vorbeikommt (vielleicht muss man sich aber sowieso eingestehen, dass man im Grunde immer nur an den Läden des eigenen Viertels vorbeikommt). Es sei denn, man fährt bewusst in diese Siedlungsenklave, die vor 50 Jahren als moderne Wohngegend außerhalb der Stadt aus dem Boden gestampft wurde.
Das Lädchen liegt in einem pastelligen Gebäudekomplex der Wohnungsbaugesellschaft Vonovia, die rund 650 Wohnungen im Preuswald betreibt. Zuletzt gab es in dieser Ladenzeile eine Pizzeria und ein Café – sie haben geschlossen, so wie alles andere, was hier einmal war.

In den Anfangsjahren wurde den Bewohnern des Stadtteils ein Ladenzentrum angepriesen „mit mehr Dienstleistungen, als es früher auf dem Dorf der Fall war“. Gehalten hat sich keiner der Läden. Heute geht man davon aus, dass rund 2.000 Bewohner für ein Viertel wie dieses und deren Kaufkraft nicht reichen, um es für Läden attraktiv zu machen. Ein Viertel jedoch lebt von seinen Läden und und dem bunten Treiben drumherum. Wenn nichts da ist, wird auch ein Wohnviertel unattraktiv.
Deshalb wurde 2011 in der Reimser Straße 76 auf Betreiben der 2010 gegründeten Stadtteilkonferenz Preuswald ein Stadtteilbüro errichtet, das ein offenes Ohr für die Bewohner hat und sich um ihre Belange kümmern soll. Ein Wunsch der Anwohner war es, die Einkaufsmöglichkeiten wieder auszubauen. Und so betreibt hier die AWO seit 2015 den Kiosk Lollipop, wo man montags bis freitags von 7 bis 17 Uhr einkaufen kann.

Als ich an einem Donnerstagvormittag vor dem Kiosk parke, verlässt gerade ein Kunde den Laden, unter dem Arm eine Packung Toilettenpapier. Vor dem Gebäude steht ein Schild, das auf die Dienstleistungen im Haus hinweist. Eine Naturheilpraxis ist ansässig, die sich auf Darmsanierung spezialisiert hat. Ob das Viertel wohl vielen Menschen auf den Magen schlägt? Gegenüber beim Damen- und Herrensalon „Creativ Hair Style“ lassen sich gerade mehrere ältere Kunden die Haare machen.

Ich betrete das Lollipop. Die sympathisch wirkende Verkäuferin hinter dem Tresen möchte zunächst nicht mit mir sprechen, als ich mich als Presse vorstelle. Sie spreche zu schlecht Deutsch, ich solle in zwei Wochen wiederkommen, wenn die Kollegin aus dem Urlaub zurück sei. Zwei Wochen warten kann ich nicht, und es stellt sich heraus, dass ihr Deutsch doch recht passabel ist und einer Plauderei nichts im Wege steht.
Mit ihrer Familie lebt sie seit einigen Jahren im Preuswald. Man sei hierhergezogen, weil es ruhiger sei als in der Stadt. Ihr Sohn musste sich daran gewöhnen. „Hier ist nichts“, sage er manchmal. In den Wald gehe sie als Frau nicht alleine, Spaziergänge habe man anfangs gemacht, jetzt weniger.

Vormittags arbeitet sie im Kiosk Lollipop. Tabakwaren verkaufen sich hier sehr gut, ebenso Getränke. In den Regalen liegen Zeitschriften, die „Landlust“ zum Beispiel und Comics für Kinder. Es gibt eine kleine Brötchentheke, auf einem Tisch stehen Holzkästen mit ein paar Äpfeln aus Belgien, Eiern und Kartoffeln – das hatten sich die Anwohner gewünscht –, nachgefragt werden sie jedoch wenig. In der Ecke am Fenster steht ein Bambustisch, daneben vier Stühle. Anfang Januar ist die Weihnachtsdeko noch nicht abgebaut. Hier träfen sich die Arbeiter des Viertels zum Kaffeetrinken, erzählt die junge Frau. Wie überall.

Was ihr im Viertel fehlt? Eine Apotheke und eine Drogerie, so ihre Anregung. Ob sie sich auf den neuen Aldi freut, der derzeit in fußläufiger Entfernung gebaut wird? Ja schon, aber das sei dann wohl leider auch Konkurrenz zum Kiosk, gibt sie zu bedenken.

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