Zwei Fotografen dokumentieren die Wiederauferstehung des „gefährlichsten Hochhauses der Welt“

54 Stockwerke, erbaut für die wohlhabende weiße Bevölkerung in Johannesburg, Südafrika. 1.500 Menschen sollten in den 465 Apartments leben. Später waren es bis zu 10.000 – innerhalb eines Jahrzehnts war das Gebäude zum vertikalen Slum verkommen. Mikhael Subotzky und Patrick Waterhouse haben sechs Jahre lang das Leben im Ponte dokumentiert – zu einer Zeit, als das Schlimmste bereits überwunden war.

Satte vier Kilo wiegt das Gesamtkunstwerk „Ponte City“, bestehend aus Bildband, Booklets und Schatulle, von Mikhael Subotzky und Patrick Waterhouse. Mit Förderung des Goethe-Institut South Africa dokumentierten die beiden Fotografen – Mikhael Subotzky war übrigens einer der jüngsten Fotografen der Fotoagentur Magnum – zwischen 2008 und 2014 den Zustand des Gebäudes.

1972 war das Gebäude die Prestige-Adresse für wohlsituierte Weiße in Johannesburg. Schwimmbad, Tenniscourts, 40 Geschäfte und Kioske sowie sieben Etagen Parkdecks sollten den Mietern, die die über 450 Apartments und Lofts bewohnten, zur Verfügung stehen, im zentralen Innenhof des runden Gebäudes sollte es Unterhaltung und Kurzweil geben. Der Traum zerplatzte schnell. In dem unübersichtlichen Komplex machten sich während der politischen Umbrüche in den 80er und 90er Jahren Banden breit, illegale Flüchtlinge suchten Unterschlupf, das Gebäude verkam zu Megabordell und Drogenhölle. Statt Unterhaltung gab es im Innenhof Müll, der achtlos aus Fenstern geworfen wurde (wer bringt schon gerne aus dem 48sten mal schnell den Müll runter?) – er soll sich bis zur fünften Etage gestapelt haben. 1998 gab es die Überlegung, das Gebäude in ein gigantisches Gefängnis umzufunktionieren – man hätte dazu nur abschließen müssen, so ein gängiger Witz aus der Zeit.

Zehn Jahre später, als Mikhael Subotzky und Patrick Waterhouse ihr ambitioniertes Projekt starteten, befand sich das ikonische Gebäude wieder im Aufschwung. Zwar war ein Investor, der eine Luxussanierung angestrebt hatte, gerade gescheitert, doch seine Nachfolger schafften es, den Verfall zu stoppen. Wohnungen wurden saniert, der Müll wurde geräumt und ein Sicherheitssystem eingebaut, sodass nur noch Mieter das Gebäude betreten konnten. Hausmeister kümmerten sich jetzt rund um die Uhr um die Belange von Haus und Mietern.
In ihrem Fotobuch zeigen die beiden Fotografen Aufnahmen von jeder Wohnung, jedem Fenster, jedem Fernseher und jeder Eingangstüre im Haus und – sofern die Bewohner dem zustimmten – Porträts der Menschen.
Wie enthusiastisch Subotzky und Waterhouse an ihrem Projekt arbeiteten, beweisen auch die 17 zusätzlichen, liebevoll und individuell gestalteten Booklets, die dem schweren Fotoband beiliegen. Jedes widmet sich einem anderen Thema. Eins zeigt gesammelte Zeitungsausschnitte zu 40 Jahren Ponte. Ein anderes leere Wohnungen, in denen alte Fotos von ehemaligen Bewohnern gefunden wurden, die dann über die Fotos der Zimmer montiert wurden, als wären die Bewohner noch anwesend, und die von vergangenem Glück berichten. Lyrikern wird Platz geboten, ihre Gedanken zum Ponte aufzuschreiben, es gibt Ausschnitte aus Erzählungen und Interviews. Besonders berührend ist das kleine Büchlein zum Thema heruntergefallene Dinge. Gegenstände, die heruntergeschleudert werden und andere verletzen, und Menschen, die ihrem Leben mit einem Sprung aus dem Ponte ein Ende bereitet haben.

Mit 100 Euro ist das Buch kein Schnäppchen, aber es ist definitiv jeden Cent wert und nicht nur ein Highlight in jeder Fotobuchsammlung, sondern es bietet mehrere Stunden Stoff für Recherche und eine Entdeckungsreise in die Untiefen und schwindelerregenden Höhen des monströsen Riesen unter den Wohngiganten. Alleine bei der Vorstellung, sich im dreistöckigen Loft auf dem Ponte zu befinden, kann einem schlecht werden. 2015 wurden die beiden Künstler für den Bildband mit dem Fotopreis der Deutschen Börse ausgezeichnet.

Mikhael Subotzky, Patrick Waterhouse: Ponte City
Verlag Steidl 2014, 192 Seiten, fester Einband/Leineneinband in Kassette,
23,7 x 36,5 cm, Englisch, 100 Euro

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