Das moderne Publikum verlangt nach Schauwerten. Dünen, Metropolen, Dubai, Wakanda. Als episch wird eine Kinoproduktion nur noch betrachtet, wenn sie dreimal um die Welt springt, als wäre Kino eine Vergnügungsfahrt in beschienten Sesseln. Doch warum sich von Actionszene zu Actionszene, von Kontinent zu Kontinent hangeln, wenn der ganze Film eine singuläre Actionsequenz sein kann? Das Nakatomi Plaza aus „Stirb langsam“ (1988) bleibt hierbei der Goldstandard, der Burj Khalifa des Actionfilms auf begrenztem Raum. Spätestens seitdem taucht das Hochhaus immer wieder als Schauplatz im explosiven Kinogenre auf. Die Apartmentsiedlung als gesellschaftlicher Mikrokosmos und senkrechte Verlaufsbahn zwischen Arm und Reich ist vielleicht eine wenig subtile, aber ungemein visuelle Metapher. Zwei Filme jüngerer Vergangenheit arbeiten sich am Erklimmen des Wohnturms in herausragendem Maße ab. Dabei sind die Parallelen zwischen „The Raid“ (2011) und „Dredd“ (2012) so eklatant, dass der Verdacht auf Hollywood-Spionage eigentlich naheläge, entstammten beide Filme nicht grundverschiedenen Welten: Im indonesischen Martial-Arts-Streifen „The Raid“ kämpft sich eine hoffnungslos unterlegende Polizeitruppe Etage für Etage zu einem Drogenbaron im obersten Geschoss hoch. In der US-Comic-Verfilmung „Dredd“ kämpft sich ein hoffnungslos unterlegener Judge Dredd Etage für Etage zu einer Drogenbaronin im obersten Geschoss hoch. Wirkt die Handlung auch wie gepaust, inszenatorisch trennen die Filme Stockwerke. „The Raid“ nutzt eine fast dokumentarisch anmutende Handkamera, um den Gewaltexplosionen einen schmerzlich naturalistischen Anschein zu geben, während „Dredd“ vor allem auf die Verfremdungseffekte von Superzeitlupen setzt, um die expliziten Gewaltdarstellungen nahezu zu ästhetisieren. „The Raid“ (u. a. Amazon, iTunes und Google Play) und „Dredd“ (Netflix) zeigen, dass es weder einer komplizierten Handlung noch ausufernder Drehorte bedarf, um gutes Kino zu machen. Die Lektion für den Fiesling ist seit „Stirb langsam“ dabei fast immer gleich: What goes up, must come down.
Ihr Thomas Glörfeld

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