ARCH+ 203


Planung und Realität – Strategien im Umgang mit Großsiedlungen

Es geht um Superlative. Um nichts weniger als die „Höhenflüge der Boomjahre“ des Wirtschaftswunders, die jeder größeren Stadt in Deutschland Satellitenstädte bescherten, neben denen Siedlungen wie der Aachener Preuswald wie Puppenstuben wirken. Zehnmal größere Trabantensiedlungen, geplant für 20.000 Bewohner und mehr, schossen aus dem Boden, in Windeseile wurden die modernen Städte der Zukunft aufgebaut, autofreundlich zwischen Straßen im Grünen vor den Städten eingekeilt, die Wohnungen bestückt mit Serienküche und Wannenbad, eine Sensation für die Menschen, die zu der Zeit teilweise noch in Notunterkünften in den deutschen Innenstädten lebten. Kritiker wie der Journalist Wolf Jobst Siedler, die in den Siedlungen kein „erregendes Abenteuer“ sahen, sondern sie als Kunstgebilde ohne städtisches Leben bezeichneten, stießen auf taube Ohren (vgl. Fallstudie 1). Und doch sollte er recht haben. Es dauerte keine zwei Jahrzehnte, da prägten genau diese Siedlungen den neuen Begriff „sozialer Brennpunkt“. Seitdem sind Städtebauer – nicht nur in Deutschland – mit der Schadensbegrenzung beschäftigt. Wenige Großsiedlungen wie die Olympiastadt in München (Fallstudie 6) teilen das Schicksal nicht und erfreuen sich ohne nennenswerte Unterbrechungen großer Beliebtheit.

ARCH+ bietet auf 128 Seiten reichlich Lesestoff, der sich dem Phänomen der großen Träume und der ernüchternden Realität annähert, und zeigt in interessanten Studien die Entwicklung diverser Siedlungen auf.
Dabei ist dies kein Werk von Journalisten, das Magazin mit Wurzeln auch in Aachen und die letzte unabhängige konzeptuelle Architekturzeitschrift in Deutschland verfolgt akademische Ansprüche. Entstanden ist ARCH+ 1968 zeitgleich zum Aachener Preuswald. Ab den 70er Jahren hatte das Magazin einen Sitz in Aachen und wurde seinerzeit sogar in der Druckerei des Klenkes gedruckt. Seit Mitherausgeberin Sabine Kraft im Jahr 2016 verstorben ist, ist der Hauptsitz Berlin.

arch+
Planung und Realität, Ausgabe 203 von 2011, 16 Euro, archplus.net

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