Obwohl das Horrorgenre sich bereits im frühen 20. Jahrhundert in Literatur und Film modernisierte, waren seine Schauplätze zunächst nur leichte Transponierungen der gotischen Schlösser aus der klassischen Periode – entlegene Ortschaften oder große, alte Häuser, die dann auch schon mal in der Stadt stehen konnten. Das ergibt sich freilich aus zwei grundlegenden Motiven des Genres: zunächst das Böse, das aus der Vergangenheit in die Gegenwart eingreift, und dann auch das Grauen, das über eine ansonsten scheinbar heile Welt hereinbricht. Warum aber nicht in einer unschönen Umgebung noch unschönere Ereignisse stattfinden lassen?

Die britischen Autoren Ramsey Campbell und Clive Barker gehörten zu den ersten, die ein durch und durch unromantisches urbanes Setting für ihre Geschichten wählten, und einer der ersten Filme mit diesem Muster entstand dann auch nach einer Vorlage des Letzteren. „Candyman“ (Bernard Rose, 1992) verlegt die Geschichte über einen rachsüchtigen Geist von Liverpool nach Chicago und spielt größtenteils im Cabrini-Green-Komplex im Norden der Stadt. In den 40er Jahren erbaut, ergriffen hier bald verschiedene Gangs die Kontrolle, und die Dreharbeiten vor Ort konnten auch nur deswegen durchgeführt werden, weil man die Gangmitglieder mit Statistenrollen versah. Die Location gibt dem Film einen besonderen Reiz, wurde 2011 aber schlussendlich abgerissen.

„Linkeroever“ (Pieter van Hees, 2008) trägt den Namen seines Handlungsorts bereits im Titel. Auf der gegenüberliegenden Seite der Schelde von Antwerpen gelegen, wurden im Mittelalter hier Aussätzige und andere Menschen, die in der Stadt nicht gelitten waren, ansässig, in den 70er Jahren entstanden dann mehrere Wohnsilos. Im Film zieht eine junge Leistungssportlerin, die plötzlich an einer merkwürdigen Krankheit leidet, zu ihrem neuen Freund, der dort ein Apartment besitzt. Bald merkt sie aber, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Der Film hatte es bislang schwer, ein Publikum zu finden, weil er sich bewusst der Zuordnung zu einem eindeutigen Genre verweigert. Gerade das macht ihn aber neben seiner einzigartigen Atmosphäre und dem überraschend konsequenten Ende zu einem der interessantesten „Horrorfilme“ der letzten Jahre. Die Hochhäuser stehen auch noch – geht aber nicht durch den Tunnel dorthin.

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