Premiere: Trouble in Tahiti / A Quiet Place


Trouble in Tahiti / A Quiet Place. Premiere im Theater Aachen am 10. Februar 2019 | Probenfoto: Carl Brunn

Einen „Mozart für Amerika“ wünschte sie Leonard Bernstein, als er Mitte der 50er Jahre in einer amerikanischen Fernsehshow auftrat. Er war der Überzeugung, die Zukunft einer amerikanischen Oper liege in einer attraktiven Mischung aus Musical und europäischer Oper in Kombination zu einer Handlung, die aus dem Leben der Amerikaner gegriffen sei.

Kurz vor dem Auftritt in der Fernsehshow hatte der 1918 als Sohn jüdisch, russisch-ukrainischer Immigranten geborene Bernstein geheiratet und zeitgleich mit der Arbeit an „Trouble in Tahiti“ begonnen. Später mutmaßten Kritiker, er habe sich mit seinen Ängsten bezüglich des Alltagsleben einer Ehe auseinandergesetzt.
Große Erfolge feierte Bernstein in New York ab 1957 mit seinem Musical West Side Story (zu sehen am Theater Aachen 2014). Von 1958 bis 1969 war er als erster US-Amerikanischer Chefdirigent des New York Philharmonic Orchesters. Erst knapp 30 Jahre nach der Entstehung des Stücks „Trouble in Tahiti“ spann er mit „A Quiet Place“ die Familiengeschichte weiter, die er 1951 begonnen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war im realen Leben seine Frau bereits verstorben.
Von beiden Stücken gibt es Kammerfassungen von Garth Edwin Sunderland.

Trouble in Tahiti / A Quiet Place. Premiere im Theater Aachen am 10. Februar 2019. Probenfoto: Carl Brunn

Diese beiden Kammerfassungen verknüpft Regisseurin Nina Russi geschickt zu einer Familiensaga. Sie zeigt ein Modelleben in einem Modellhaus – ein Szenario wie man es sich klassischer und vielleicht auch klischeehafter kaum vorstellen kann – sicherlich dürften diese und ähnliche Szenarien nicht nur den Amerikanern vertraut sein.
Die Inszenierung startet mit „A Quiet Place“ – Ehefrau Dinah ist verstorben. Wie sich später herausstellen wird, ist sie freiwillig aus dem Leben geschieden. Am Sarg treffen sich ihr Mann Old Sam (Wieland Satter) Freunde und Familie. Alte Konflikte flammen auf, als die Kinder zu spät erscheinen und auch sonst keine Fettnäpfchen auslassen. Tochter Dede (Katharina Hagopian) ist angetrunken, Sohn Junior (Fabio Lesuisse) Schlimmeres. Die Trauergesellschaft schwirrt durch die Zimmer – die Bühne dreht sich und gibt immer neue Einblicke in die Zimmer preis. Das große Wohnzimmer mit Dinahs Sarg, die Küche, wo man zu Häppchen zusammenkommt. Die Toilette, ein geeigneter Ort um sich zurückzuziehen oder sich für kurze Aussprachen zu treffen. Die Kinderzimmer – konserviert unter Plastikfolien.

Trouble in Tahiti / A Quiet Place. Premiere im Theater Aachen am 10. Februar 2019. Probenfoto: Carl Brunn

Die zweite Szene spielt in gleicher Kulisse, wie durch einen Bildschirm blickt man auf die Bühne, die jetzt in ein wärmeres Licht gehüllt ist, – wie Voyeure schaut man zurück in die Vergangenheit. Im kleinen weißen Haus lebt Young Sam (Ronan Collett), der sich als „Winner“ sieht. In seiner kleinen Welt ist er erfolgreich, jedoch desinteressiert an den Wünschen, Träumen und Bedürfnissen seiner Frau Dinah (großartig: Fanny Lustaud). Diese hat offenbar vor längerer Zeit aufgegeben. Den ganzen Tag im verrutschten Morgenrock, aus dem teils unschicklich die Wäsche herauslugt, Lockenwickler im Haar, ist sie nicht in der Lage, ihre Haushaltspflichten adäquat zu erfüllen oder Aufmerksamkeit für den kleinen Junior (Doppelbesetzung Milan Flecht / Tassilo Wettstein) aufzubringen. Das Geld das der Gatte nach Hause bringt, setzt sie – sehr zum Ärgernis des Gatten – beim Psychiater um. Ihr Kind bleibt Statist im Leben der Eltern. Außenstehender, der ihrem Treiben zuschaut und dabei – so wird es suggeriert – seine Neurosen entwickelt, die er später in „A Quiet Place“ zur Schau stellt.
Dinah erwacht nur, wenn sie sich Filme im Fernsehen anschaut, oder ist es ein Traum? Dann trägt sie schöne Kleider, ihre Haare sind gemacht, Marilyn Monroe gleich singt und tanzt sie über die Bühne, nur das Kleid ist grün statt weiß.
Dass der Zuschauer das Stück als bitterböse Gesellschaftssatire verstehen soll, spiegelt sich auch in der Musik wieder. Während das Ehepaar wahlweise streitet oder sich in Langeweile ergeht trällert das Radio grotesk fröhlichen Swing – herrlich witzig intoniert von einem kleinen Chor am Bühnenrand.
Nach dem Blick in die Vergangenheit geht es in der Gegenwart weiter. Konflikte brodeln auf und ebben ab, es geht um Inzest, Homosexualität und alle anderen Problem, die Familien zerrütten können – dabei weiß man nicht: Ist es passiert, oder reimt sich der offenbar etwas labile Junior da nur etwas zusammen? Aber spielt das überhaupt eine Rolle? Die Bühne dreht sich weiter, die Protagonisten treffen sich wieder in den verschiedenen Zimmern, stöbern in Erinnerungen, lesen einen Abschiedbrief vor, nähern sich an, entfernen sich wieder, streiten, lachen, nähern sich wieder an. Welche Schlüsse werden sie für ihr Leben ziehen? Das kleine weiße Haus mit seinen Räumen wird sich immer weiterdrehen. In einer Endlosschleife wie das Leben mit dieser oder einer anderen Familie darin, die es vielleicht besser macht oder auch nicht.

Trouble in Tahiti / A Quiet Place. Premiere im Theater Aachen am 10. Februar 2019 | Probenfoto: Carl Brunn

Obwohl der Abend mit zwei Erkrankungen bei den Hauptrollen nicht gerade unter günstigen Voraussetzungen stattfand, goutierte das vollbesetzte Haus die Leistung des Ensembels zwar nicht mit Standing Ovations jedoch mit sehr lang anhaltendem Applaus und vereinzelten Bravo-Rufen.
Katharina Hagopian konnte ihre Rolle nicht selber singen, hatte sich aber trotz Erkrankung entschieden, die Rolle der Dede zu spielen. Von der Seite wurde sie gesanglich hervorragend unterstützt von Evmorfia Metaxaki. Evmorfia Metaxaki singt eigentlich am Theater in Lübeck und wird dort in ein paar Wochen in „A Quiet Place“ auf der Bühne stehen. Sebastiá Peris unterstützte Ronan Colett (Sam in „Trouble in Tahiti“), den am Premierenabend ebenso ein Infekt erwischt hatte. Live-Aufführungen spielen ihren Reiz nunmal auch in der Improvisation und Unmittelbarkeit aus.

Trouble in Tahiti / A Quiet Place Opern von Leonard Bernstein
ab Februar 2019 auf dem Spielplan

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