Stella – seichter Liebesroman zu schwerem Stoff

stella

„Selbst Stella Goldschlag hat diesen Roman nicht verdient“, urteilt die Süddeutsche vorgestern über Takis Würgers neuestes Werk „Stella“. Und sie hat recht. Mit naiver Arroganz hat sich der Jungautor mit einer banalen Liebesgeschichte an einem Thema verhoben, von dem er besser die Finger gelassen hätte. Das Buch ist ein einziges Ärgernis. Und nachdem man am Ende noch zweieinhalb Seiten selbstverliebter Danksagungen des Autors gelesen hat, bleibt man verstört und beschämt zurück.

Der Hintergrund: Stella Goldschlag

Stella ist Stella Goldschlag, eine junge Jüdin, 1922 in Berlin geboren. In die Geschichte eingegangen ist sie als Denunziantin der Gestapo, als Kollaborateurin, die sicher 200 Juden verraten hat, die meisten landeten im KZ. Ihr Lebensweg ist tragisch, die junge Frau lehnt schon in früher Jugend die ihr von den Nazis zugedachte Rolle der Jüdin ab. Die Versuche der Familie, in die USA auszuwandern, scheitern. Stellas erster Mann, der Musiker Manfred Kübler, versucht, das Land auf der St. Louis zu verlassen, doch kein Hafen lässt das Schiff anlegen. Küblers Familie muss nach Deutschland zurückkehren. Das junge Ehepaar muss als Zwangsarbeiter in einer Fabrik arbeiten. Als Nazis die Fabrik stürmen, entkommt die blonde Stella, ihr Mann wird deportiert und stirbt kurz darauf 21-jährig in Auschwitz. Stella lebt im Untergrund, wird eines Tages verraten, inhaftiert und gefoltert. Die Nazis bieten ihr einen Deal an: Sie kann als Greiferin arbeiten und damit ihre ebenfalls inhaftierten Eltern retten. Obwohl sie als „blondes Gift“ in Berlin Juden ans Messer liefert, werden ihre Eltern nicht verschont. Auch sie sterben in Auschwitz. Die Anfang 20-Jährige macht weiter, rettet damit das eigene Leben und wird nach dem Krieg zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Leben Fuß fassen wird sie nie mehr. Selbst von der eigenen Tochter, die man ihr nach dem Krieg weggenommen hatte, wird sie gehasst. 1994 beendet sie ihr Leben durch einen Sprung aus dem Fenster. So weit knapp zusammengefasst der Hintergrund.
In Würgers Roman sucht man diesen vergeblich.

Seichter Groschenroman verfehlt Thema

Der Autor trivialisiert den Stoff in jeglicher Hinsicht. Erfindet einen jungen Mann, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Der seine Kindheit und Jugend in der neutralen Schweiz verbringt (bloß nicht mit dem Naziregime auseinandersetzen). Im ersten Drittel des Buches schildert er das Leben mit seinen Eltern in der Schweiz, dann bricht der gelangweilte und naive junge Mann 1942 nach Berlin auf, desinteressiert am Krieg und unreflektiert. An einer Kunstschule verliebt er sich in Kristin, geht eine Liebesgeschichte mit „Pünktchen“ ein, wie er sie nennen soll („vielleicht weil er so ein Anton ist“, schreibt die Süddeutsche). Erst nach der Hälfte des Buches stellt sich heraus: Es ist Stella. Nachdem sie geschnappt und gefoltert wurde, gesteht sie ihm, dass sie Jüdin ist. Ihm ist das egal – Hintergründe werden nicht wirklich erläutert – und er will ihr helfen, aber so doll auch wieder nicht. Schließlich geht er zurück in die Schweiz, und das war dann auch schon die Story.

Dazwischen gibt es ein bisschen Namedropping, da wird mal Cioma Schönhaus erwähnt, den sie aufspüren soll, und alle paar Seiten heben sich Textstellen kursiv ab: Zeugenaussagen über den Verrat, den sie an Juden begangen hat, zu denen sie sich nicht zählen wollte.

Nein, selbst Stella Goldschlag hat diesen Roman nicht verdient. Er wird der Geschichte nicht gerecht, weder ihrer noch der Geschichte der verratenen Personen noch Cioma Schönhaus, dessen Rolle zu erklären sich der Autor keine Mühe macht. Ein so sensibles Thema derart platt zu verpacken ist nicht Erinnerungskultur, sondern billigste Effekthascherei auf niedrigstem Niveau. In den erwähnten Dankesbekundungen liest man unter anderem, dass er sich nicht mal die Mühe gemacht hat, die kursiven Textstellen zu tippen – nein, diese habe seine Tante für ihn abgeschrieben. Man möchte im Erdboden versinken.
Was den Autor nun angetrieben hat und warum er für seine fiktive Geschichte nicht fiktive Personen gewählt hat, kann man nur mutmaßen.
Der Klappentexter Daniel Kehlmann schreibt, das Buch habe „Aberwitziges vor: das Unerzählbare erzählen“. Man wünscht sich, es wäre in diesem Falle unerzählt geblieben.
Auch Karl Alich, der als Anwalt die Erben Stella Goldschlags bezüglich deren publizistischer Persönlichkeitsrechte vertritt, kritisiert die Arbeit des Autors und die Banalisierung des Themas. Zudem wirft er Würger unseriöse Arbeit vor, so sollen die Akten, aus denen zitiert wird, gar nicht mehr existieren. Eine Klage wird erwogen, derzeit wird jedoch auf eine Verständigung mit dem Hanser-Verlag gesetzt.
Alles sehr unerfreulich.

„Stella“ von Peter Wyden

Wer sich ernsthaft mit dem Thema Stella Goldschlag auseinandersetzen möchte, dem sei ein anderes Werk empfohlen, das ebenfalls den Titel „Stella“ trägt und das 1992 erschienen ist. Es stammt von Peter Wyden, einem ehemaligen Klassenkameraden Stellas, der als Junge in die unerreichbare Mitschülerin, den Schwarm aller Jungen, verliebt war. Seinen Eltern gelang es, mit ihm in die USA auszuwandern, während die Versuche von Stellas Vater scheiterten, die Familie in Sicherheit zu bringen: Eine gebuchte Schiffspassage muss verfallen, weil Papiere fehlen. Als sie da sind, befindet sich die Familie zu weit hinten auf der Warteliste zur Ausreise. Zuvor hatte Stellas Lehrerin für die Jugendliche eine Ausreise ins Ausland organisiert, sie kann 80 Schüler retten, doch Stellas Vater verbietet die Ausreise der einzigen Tochter. Das Schicksal nimmt seinen Lauf.
In jahrzehntelanger Arbeit recherchierte Wyden die Geschichte seiner Mitschülerin, sprach mit unzähligen Zeitzeugen, mit Stella Goldschlags Tochter und auch mit Stella selbst.
Sein Buch entfachte heftige Diskussionen, und wer es liest, wird sich der Frage nach der Schuld nicht entziehen können. Wer ist Täter? Wer ist Opfer? Darf es eine Erklärung für Schuld geben? Darf man die Beweggründe von Tätern verstehen? Auch Peter Wyden wurde für sein Werk von vielen verurteilt. Ja, teilweise warf man ihm sogar vor, Stella Goldschlag nicht ermordet zu haben, und forderte ihn zur Herausgabe ihrer Adresse auf.
Peter Wyden hat Stella Goldschlags Geschichte 1992 auch im Spiegel erzählt. Spiegelautor Takis Würger hätte gut daran getan, es dabei zu belassen.

Takis Würger: Stella
Carl Hanser Verlag, 2019
22 Euro

Peter Wyden: Stella
Anchor Books, 1993
derzeit nur in Englisch erhältlich

 

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